Triest (ital. Trieste, lat. Tergeste), die erste und wichtigste Seehandelsstadt der Esterreichisch-Ungarischen Monarchie und Freihafen, bis 1840 Hauptort des Guberniums Triest im Königreich Illyrien (s. d.), seitdem aber eine reichsunmittelbare Stadt (Ssterreichs) mit einem eigenen Gebiete von 94, qEm, ist Sitz des Statthalters, Oberlandesgerichts und der Finanzdirektion für T., Görz, Gradiska und Istrien, der Central-Seebehörde, eines Bischofs und Domkapitels, eines Seebezirks- und Militärkommandos, eines Landes⸗, Handels- und Seegerichts und einer Handels⸗ und Gewerbekammer. Die Stadt liegt überraschend schön, auf den nähern Hügeln stellenweise von immergrüner Vegetation umgeben, am Abhange des Karst, an dem Triester Busen des Adriatischen Meers und am Endpunkte der Ssterreichischen Südbahn. Sie ist ofsen, von ital. Aussehen, zum größten Teil regelmäßig gebaut, zerfällt in die Altstadt, Neustadt oder Theresienstadt, die neu angelegte Josephsstadt und Franzensvorstadt und zählt 40 Plätze und 327 Straßen und Gassen. Die Altstadt, an und auf dem mit einem alten festen Kastell versehenen Schloßberge gelegen, hat viele enge und krumme Gäßchen, besonders in der ehemaligen Judenstadt, doch auch mehrere Plätze, wie den gegen das Meer elegenen, neuerdings vergrößerten schönen Großen Platz (Pinzza grande) mit der Marmorstatue Kaiser Karls VI. und einem neu angelegten Garten (an der Stelle des alten Mandrachio) und den Theaterplatz. Von öffentlichen Baulichkeiten sind in diesem Teile bemerkenswert: das neue Rathaus an der Stelle des alten, wo vormals auch die Hauptwache stand, und eines niedergerissenen Gebäudes großartig erbaut, das Statthaltereigebäude, die Domkirche zum heil. Justus (unansehnlich, aber merkwürdig durch die eingemauerten Altertümer) und das dem in der Locanda-Grande 1768 ermordeten Archäologen Winckelmann errichtete schöne Denkmal von Rossetti; ferner die Jesuitenkirche mit einer erhabenen Fagade und korinth. Säulen, die reform. Kirche, zwei Synagogen in der Judenstadt, das große, 1806 erbaute, 1884 vergrößerte Opernhaus. Die Neustadt bildet regelmäßige Vierecke, erstreckt ich bis an das Meer, hat große Plätze (wie den örsenplatz mit der Statue Kaiser Leopolds I., den Roten-Brückenplatz mit Brunnen, den St. Antonio- und den St. Johannesplatz, den Holzplatz an dem einen Ende des Corso, den Fuhrmannsplatz mit der neuen schönen luth. Kirche, worin das Grabmal des dän. Konsuls Dumreicher aus carrarischem Marmor steht, den Mauthplatz, den Stationsplatz mit den neuen Gartenanlagen vor dem schönen Bahnhofe), breite, mit Quadern gepflasterte Straßen und den gemauerten Großen Kanal (390 m lang und 23 mbreit), der mit der schmalen Roten Brücke (Ponte rosso) in der Mitte und der neuen eisernen Drehbrücke an der Mündung einen vorzüglichen Anblick gewährt, eine Menge sehr schöner Häuser, darunter der Palast Carciotti, der Palast der Assicurazioni generali und das Hötel de la Ville am Quai. An öffentlichen Gebäuden sind hier hervorzuheben: das Tergesteum mit reichen Lesesälen; der auf dem Grunde der alten Peterskirche aufgeführte Palazzo modello; die Alte Börse (ietzt Sitz der Handels- und Gewerbekammer), die Hauptzierde T.s, mit Säulen und Statuen großartig verziert und mit einer Terrasse, die eine herrliche Aussicht über den Hafen und das Meer darbietet; der nach Ferstels Plan erbaute Palast des