Tinte (lat. atramentum, frz. enere, engl. ink) ist schon in den ältesten Zeiten zum Schreiben angewendet worden. Fast allgemein bediente man sich der schwarzen T., die aus Ruß, Gummi und Wasser bereitet wurde. Außerdem waren auch farbige T. im Gebrauch, welche ebenso wie die schwarze T. mit feinen Pinseln aufgetragen wurden. Das Alter der noch jetzt angewendeten schwarzen T. reicht, wie es scheint, nicht bis ins 3. oder 4. Jahrh. n. Chr. hinauf. (Vgl. Wattenbach, «Das Schriftwesen des Mittelalterse, 2. Aufl., Ipz. 1875.) Die T. besteht immer noch aus gerbsaurem und gallussaurem Eisenoryd und Oxydul, welches in mit Gummi dicklich gemachtem Wasser zum kleinen Teile gelöst, zum größten Teile aber darin suspendiert ist. Während man ehedem die T. aus einer Abkochung von Eichenrinde und Eisenvitriol bereitete, sind seit langer Zeit schon an die Stelle der erstern Galläpfel oder das aus diesen dargestellte Tannin getreten. Eine gute schwarze T. erhält man aus 2 kg gestoßenen Galläpfeln, die man mit 141 Wasser auskocht; zu der durchgeseihten Abkochung setzt man 0,5 kg Senegalgummi, dann 0/5 kg Eisenvitriol, welches man vorher in derjenigen Menge Wasser gelöst hatte, die nötig war, um die Flüssigkeit auf 161 zu ergänzen. Das Schimmeln der T. sucht man durch Zusatz geringer Mengen von Quecksilberchlorid (Sublimat) zu verhüten. Gleichen Dienst thun viele ätherische Gle, wie Nelkenöl oder Wintergrünöl, oder einige Tropfen Carbolsäule, oder etwas Thymol oder Salicylsäure. Der in den Tintenfässern sich bildende schwarze Absatz dient zum Bezeichnen der Collis. Die Enerebleue de Rouen, die man in Frankreich und andern Ländern als Surrogat der schwarzen T. häufig verwendet, wird erhalten, indem man 750 g Blau⸗ oder Campecheholz, 35 g Alaun und 31 3 arabisches Gummi eine Stunde lang mit 61 Wasser kocht und die Abkochung nach dem Absetzenlassen durch Leinwand filtriert. Das Tintenpulver ist ein Gemisch von 560 g Galläpfeln, 112 g arabisches Gummi und 112 g Eisenvitriol; ewöhnlich setzt man dem Pulver einige Tropfen Ienen, angenehm riechenden ätherischen Oles zu; die Galläpfel lassen sich auch durch 220 g Tannin ersetzen; zur Bereitung der T. wird 1 kg Tintenpulver mit 3 1 Wasser übergossen und von Zeit zu Zeit umgerührt; nach einigen Tagen ist die T. zum Gebrauch fertig. Die sog. Chromt inte oder Rung esche Tinte besteht aus einer mit einer sehr geringen Menge chromsaurem Kali versetzten Blauholzabkochung; ungeachtet unverkennbar guter Eigenschaften (große Wohlfeilheit, angenehme Schwärze, leichtes Fließen aus der Feder und Nichtangreifen der Stahlfedern) ist die Chromtinte doch niemals recht in Aufnahme gekommen. Die von Leonhardi in Dresden erfundene Alizarintinte hat sich dagegen weit verbreitet. Vor der gewöhnlichen Tinte hat sie den Vorzug, daß sie ein klares und dünnflüssiges Liquidum darstellt und gut aus der Feder fließt. Da sie auf dem Papier zu einem firnisähnlichen Überzuge eintrocknet, welcher frisch beim Befeuchten erweicht, so bildet sie eine gute Kopiertinte. Im frischen Zustande besitzt sie eine grünlichblaue Farbe, welche erst nach mehrern Tagen in ein tiefes Schwarz übergeht. Die grünliche Farbe der T. rührt her von einer Beimengung einer kleinen Menge Indigschwefelsäure. Alizarin ist in dieser T. nicht enthalten. Eine vorzügliche Schreibtinte ist auch die Vanadintinte, welche man durch Versetzen einer Abkochung von Galläpfeln (oder einer wässerigen Lösung von Tannin) mit geringen Mengen von