Tristan heißt der Held einer aus dunkler kelt. Mythologie hervorgegangenen bretonischen Sage, welche mit denjenigen von König Artus und der Tafelrunde nicht ursprünglich zusammenhängt, sondern mit beiden erst später durch vermittelnde Kunstdichtung in eine äußerliche und lose Verbindung gebracht worden ist. Schon ihrem Inhalt nach war sie von jenen grundverschieden, denn ihren Kern bildet nicht das Heldentum, sondern die Liebe T.s zu Isolde, der Gemahlin seines Oheims, des Königs Marke von Cornwallis. Aber eben diese Liebe mit ihrer unheimlichen Entstehung durch einen Zaubertrank, ihrer bedenklichen Stellung zwischen natürlichem Recht und sittlichem Unrecht, ihrer verstohlenen Beharrlichkeit unter stets neuen Fährlichkeiten und Listen machten T. und Isolde zu dem gefeiertsten Liebespaare des Mittelalters und verbreiteten die Erzählung über ganz Europa. Bereits um die Mitte des 12. Jahrh. war die Sage durch ganz Frankreich und die Provence allbekannt und bewundert. Wiederholte Behandlung durch mehrere nordfranz. und anglonormann. Dichter bahnte ihr allmählich den Weg in die span., ital., deutsche, stand., slaw. und sogar in die griech. Litteratur. In die deutsche Litteratur verpflanzte sie zuerst um 1170 Eilhart von Oberge, ein Dienstmann Heinrichs des Löwen. Sein Gedicht ist aber in der niederdeutsch gefärbten, in Versmaß und Reim noch nicht zu strenger Gesetzmäßigkeit gediehenen Urform bis auf wenige Bruchstücke verloren und das Ganze nur in einer überarbeitung (mit den Bruchstücken herausg. von Lichtenstein, Straßb. 1878) und einer noch spätern Prosaauflösung(gedruckt 1484 u. öfter; auch in Simrocks «Deutschen Volksbüchern ») erhalten. Die höchste Vollendung gab T.s Geschichte um 1210 Gottfried von Straßburg (s. d.). Den mangelnden Schluß fügten, wiederum nach andern mit Eilharts Darstellung näher verwandten Quellen unabhängig voneinander arbeitend, zwei Dichter von weit geringerer Begabung hinzu: der eine, ein Schwabe, Ulrich von Türheim (der 1242 auch Wolframs «Wilhelmo vollendete, in Maßmanns Ausgabe), der andere, ein Meißner, Heinrich von Freiberg, um das Ende des 13. Jahrh. (Heinrichs von Freiberg Tristano, herausg. von Bechstein, Lpz. 1877, in «Deutsche Dichtungen des Mittelaltersv). Die alte Prosaauflösung bearbeitete dramatisch auch Hans Sachs, und eine selbständige, treffliche, aber ebenfalls unvollendet gebliebene Umdichtung der Sage unternahm Immermann; als Oper bearbeitete den Stoff Richard Wagner. Auch bildliche Darstellungen aus dem Mittelalter haben sich erhalten. Vgl. Bechstein, «T. und Isolde in deutschen Dichtungen der Neuzeit⸗ (Lpz. 1876).