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GeschichteBrockhaus 1882

Tolstoi, sehr zahlreich verbreitetes Geschlecht in Rußland, leitet den Ursprung seines Adels aus dem 15. Jahrh. her. Der erste Graf dieses Namens war Peter Andrejewitsch T., geb. 1645, Sohn des Wojwoden von Tschernigow, war Gesandter in Konstantinopel, begleitete dann Peter d. Gr. auf seinen Reisen in Europa und ward 7. Mai 1724 in den russ. Grafenstand erhoben. Unter Peter II. fiel er in Ungnade, wurde 1727 aller seiner Amter und der Grafenwürde entsetzt und nach dem Kloster Solowezk verbannt, wo er 17. Febr. 1729 starb. Erst unter der Kaiserin Elisabeth 1760 gelang es, den Hinterbliebenen T.s den Grafentitel wieder zu verschaffen. Einer seiner Urenkel, Graf Peter Alexandrowitsch T., geb. 1769, ausgezeichneter Krieger und Diplomat, focht unter Suworow gegen Türken und Polen, war 1799 russ. Kommissar bei der Armee des Erzherzogs Karl und befehligte 1805 das russ. Landungskorps in Norddeutschland. Nach der Schlacht von Friedland nahm er an den Unterhandlungen mit Frankreich teil und ging dann als Gesandter nach Paris. Im J. 1813 kommandierte er ein Korps in der Bennigsenschen Armee, mit welchem er Dresden belagerte, hierauf aber nach Hamburg zog, nach dessen Übergabe er zum General der Infanterie erhoben wurde. Kaiser Nikolaus vertraute ihm die Leitung der Militärkolonien an und ernannte ihn 1831 zum Oberbefehlshaber des Reserveheers, mit welchem er die Polen schlug. Er starb als Präsident des Departements für Militärangelegenheiten im Reichsrat 1844 in Moskau. Graf Fedor Andrejewitsch T., Geheimrat und Senator, geb. 1758, gest. 1849, machte sich als Bibliophile durch seine kostbare Sammlung altslaw. Drucke und Manuskripte bekannt, die 1829 von Strojew beschrieben, später aber von ihrem Besitzer an die Regierung verkauft wurde und jetzt einen Teil der öffentlichen Bibliothek in Petersburg bildet. Graf Fedor Petrowitsch T., berühmter Bildhauer und Medailleur, geb. 1783 in Petersburg, diente anfangs in der Marine als Adjutant des Admirals Tschitschagow. Er bildete sich in der Kunst meist selbst, aber mit Beachtung griech. und ital. Muster, die er in der petersburger Akademie der Künste und später auf einer Reise nach Italien studierte. Unter seinen Arbeiten verdienen besonders die Roskam. vi⸗ zum Hauptthore der Christuskirche in Moskau, vier Basreliefs nach Sujets aus der Odyssee, eine Statue des Morpheus, eine Reihe von Illustrationen zur Duschenkas des Bogdanowitsch und Medaillen auf den franz. Krieg von 1812, den ungar. Feldzug von 1849 u. s. w. Erwähnung. Auch als Vizepräsident der petersburger Akademie seit 1828 und Professor der Skulptur und der Medailleurkunst an derselben hat er sich große Verdienste erworben. Er starb 25. April 1873 in Petersburg. Graf Dmitrij Andrejewitsch T., Staatsmann, geb. 1823, fand seine Ausbildung im Lyceum u Zarskoje-Selo, war dann im Ministerium des nnern in der Abteilung für geistliche Angelegeneiten und später im Marineministerium thätig. n der erstern Stellung begann er seine Forschungen über die Geschichte der fremden Glaubensbekenntnisse in Rußland, deren Resultat das Werk «Le Catholicisme romain en Russies (Par. 1864) war; früher hatte er schon ein Werk über das russ. Finanzwesen bis zum Tode Katharinas II. (russ., Petersb. 1848) publiziert. Im J. 1865 ward er zum Oberprokuror des Heiligen Synod und 1866 zugleich zum Unterrichtsminister ernannt, in welchen Stellungen er im Geiste der altruss. Partei namentlich gegen die Polen und die Unierten wirkte. Auch hrte er eine Reform des höhern Unterrichtswesens in Rußland auf Grund des Klassizismus durch, machte sich aber durch zu große Reglementierung und Willkür mißliebig und wurde unter der Diktatur Loris-Melikows 6. Mai 1880 seiner Amter enthoben. T. wurde hierauf Präsident der Akademie der Wissenschaften in Petersburg, und fungiert seit 1883 wieder als Minister des Innern. Graf Alexej Konstantinowitsch T., namhafter russ. Dichter, geb. 5. Sept. (24. Aug.) 1818 in Petersburg, brachte seine Iuls meist in Kleinrußland zu, studierte dann in Moskau, nahm als Offizier am Krimkriege teil, zog sich aber später ins Privatleben zurück und starb 11. Okt. (29. Sept.) 1875 auf seinem Gute Krasnyj Roj im Gouvernement Tschernigow. Neben vielen lyrischen Gedichten schrieb er epische Erzählungen: Die Sünderino (1858), Der Draches (1875), den histor. Roman „Fürst Serebrjanyiv (1863; deutsch von Wilh. Lange, Berl. 1882). Seine Hauptleistung aber ist die dramatische Trilogie „Der Tod Iwans des Schrecklichen», „Zar Fedor Iwanowitscho, Zar 4 Bde., Petersb. 