FeedTodleben
GeschichteBrockhaus 1882

Todleben, auch Totleben (Franz Eduard Graf von), russ. Ingenieurgeneral, geb. 20. Mai 1818 zu Mitau in Kurland, verlebte seine Jugend in Riga, wo sein Vater Kaufmann war, und wurde 1832 in die Nikolaus-Ingenieurschule zu Petersburg aufgenommen. Er wurde 1836 Ingenieurfähnrich, 1837 Unterlieutenant im Ingenieurkorps, 1840 Lieutenant, 1845 Stabskapitän, 1848 —50 bei der Kaukasusarmee, wo er wegen seiner erfolgreichen Teilnahme an der Belagerung von Görgebil in Daghestan zum Kapitän befördert wurde. Wegen Leitung der Angriffsarbeiten auf Tschach erhielt er einen Ehrensäbel. Im J. 1850 nach Rückkehr vom Kaukasus wurde T. zum Adjutanten des Generals Schilder, Kommandanten der Ingenieure des stehenden Heeres, ernannt. Nach dem Rücktritt zur Truppe wurde T. 1853 aufs neue an die Seite des Generals Schilder berufen, welcher zur Armee in den Donaufürstentümern bestimmt war. Unter diesem nahm er 1854 als Oberstlieutenant an der Belagerung von Silistria teil und ersetzte den General nach dessen Verwundung in der Oberleitung der Angriffsarbeiten mit großem Erfolge bis zur Aufhebung der Belagerung und Räumung des rechten Donauufers seitens der Russen. Im August 1854, als die Landung der Alliierten in der Krim in Aussicht stand, wurde T. nach Sewastopol berufen, welches nach der Landseite so gut wie offen war. T. verstand es in kurzer Zeit durch provisorische Befestigungen und Entfaltung großer Artilleriemassen, welche zum Teil der auf seinen Rath zur Sperrung der Reede versenkten Flotte entnommen worden, die Südfront von Sewastopol derart verteidigungsfähig zu machen, daß die von den Alliierten am 17. Okt. unternommene Beschießung der Stadt nach wenigen Stunden eingestellt werden mußte. Im weitern Verlauf der Belagerung wußte T. durch Anlage vorgeschobener Infanteriepositionen, sowie durch Erbauung von starken Gegenwerken auf wichtigen Punkten des Vorfeldes der Festung, durch unausgesetzte Verstärkung der Umschließung, durch Anwendung von Gegenminen, wie häufiger kleiner Ausfälle den Gang des Angriffs derartig zu erschweren und der Verteidigung einen so offensiven Charakter und dadurch ein so großes Übergewicht über den Angriff zu verleihen, daß die Angreifer sich zeitweise in der Lage der Belagerten befanden und zur Entfaltung großartiger Streitmittel genötigt wurden. Im Okt. 1854 zum Oberst, im April 1855 zum Generalmajor ernannt, wurde T. durch eine am 20. Juni 1855 erlittene schwere Verwundung genötigt die Stadt zu verlassen und die weitere Verteidigung vom Belbekthale her zu leiten. Seine persönliche Abwesenheit war Ursache, daß die Verteidigung von da ab sich nicht mehr auf der bisherigen Höhe erhielt. Nach dem Fall der Südseite Sewastopols wurde T., welcher inzwischen Generaladjutant des Kaisers Alexander II. geworden war, in Nikolajew mit der Leitung der Befestigung dieses nunmehr zum Kriegshafen bestimmten Platzes, sowie dersenigen der Dnjeprmündungen, später in Kronstadt mit der Vervollständigung der Verteidigungsanlagen dieses Hafens betraut. Der Kaiser verlieh T. für Sewastopol den St. Georgsorden und eine Dotation. Im J. 1859 wurde T. Leiter der Abteilungfür Ingenieurwesen Kriegsministerium, 1860 Generallieutenant, 1861 Chef des Stabes, 1863 Adlatus des Großfürsten Nikolaus, Generalinspekteurs des Ingenieurkorps. Im J. 1869 wurde T. zum Ingenieurgeneral ernannt, in welcher Stellung er am Studium und Ausbau der Befestigungen des Landes den regsten Anteil nahm. Beim Ausbruch des Kriegs mit der Türkei 1877 war T. aus unaufgeklärten Gründen zunächst mit keinem Kommando betraut. Als aber nach drei schlecht vorbereiteten und schlecht ausgeführten, darum fruchtlosen Angriffen auf Plewna (s. d.) die Möglichkeit der Wegnahme dieser befestigten Stellung ausgeschlossen schien, gedachte Kaiser Alexander II. T.s, als des geeigneten Helfers in der Not, berief ihn zur Armee und betraute ihn mit der Leitung der weitern Maßnahmen vor Plewna. Ende September vor Plewna angekommen, erklärte T., daß die sichere Erreichung des Ziels nur im Wege einer regelrechten und vollständigen Einschließung der Armee Osman Paschas zu erreichen sei. Am 24. Olt. war dieselbe vollendet und führte nach dem vergeblichen Durchbruchversuch Osmans am 10. Dez. zur übergabe der eingeschlossenen Armee, die kriegsgefangen nach Rußland abgeführt wurde. T. wurde mit der zweiten Klasse des St. Georgsorden dekoriert und dem Kommandeur der Ostarmee, Großfürst-Thronfolger, zugeteilt, welchen er im Kommando später ersetzte. Ende April 1878 erhielt T. den Oberbefehl über die gesamte Operationsarmee, deren Hauptquartier in San-Stefano lag. Er erzwang die Ubergabe von Schumla und Varna und behielt nach dem im Juli 1878 erfolgten Friedensschlusse sein Kommando bei, verbesserte die Lage der Armee nach Möglichkeit und trug durch pünktliche Vollstreckung der Vereinbarungen des Berliner Vertrags, durch thatfächliche Unterstützung der in Philippopel tagenden internationalen Kommission, wie durch seine Beharrlichkeit in den Verhandlungen mit den Türken wesentlich zum Abschluß des am 31. Jan. 1879 unterzeichneten Definitivfriedens bei. Nachdem T. schon 1878 den St. Andreasorden erhalten und zum Inhaber des Regiments Samogitien ernannt worden war, wurde er April 1879 zum provisorischen, später zum definitiven Generalgouverneur von Odessa berufen, Okt. 1879 in den erblichen Grafenstand erhoben, 1880 Kommandant des Militärbezirks Wilna. Nach mehrjährigem Leiden, dessen Heilung er vergebens in mehrern Bädern gesucht, starb T. 1. Juli 1884 im Bade Soden bei Frankfurt a. M. und wurde am 17. Okt. desselben Jahres in Sewastopol beigesetzt. Die Hauptzüge seines Charakters bildeten Entschlossenheit, Scharfblick, Ruhe in Gefahren, Be-Beichewenn in der Durchführung seiner Entschlüsse, Bescheidenheit, Offenheit und Gerechtigkeitsliebe. Weniger Kriegsbaumeister im Frieden, leistete T. Vorzügliches als Ingenieur in der jeweiligen, durch die augenblickliche Kriegslage geschaffenen Situation. In seinen beiden Hauptattionen, Sewastopol und Plewna, hat T. sich als Herr der stärksten Kaenpfform, der weisen Verbindung von Angriff und Verteidigung, deren Bindemittel und Schlüssel die Befestigungskunst bildet, erwiesen. Sein großes Werk «Die Verteidigung von Sewastopol. Nach authentischen Quellen dargestellt unter Leitung des Generallieutenants und Generaladjutanten Ed. von T.» (Petersb. 1864—72) besteht aus 2 Teilen mit zusammen 4 Bänden und einem 5. Bande: „Der Minenkrieg vor Sewastopol.v Das Werk wurde von T. selbst in drei Sprachen (russisch, Denilt französisch) und in zwei Ausgaben veröffentlicht. Bezüglich Plewnas hat sich T. in seinem Briefe an den belg. Ingenieurgeneral A. Brialmont vom 18. Jan. 1878 eingehend geäußert (abgedruckt im russ. «Ingenieur-Journalv, deutsch im „Archiv für preuß. Artillerieoffizieres, 1878). 3ol. Le général comte T., sa vie et ses travaux par le lieutenant général A. Brialmonto (Brüss. 1884); Rieger, «T. und seines Wirkens Bedeutung für die Kriegskunst der Zukunfto, in Mitteilungen über Gegenstände des Artillerie⸗ und Geniewesenso (Wien 1885); ferner Die russ. Heerführer im Kriege von 18775 (in „Unsere Zeite, Jahrg. 1878, II) und «Internationale Revueo, herausgegeben von Witzleben (1884).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 731Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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