Osterreichisch-Ungarischen Lloyd, an der Riva gelegen, Sitz des Lloyd Austro-Ungarico: die 1849 eingeweihte Pfarrkirche St. Antonio, die schöne Kirche der orient. und der illyr. Griechengemeinde, im byzant. Stil prachtvoll neu gebaut. Die Josephsstadt, welche durch die Nähe des Meers, der Landungs⸗ und Ausladeplätze äußerst belebt ist, enthält geschmackvolle Privatgebäude und das neue Sanitätsgebäude, den Leipziger Platz mit dem großen neuen Schulgebäude und dem kleinen geschmackvollen Garten und die Piazza Giuseppina mit dem von Schilling modellierten und 3. April 1875 enthüllten Denkmal des Kaisers Max von Mexiko. Die zwei aus den beiden Thälern vor der Stadt strömenden Bäche sind jetzt überwölbt und bilden zwei große, breite Straßen, die eine, die Via del Torrente, die andere, die Corsia Stadion, mit dem Stadtgarten (Giardino Muzio Tommasini) an ihrem Ende; an der Stelle des dort gestandenen großen AmphitheaterscMauronery wurde das ihm ähnliche Anfiteatro Fenicer errichtet, das auchals Cirkus verwendet wird. Am Acquedotto erhebt sich das größte Theater der Stadt, das 4«Politeama Rossettiv. Der bisher offene, neuerdings aber durch einen seit 1867 erbauten Hafendamm gegen die Stürme gesicherte Hafen hat für größere Kauffahrer ausreichende Tiefe. Auf dem südwestl. Molo steht ein 32 m hoher Leuchtturm. Vom Hafen aus läuft der erwähnte Große Kanal in die Neustadt, in welchem Kauffahrteischiffe vertauet liegen. Von Altertümern sind bemerkenswert: die lberreste eines röm. Amphitheaters, die noch mit Wasser versehene röm. Wasserleitung und ein altes Stadtthor, Arco-Riccardo genannt. In der Bevölkerung, deren Zahl 1846—50 von 53310 auf 63931 gestiegen war, 1869 1093²⁴ und 1880 mit dem Gebiete 144 844 (eigentliche Stadt 74 544, Vorstädte 58475, Gebiet 11825) betrug, ist das ital. Element, welches durch Einwanderung von Italienern aus dem Königreich noch immer verstärkt wird, das vorwiegende. Die deutsche Nationalität ist besonders durch die Besatzung, die Beamten und einen großen Teil des Handelsstandes pvertreten. Außerdem sind in der Physiognomie Tis slaw. und orient. Züge unverkennbar; es leben hier circa 5000 Juden, 1400 Griechen, auch Armenier u. f. w. T. hat ein ital. und ein deutsches Gymnasium, eine ital. und eine deutsche Realschule eine evang. Hauptschule, eine Hauptschule de Israeliten, eine Mädchenschule der Benediktinerin nen, außerdem eine Hebammenschule, eine k. k Akademie (kommerzielle, nautische und Schiffbau Abteilung) mit einem meteorolog. und astron. Ob servatorium (45 38 46,6“ nördl. Br., 13 45 45 östl. L. von Greenwich); ferner eine öffentliche Bi bliothek mit wertvollen Sammlungen (Petrar ohesca und Piccolominea), ein Museum mit vollständiger Fauna des Adriatischen Meers, ein Muben für Archäologie, worin die Sammlung aus dem Funde von Aquileja besonders hervorzuheben ist, die Società della Minerva (für litterarische Vorträge), eine Gesellschaft für Garten-und Landbau, die Società adriatica di scienze naturali, die Societa medica u. s. w. An wohlthätigen Anstalten finden sich: ein großes Krankenhaus „ein Gebär- und Findelhaus, ein großes Armeninstitut, ein israel. Spital, eine Irrenanstalt, Elisabethinisches Mädcheninstitut u. s. w. T. hat vielerlei Manufakturen und Fabriken, darunter mehrere bedeutende Seifensiedereien und eine Rosogliobrennerei, mehrere Kerzengießereien, Konfitürenfabriken, drei