vanadinsaurem Ammoniak erhält. Die Kopiertinte (encre de transport) ist im Grunde nichts weiter als gewöhnliche Galläpfel⸗ oder Alizarintinte, aber mit konzentrierten Lösungen und größern Mengen von Gummi (oder auch Zucker) versetzt, damit sie konsistenter ist und mehr davon auf dem Papier haften bleibt, da eine Teilung stattfinden soll. Zum Zeichnen der Wäsche bedient man sich einer Zeichentinte, zu der man häufig eine Lösung von salpetersaurem Silber verwendet, mit welcher mit einem Gänsekiel auf die mit Gummilösung bestrichene Leinwand geschrieben wird; die beschriebenen Stellen werden, um sie sichtbar zu machen, dem Sonnenlichte exponiert. Häufig ruft man auch die schwarze Farbe der Schrift durch nachträgliche Anwendung einer Lösung von Pyrogallussäure hervor. In neuerer Zeit zeichnet man die Wäsche mit dem gegen chem. Agentien weit widerstandsfähigerm Anilinschwarz, welches unter dem Namen Jetolin zum Gebrauch fertig präpariert verkauft wird. Unter den farbigen Tinten macht man am meisten von der roten, violetten und blauen T. Gebrauch. Die rote Tinte, die man früher aus einer Abkochung von Rot⸗ und Fernambukholz mit Alaun und arabischem Gummi und lange Zeit hindurch aus Cochenille und Karmin darstellte, wird jetzt sehr häufig durch Lösen von Cosin in Wasser und Versetzen der Lösung mit etwas Gummi erhalten. Die violetten Tinten sind einfach Lösungen von Anilinviolett in Wasser. Die mittels Anilinfarben dargestellten T. sind häufig arsenhaltig. Die blauen Tinten enthalten entweder Indigkarmin oder Berlinerblau, in letzterm Falle den Farbstoff gewöhnlich in Oxalsäure gelöst. Außer den gewöhnlichen T. gibt es noch andere, die sog. sympathetischen Tinten, deren Schriftzuge für sich nicht sichtbar sind, sondern erst beim Erwärmen oder infolge chem. Einwirkung zum Vorschein kommen. Der Gebrauch solcher T. ist ein uralter, denn schon Ovid spricht davon und empfiehlt den Römerinnen Milch, ihre Correspondenz Unberufenen unlesbar zu machen: wenn die Schrift zum Vorschein kommen solle, müsse man Kohlenpulver darauf streuen. In diesem Falle werden die Schriftzüge auf mechan. Weise lesbar, indem das Kohlenpulver in den Fettbestandteilen der Milch haften bleibt. Borel schlug 1653 vor, mit Bleizuckerlösung zu schreiben und die Schriftüge mit Schwefelleberlösung sichtbar zu machen. Der gothaische Leibarzt Jakob Waitz entdeckte die Eigenschaft der Lösung des Chlorkobalts, Schriftzuge zu geben, die nach dem Eintrocknen fast unsichtbar sind, dagegen beim Erwärmen deutlich mit blauer Farbe hervortreten und beim Erkalten wieder verschwinden; diese Eigenschaft wird vielfach zur Herstellung von sympathetischen T. benutzt, ebenso auch in neuerer Zeit zu den sog. Wetter- oder Barometerblumen und Wetterbildern. Gegenwärtig ist die Zahl dieser T. unübersehbar, da es 10 viel Arten gibt, als chem. Reaktionen moige ren, bei welchen gefärbte Flüssigkeiten oder far Lenversations-Lexikon. 13. Aufl. XV. Niederschläge sich bilden. So kann man z. B. auf die Einwirkung von Ammoniakgas auf Quecksilberorydulsalze, wodurch eine Schwärzung eintritt, eine sympathetische T. gründen. Eine mit verdünnter saurer Eisenchloridlösung geschriebene Schrift, die beim Eintrocknen gänzlich verschwindet, wird durch Schwefelcyanwasserstoffsäure mit blutroter Farbe sichtbar, durch Ammoniakdämpfe dagegen wieder unsichtbar, so zwar, daß die Schrift durch die genannten beiden Mittel oft hervorgerufen und zum Verschwinden gebracht werden kann.