Gottfried von Straßburg, von den namhaftesten Dichtern der mittelhochdeutschen Zeit neben Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide der begabteste, führt seinen Zunamen von der alten elsäss. Reichsstadt. Er hatte gelehrte Bildung genossen und gehörte dem Bürgerstande an, indem er nie «Herro (miles), sondern stets nur mit dem bürgerlichen gelehrten Prädikat Meister» (magister) von seinen Zeitgenossen genannt wird. Den Tristan » (s. d.), sein Hauptwerk, vor dessen Vollendung er starb, nachdem er über zwei Drittel der Sage in fast 20000 Versen erzählt, dichtete er um 1207—10, noch bei Lebzeiten Hartmanns von Aue, dem er den dichterischen Ehrenkranz ebenso bereitwillig zuerkannte, als er 18 Wolfram von Eschenbach, auf dessen Parcivalo er an pielt, entschieden verweigerte. Die Sage von Tristan und Isolde ist eine der wenigen, die allen Völkern des Abendlandes bekannt war. Schon um 1170 hatte Eilhart von Oberge, ein niederdeutscher oder mitteldeutscher Ritter, dieselbe nach einem franz. Gedichte deutsch erzählt. Einer andern, en aeri französischen, bis auf Bruchstücke verlorenen, aber in einer nordischen Prosaübersetzung erhaltenen Quelle folgte G., der als Verfasser den Thomas von Britanien (d. i. Bretagne) nennt. „Gies unvollendetes Gedicht fand zwei Fortsetzer: in Ulrich von Türheim, um 1240, der in trockener Art sich begnügt, die Geschichte zu Ende zu bringen, und am Schlusse des 13. Jahrh. in Heinrich von Friberc (Freiberg im sächs. rzgebirge), der, dichterisch begabter, sich nicht ohne Erfolg G.s Stil nähern suchte. Außer dem (Tristand sind von G. nur einige lyrische Gedichte übrig, denn der Lobgesang auf Christus und Mariao ist ihm nur untergeschoben. G. war ein begabter Dichter und zugleich, mehr als irgend einer seiner Zeitgenossen, Künstler. Er besaß eine lebhafte Phantasie, Witz und Humor neben weicher Empfindung und eine bewundernswürdige Kenntnis des menschlichen Herzens. Redegewaltig wie kein zweiter, ist seine Darstellung, strahlend im glänzendsten Schmucke, ein unerreichtes Muster, und auch den Vers und Reim handhabte er mit größter Reinheit und Vollendung. G.sTristand darf in jeder Beziehung als der Glanzpunkt der höfischen Poesie bezeichnet werden. Seine Nachahmer im Stil und die einzigen Dichter, die im Laufe des 13. Jahrh. noch Nennenswertes leisteten, waren Konrad Flecke, Rudolf von Ems und Konrad von Würzburg. G.s Werke mit den beiden Fortsetzungen des (Tristans haben von der Hagen 2 Bde., Bresl. 1823), den «Tristano mit Ulrichs ortsetzung Groote (Berl. 1821) und Maßmann (Lpz. 1843) herausgegeben. Eine des Dichters würin neue Ausgabe von R. Bechstein erschien in den „Deutschen Klassikern des Mittelalters (2 Bde., Opz. 1869; 2. Aufl. 1873). übersetzungen lieferten Kurtz (Stuttg. 1844, mit hinzugedichtetem Schluß: 3. Iufl. 1877) und Simrock (2 Bde., Lpz. 1855; 2. Aufl. 1875, ebenfalls mit einem Schluß versehen); eine verkürzende W. Hertz 95 ein 1877½.