Spielkartenfabriken, Lederzurichtungen, mehrere Pastetenfabriken, eine Wachsbleiche, Seilereien, zwei Brauereien, Eisengießereien, Maschinenfabrioeken, Olfabriken u. s. w., übrigens zahlreiche Gewerbe, welche alle für die Marine erforderlichen „Artikel und viele andere Gegenstände liefern. Unter -Uden zwei Schiffswerften hat die des Lloyd Austro-Lage von Triest. Ungarico kolossale Dimensionen. Seine eigentliche Bedeutung erhielt T. durch seinen Seehandel. Der Ort hat sich seit der Mitte des 18. Jahrh. (1758 zählte er erst 620 Häuser und 6424 C.) von einem unbedeutenden Seestädtchen durch stete Vermehrung des Verkehrs zu einem der größten Han-Wud 000 der Erde emporgehoben. Der Seehandel wird besonders mit Italien, der Levante, namentlich mit Konstantinopel, Smyrna und den Donaufürstentümern, mit Südrußland, Griechenland und Agypten, mit England und Amerika, vorzüglich mit Brasilien, der Landhandel über Laibach nach Wien stark betrieben. Der gesamte Land⸗ und Seehandel österr. Währung (= 966 — 1020 /¾ Mill. Mark). Die großen Dampfer landen jetzt in dem neuen großartig angelegten Hafen in unmittelbarer Nähe des erweiterten Bahnhofs. Seinen außerordentlichen Aufschwung verdankt T. dem Umstande, daß es, seit 1719 von Kaiser Karl VI. zum Freihafen erklärt, von vielen Hemmnissen der frühern österr. Gesetzgebung befreit war, daß sein Hafen für große Schiffe zugänglicher als der von Venedig, und daß seine Bevölkerung eine aus allen Nationalitäten gemischte, zum Zweck der Spekulation zusammenekommene und daher unternehmend und thätig ist. ist der Sitz von Handelskonsuln aller europ. Nationen und amerik. Staaten. Im J. 1885 zählte man 66 beim Börsenamte registrierte, und an 750 beim k. k. Handelsgericht protokollierte Handelshäuser, 115 patentierte Mäkler, 60 Assekuranzgesellschaften und Agenturen. Von Geld⸗ und Kreditinstituten bestehen zu T.: eine Kommerzialbank, eine Filiale der OsterreichischenKreditanstalt, die 1843 bezründete Disconto⸗ und Sparkasse Monte civico commerciale, eine triester Sparkasse und mehrere Banken. Die großartigste Anstalt aber ist der Ssterreichische Lloyd (s. LIOHd Austro-ungarico), eine der größten aller Seedampfschiffahrtsgesellschaften Europas und das Cenutralorgan des gesamiten österr. Handels. Derselbe besitzt (seit 1853) ein eigenes großes Arsenal in der Bucht von Servola, welches nebst zwei Schiffswerften und einem Dry-Dock auch eine Dampfmaschinenfabrik und andere großartige Werkstätten enthält, ferner 84 (1885) Dampfschiffe, welche einen Wert von ungefähr 17 Mill. Gulden repräsentieren, von denen die meisten, auch in den größten Dimensionen, auf der Lloyd-Schiffswerfte gebaut sind, mit einer Tragfähigkeit von 74000 t ( 119000 Groß Registertons). T. steht seit neuerer Zeit auch mit den Häfen des westl. Teils des Mittelmeers und denen des Atlantischen Oceans mittels ital., engl., weniger mittels franz. und holländ. Dampfer in Verbindung. Die Gesellschaft des Osterreichisch-Ungarischen Lloyd unterhält regelmäßige Verbindungen mit den Häfen des Schwarzen Meers und mit der Levante, ja sie dehnt ihre Fahrten in neuester Zeit bis nach Bombay, Kalkutta und Hongkong aus. Im J. 1885 betrug die totale Schiffahrtsbewegung im triester Hafen 8044 Segelschiffe von 456 608 und 5859 Dampfer von 1075389 t. In der Umgegend der Stadt wächst ein guter Rotwein (Triestiner Stadtwein). Erst seit etwa 100 