FeedGörz und Gradiska
ErdkundeBrockhaus 1882

Görz und Gradiska, gefürstete Grafschaft und Kronland des cisleithanischen Teils der Osterreichisch-Ungarischen Monarchie, ist mit der Markgrafschaft Istrien und der Stadt Triest zu einem Verwaltungsgebiete, dem sog. Küstenlande, vereinigt. Das Land ist größtenteils gebirgig, wird von verschiedenen Küstenflüssen, unter denen der Isonzo der bedeutendste, durchzogen und 305 (1880, ohne Militär) auf 2953 aun eine evölkerung von 211084 fast ausschließlich kath. E., die (mit Ausnahme von etwa 2000 Deutschen und 400 Juden) zu zwei Dritteln dem slaw. und zu einem Drittel dem ital.⸗friaulischen Stamme angehören. Landwirtschaft ist der Hauptnahrungszweig, im Süden insbesondere Weinbau und Seidenzucht. Die der konzentriert sich in der Stadt Görz und in der Umgebung des Dorfes Haidenschaft. Das Land zerfällt in den Stadtbezirk Görz und in vier Bezirkshauptmannschaften (welchen sich 13 Gerichtsbezirke unterordnen), deren leitende polit. Behörden der Statthalterei in Triest unterstehen. Görz und Gradiska hat seinen besondern Landtag, welcher (nach der Landesordnung vom 26. Febr. 1861) aus dem Fürst-Erzbischofe von Görz, sechs Abgeordneten des großen Grundbesitzes, sieben Abgeordneten der Städte, Märkte und der Handels- und Gewerbekammer und acht Abgeordneten der Landgemeinden zusammengesetzt ist und zufolge kaiserl. Einberufung in der Regel jährlich einmal sich zu Görz versammelt. Das Land tritt zuerst in der Geschichte 1001 auf, als Kaiser Otto III. dasselbe zur Hälfte dem Patriarchen Johann von Aquileja und zur andern Hälfte dem Grafen Verihen (Werner) von Friaul verlieh, dessen Nachfolger die Kärntner CEppensteiner (1031—90) waren. Von letztern ging (die nunmehrige Grafbo Görz an die Lurngauer Grafen über, welche urch den mit dem Patriarchen Pilgrim II. abgeschlossenen Vertrag von San-Quirino (1202) auch die andere Hälfte und somit das volle Eigentum der Grafschaft erwarben. Graf Meinhard III. erlangte durch seine Gemahlin, eine Tochter des Grafen Albert IV. von Tirol, reiche Besitzungen in diesem Lande. Seine Söhne teilten sich in den Besitz; Meinhard IV. erhielt die (von ihm zur Grafschaft erweiterten) Besitzungen in Tirol; Albert II. jene von Görz. Im 13. Jahrh. war dieses Grafengeschlecht reich und mächtig; die Tiroler Linie erlangte Kärnten, später vorübergehend Böhmen, Mähren und Schlesien; die Görzer besaßen das Pusterthal, Oberkärnten, Teile von I und die Windische Mark, und erreichte unter raf Heinrich II., dem Reichsverweser der Mark Treviso, den Gipfel seiner Macht. Erbschaftsteilungen, unglückliche Kriege und Heiratsausstattungen führten zu dem Verfalle des Geschlechts, dessen letzter Graf Leonhard (1500) kinderlos starb, worauf infolge von Erbvertrag Kaiser Maximilian I. die Grafschaft in Besitz nahm. Seitdem blieb Görz bei dem österr. Hause. Es wurde 1809 zwar an n abgetreten, durch die Schlußakte des Wiener Kongresses (1815) fiel es aber wieder an Ssterreich zurück. Als Görzer Kreis verleibte man es dem triester Verwaltungsgebiete ein, mit welchem es auch nach Wiedererlangung seines alten Titels Gefürstete Grafschafty (1849) verbunden blieb. Vgl. Freiherr von Czoernig, „Görz, Osterreichs Nizzar (Bd. 1: Das Land Görz und Gradiskav, Wien 1873). Die Hauptstadt Görz (ital. Gorizia) liegt Der Linte auf dem linken Ufer des Derreichis an er Linie Nabresina-Cormons der Osterreichischen Südbahn, in einer fruchtbaren Ebene, 86 müber dem Meere, und zählt (1880) 20920 E. Sie ist der Sitz eines Erzbischofs, einer Bezirkshauptmannschaft, eines Kreisgerichts, Hauptsteueramts und anderer Behörden, sowie einer Handels⸗ und Gewerbekammer. Die ausgezeichnetsten Gebäude sind: die Domkirche mit einem schönen Sakrarium und dem Denkmal des letzten Grafen von Görz; die ehemalige Jesuitenkirche neben dem vormaligen Jesuitenkollegium, das jetzt als Kaserne dient; das Landhaus und das Municipalitätsgebäude, das geschmackvolle Theater, der Bischofshof nebst Garten, die Palais der einheimischen Adelsgeschlechter Lanthieri, Attems, Formentini, der Herren von Beckmann und Seillern. Die Stadt hat ein erzbischöfliches theol. Centralseminar, ein Gymnasium, eine Oberrealschule, ein Taubstummeninstitut, eine Ackerbaugesellschaft, einen Philharmonischen Verein, zwei Casinos und vier Klöster. An industriellen Etablissements bestehen der Fabrikenkompler der Herren von Ritter, einer der großartigsten der Monarchie (mechan. Mahlmühle, Baumwollspinnerei und Weberei, mechan. Floretseidenspinnerei, mit einem Gesamtumsatze von mehr als 6 Mill.“ Gulden), Fabriken von Rosoglio, Leder, Cremor tartari und candierten Früchten, und unterhält einen bedeutenden Handel mit dem daselbst früher zur Reife gelangenden Obst, Trauben und Gemüsen nach dem Norden. Im V 1836 wählte der durch die Julirevolution aus Frankreich vertriebene ältere Zweig der Bourbons Görz zu seinem Aufenthaltsorte. Am 6. Nov. 1836 starb daselbst König Karl X. (s. d.), der in dem oberhalb der Stadt belegenen Franziskanerkloster Castagnavizza begraben liegt, wo auch der 1883 verstorbene Graf von Chambord bestattet ist. In neuester Zeit hat sich die Stadt ihres ausgezeichnet milden und trockenen Klimas wegen als klimatischer Winterkurort einen Ruf erworben und wird von zahlreichen Fremden besucht. Vgl. von Stadt Görz als klimatischer Kurorto, Wien 1874).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 211Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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