FeedTirnöwa
ErdkundeBrockhaus 1882

Tirnöwa, ofstzell Tarnovo, Stadt, Kreis und Bezirkshauptort im Fürstentum Bulgarien, 1186—1393 Hauptstadt des Bulgarischen Reichs und Krönungsort der bulgar. Könige, an der Jantra in romantischer Gegend, an einem strategisch wichtigen Wegeknotenpunkt gelegen, an der Straße, welche Sistowa, den südlichsten Uferplatz der Donau, sowie Rusts chul einerseits, mit dem Hauptübergang über den Balkan, den Schipkapaß, über Gabrowa, sowie mit Sliwno und Jamboly über Elena andererseits verbindet, ist Sitz eines Appellationsgerichtshofs und eines bulgar. Metropoliten, zählt (1881) 11500 E. und hat eine theol. Schule im nahen Kloster Laskowitz, Ackerbau, Viehzucht, Seidenindustrie, Tuchfabrikation, Färberei und Handel. T., das im 9. Jahrh. zuerst erwähnt wird, war wie vorher schon Sitz eines bulgar. und eines lat. Erzbischofs, so seit 1235 der des bulgar. Patriarchen und wurde 1393 von den Türken genommen. Die gemäß Art. 4 des Berliner Friedensvertrags vom 13. Juli 1878 durch den russ. Generalgouverneur Bulgariens, Fürsten Dondukow-Korsakow, nach T. berufene und am 23. Febr. 1879 eröffnete konstituierende Versammlung brachte bis zum 28. April das bulgar. Verfassungswerk zu Stande und wurde an diesem Tage geschlossen. Die alsbald hier zusammentretende zweite Versammlung erwählte am 29. April den Prinzen Alexander von Battenberg zum regierenden Fürsten Bulgariens und rief ihn als solchen unter dem Namen Alexander I. aus. Am 10. Juli 1879 leistete derselbe zu T. in der Nationalversammlung den Eid auf die Verfassung. Nach der gewaltsamen Entführung Alexanders aus Sofia in der Nacht vom 20. zum 21. Aug. 1886 durch die revolutionäre russ. Partei (Zankow, Clement, Grujew) bildete sich schon am 24. Aug. zu T. eine provisorische Gegenregierung unter dem Vorsitz des Kammerpräsidenten Stambulow und Mutkurows, des Kommandanten Philippopels, welche sofort von den meisten Städten und dem größten Teile der bulgar. Armee anerkannt wurde und bis zur Rückkehr des Fürsten die Geschäfte führte. Der Kreis Tirnowa zählt (1881) 216 731, der gleichnamige Bezirk 48 048 E.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 709Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 4

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Erdkunde 6