Jahren wurden allmählich die nahen Hügel, damals öde und nackt, durch mit großen Kosten herbeigeführte Erde fruchtbar gemacht und so die Gegend durch Anpflanzung von Obstbäumen und Weingärten, durch Anlage von zahlreichen Landhäusern verschönert, zwischen denen sich die herrliche Kunststraße nach Optschina, sowie die wichtige Wien-Triester Eisenbahn hinaufwinden. Historisch merkwürdig sind die Villa Necker, vormals Eigentum des Hieronymus Bonaparte, und die Villa Bacciochi, später Eigentum der Gräfin Lipona, der geseh shast gehör Witwe Murats, jetzt einer Privatgesellschaft gehörig. T. Teilte In den ältern Zeiten die Schicksale Istriens, soll von Cäsar und Augustus Mauern erhalten haben und wurde unter Vespasianus röm. Kolonie. Im Mittelalter wechselte es mehrfach seine Beherrscher, kam endlich 1382 an OÖsterreich, unter desen Herrschaft es, mit Ausnahme der J. 1797 1805, wo es die Franzosen besetzten, und der Periode 1809 —.14, wo es einen Teil der illyr. Provinz Frankreichs bildete, verblieb. Am 28. Sept. 1813 ward die Stadt von den franz. Truppen geräumt, seit dem 11. Okt. das Kastell von den Ssterreichern unter Nugent, seit dem 15. Okt. von einer engl. Flotte belagert und wegen Hartnäckigkeit des franz. Kommandanten, der erst 31.Okt. kapitulierte, fast zu einer Ruine zusammengeschossen. Von den schweren Verlusten während der Franzosenherrschaft erholte sich T. nach und nach und wurde zugleich die Rivalin, ja Besiegerin Venedigs und die Königin des Adriatischen Meeres. T., welches den Titel einer Città fedelissima erhielt, ward 1818 nebst Gebiet (damals mit 15530 E.) von Ssterreich dem deutschen Bundesgebiet für einverleibt erklärt. In der ital. und ungar. Revolutionszeit hielt die Stadt treu an Ssterreich. Vom Mai bis 12. Aug. 1848 blockierte eine neapolit.⸗sardin. Flotte den Hafen, welcher, wie auch vom März bis Sept. 1849, mit Ketten und Pfählen gesperrt wurde. Durch die kaiserl. Verordnung vom 2. Okt. 1849 wurde die Stadt nebst Gebiet zu einer reichsunmittelbaren Stadt erhoben. Nach dem Staatsgrundgesetz vom 21. Dez. 1867 bildet T. mit seinem Territorium ein eigenes Kronland mit vier Vertretern im Hause der Abgeordneten, von denen einer von der Handels- und Gewerbekammer gewählt wird. Der Gemeinderat fungiert auch als Landtag, worin die herrschende, der ital. Nationalität angehörende polit. Partei sich zur Aufgabe machte, die Stadt und das zu ihr gehörige Gebiet bis zur äußersten Grenze des Gesetzes autonom zu machen. Die wichtigsten Ortschaften der nächsten Umgebung sind die Dörfer Optschina, 1544 E., 4 km von T., mit herrlicher Aussicht auf das Meer und die Küste; Servola, 2210 C., an der Bucht zwischen T. und Muggia, mit den berühmten Pfahlaustern; Prosecco, 1179 C., bekannt durch den schon bei den Alten beliebten Wein; Lipizza, ein kaiserl. Hofgestüt; der Jäger, ein langer Hügelrücken mit schöner Fahrstraße, herrlicher Aussicht, Schloß und Parkanlagen; endlich das berühmte Lustschloß Miramar (s. d.). Vgl. Löwenthal,Geschichte der Stadt T.„(2Bde., Triest 1857); Scussa, Storia cronografica di Triestes (Triest 1864; neue Aufl. 1885 —86) P. Ireno della Croce, „(Storia di Triesten (Triest 1879); Neumann-Spallart, „Osterreichs maritime Entwickelung und die Hebung von T.v Stuttg. 1882); Nuova guida di Trieste e del suo territorios (Triest 1882); „Illustrierter Führer durch T. und Umgebungen⸗ (Wien 1883).