1886). Einiges von ihm ist über16t in Jenssens »Dichtungen von Graf Alexej T. und Nekrassowo (russ. und deutsch, Petersb. 1882). Noch bedeutender als Schriftsteller ist Graf Lew (d. i. Leo) Nikolajewitsch T., geb. 9. Sept. (28. Aug.) 1828 auf dem Gute seines Vaters Jasnaja Poljana im Gouvernement Tula. Er genoß eine gute häusliche Erziehung, studierte einige Zeit orientalische Sprachen an der Universität Kasan, bildete sich aber dann als Autodidakt weiter aus. Im J. 1851 trat er im Kaukasus in den Militärdienst, machte den Krimkrieg mit, nahm nach Beendigung desselben seinen Abschied und lebt meist auf dem schon genannten Gute Jasnaja Poljana. Seine litterarische Thätigkeit begann T. mit der Erzählung „Detstvos (4Die Kindheit v, 1852; deutsch von F. Röttger, Lpz. 1882), der zwei andere Erzählungen über die spätern Jugendjahre, ferner Erzählungen aus dem Kaukasus und dem Krimkriege folgten omane sind «Krieg und Friedenv (4 Bde., 1872; deutsch von E. Strenge, Berl. 1885), aus der Zeit Alexanders I., und «Anna Kareninap (3 Bde., 1877; deutsch von P. W. Graff, Berl. 1885), ein modernes Zeitbild aus der höhern Gesellschaft, welche zu den besten Erzeugnissen der russ. Litteratur gehören. Auch im Auslande ist T. nach Turgenjew der beliebteste und bekannteste russ. Schriftsteller geworden; fast alle seine Werke sind ins Französische, Deutsche und viele auch in andere Sprachen übersetzt. Einen besondern Zweig der litterarischen Thätigkeit T.s bilden pädagogische Schriften (z. B. ein A-b-c-Buch) und kleine legendenhafte moralische Erzählungen, die er für das Volk schrieb, endlich in den letzten Jahren theol. Forschungen, worin er auf Grund neuer Erklärungen von Bibelstellen das Christentum zu restaurieren sucht, aber freilich auch in phantastische Sophismen, oft sozialistischer 3510 bung, und Obskurantismus verfällt. Dahin gehört seine Schrift Ispovsdio ((Bekenntniso), die in Rußland nur als Manuskript cirkuliert, aber in deutscher (EWorin besteht mein Glauber, herausg. von Sophie Behr, Lpz. 1884), französischer (Ma religiono, 2.Aufl., Par. 1885) und englischer (Christ's christianityo, Lond. 1885) übersetzung erschienen ist. Eine Gesamtausgabe der Werke T.s (5. Aufl., 12 Bde.) erschien 1885— 86 in Moskau. Vgl. de Vogué, Le roman russer (Par. 1886). Toltéken oder Tultéken (bei den Spaniern Toltecas) heißt ein Volk zweifelhafter ethnologischer Stellung, welches, soviel sich aus den sagenhaften Berichten der Azteken ermitteln läßt, im 4. oder 5. Jahrh. von einem nördlichern Lande Huehuetlapallan aus im Anahuac (s. d.), dem südl. Teile des großen Tafellandes von Mexiko, einwanderte, hier um die Mitte des 7. Jahrh. die Stadt Tollan oder Tula gründete und dieselbe zu dem Mittelpunkt eines wohlgeordneten Staats machte, den es durch Eroberungen weiter ausdehnte. Die großartigsten und vollkommensten Bauten, die noch im Anahuac übrig, werden jetzt insgemein den T. beigelegt. Die höchste Blüte hatte das toltekische Reich im 4. Jahrh. seines Bestehens erreicht. Von da begann es zu sinken, bis endlich um die Mitte des 11. Jahrh. unter dem König Topiltzin infolge mehrjähriger Trockenheit, Hungersnot und Krankheiten das Land entvölkert wurde. Die Übrigbleibenden siedelten sich teils anderwärts an und gründeten namentlich in Guatemala ein neues Reich, teils gingen sie bald nachher in den hier einwandernden Chichimeken auf, durch welche die Erbschaft der toltekischen Kultur etwa ein Jahrhundert später an die Azteken (s. d.) gelangte. Vgl. Valentini, „The Olmeécas and the Tultecaso (Worcester [Amerika] 1883).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 740Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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