Uri, der vierte Kanton der Schweiz, wird von der Reuß (s. d.) und ihren ersten Zuflüssen bewässert‚ im W. von Wallis, Bern und Unterwalden, im N. vom Vierwaldstättersee (s. d.) und Schwyz, im O. von Glarus und Graubünden, im S. von Tessin begrenzt und umfaßt ein Areal von 1076 qkmemit (1880) 23 694 E. U. ist der wildeste und unfruchtbarste Teil der Schweiz. Die schmale Thalsohle der Reuß wird auf drei Seiten von hohen felsigen und vergletscherten Gebirgen umschlossen und öffnet sich nur im Norden gegen den Urnersee, den südlichsten Arm des Vierwaldstättersees. Im Westen des Kantons ragen die Fels⸗ und Eisriesen der Urner und Unterwaldner Alpen (s. Alpen 19) empor; den südl. Grenzwall bildet das St. Gotthardgebirge (s. d.); den Osten umschließen die Glarner Alpen (s. Alpen 21). Das Hauptthal zerfällt in die beiden durch die wilde Schlucht der Schöllenen miteinander verbundenen Stufen Urseren und U. Die zahlreichen Seitenthäler sind wild und eng, zum Teil reich an großartigen Landschaftsbildern; die wichtigsten sind das Göschenen- und das Maienthal links, das Maderaner⸗ und das Schächenthal rechts. Von dem Areal entfallen 6 Proz. auf Waldungen, 384 Proz. auf Wiesen und Weiden, Acker⸗ und Gartenland, 10, Proz. auf Gletscher, 42,5 Proz. auf Felsen, Schutthalden u. dgl., 2,4 Proz. auf anderes unproduktives Gebiet. Die Höhendiffererenz vom höchsten Punkte, dem Dammastock (3638 m) bis zum Spiegel des Urnersees (437 m) beträgt 3201 m. Das Klima ist nach der Lage sehr verschieden. In Andermatt (1448 m) ist das Jahresmittel 3 C., in Altorf (478 m) 9,50. Der Boden ist, soweit benutzbar, ergiebig. Im untern Thale und am See wachsen Nuß⸗ und Kastanienbäume, während das hochgelegene Urserenthal fast baumlos ist. Der Föhn, dem das ganze Reußthal ausgesetzt ist, begünstigt das Gedeihen einer verhältnismäßig reichen Vegetation, zugleich aber auch den Eintritt häufiger und furchtbarer Uberschwemmungen (1834, 1839, 1868). Die sehr spärliche Bevölkerung (nur 22 E. auf Am) ist meist kath. Konfession und, abgesehen von zahlreichen, temporär für den Bau der Gotthardbahn eingewanderten Italienern, deutscher Zunge. Ihre Haupterwerbsquellen sind Alpwirtschaft und Landbau. Nach der Viehzählung von 1886 besitzt der Kanton 175 Pferde, 12193 Rinder, 2330 Schweine, 10324 Schafe, 10891 Ziegen, 908 Bienenstöcke. Das Urserenthal liefert vorzüglichen Käse zur Ausfuhr. Von nußbaren Gesteinen werden da und dort Granit, Gneis und Kaltstein ausgebeutet. Die Gebirge sind reich an Bergkrystall,I Fluß⸗ und Feldspat, Strahlstein, Asbest, Granat, Turmalin, Eisenrosen etc. Die Industrie (Dynamitfabrikation, Parketterie) ernährt nur 14, der Handel Proz. der Bevölkerung, wichtig dagegen ist der Touristenverkehr des St. Gotthard und der Kurorte Seelisberg, Maderanerthal, Andermatt etc. Die Hauptverkehrslinien sind die St. Gotthardbahn, die Dampferlinie des Vierwaldstättersees, die Oberalp⸗ und die Furkastraße. Die wichtigsten Ortschaften sind, außer dem Hauptslecken Altorf, Andermatt, Göschenen, Wasen am Eingang in das Maienthal, Amsteg und Flüelen, alle an der Gotthardbahn, Seelisberg oberhalb des Grütli und Bürglen am Eingang ins Schächenthal. Die Verfassung ist rein demokratisch; die Landsgemeinde entscheidet über Gesehe u. dgl. und wählt den Landammann. Der Landrat, je ein Mitglied auf 300 E. in den Gemeinden gewählt, ist vorberatende, der Regierungsrat von 9 Mitgliedern vollziehende Behörde. Der Kanton zerfällt in die Bezirke U. und Urseren. An der Spitze jedes Bezirks steht ein Bezirksrat und ein Bezirksammann. Jeder Bezirk hat sein Bezirksgericht. Strafrechtliche Fälle werden von dem Kriminalgericht erledigt, höchste Instanz ist das Kantonsgericht. In kirchlicher Hinsicht gehört der streng kath. Kanton, der noch drei Klöster zählt, zum Bistum Chur. AÄußer den obligatorischen Volksschulen besteht eine Kantonsschule zu Altorf. In militärischer Beziehung gehört der Kanton zum Stammbezirk der 8. Division. Das Wappen ist ein schwarzer Stierkopf (Ur) im goldenen Felde. Wie Unterwalden wahrscheinlich im 7. und 8. Jahrh. von Alamannen besiedelt, wurde das Land U. 853 von Ludwig dem Deutschen dem Stift Fraumünster in Zürich vergabt und unter die Aufsicht von Reichsvögten gestellt. Die Reichsfreiheit, 1231 von Friedrich II. urkundlich bestätigt, von Albrecht von Habsburg mißachtet, wurde 1309 von Heinrich VII. aufs neue anerkannt. Schon 1147 schlossen die Freien von U.» mit Schwyz und Unterwalden einen Bund und erneuerten denselben 1291 und 1315. Von da an teilte U. die Schicksale der Eidgenossenschaft bis zu deren Umsturz durch die franz. Invasion 1798; durch die helvetische Einheitsverfassung ward es dem neuen Kanton Waldstätten zugewiesen. Im J. 1799 war es der Schauplatz heißer Kämpfe zwischen Franzosen, Russen und Ssterreichern. Die Mediationsakte von 1803 setzte U. wieder in die Rechte eines selbständigen Kantons ein, jedoch unter Verlust seines Unterthanenlandes Livinen und seines Anteils an den gemeinen Herrschaften. Den Bundesvertrag von 1815 nahm der Kanton ohne Widerstand an. Seither bildet U. mit der übrigen Urschweiz den Kern der konservativ-ultramontanen Partei der deutschen Schweiz und nahm 1832 am Sarnerbunde, 1845 am Sonderbunde teil. Die Bundesverfassung von 1848 nahm es nur mit Widerstreben an. Die Revision der Bundesverfassung wurde sowohl 1872, wie 1874 mit bedeutender Majorität verworfen; jedoch brachte der Bau der St. Gotthardbahn 1872 —82, der eine Menge fremder Beamten, Arbeiter und Kaufleute ins Land führte und das stille Hochthal in den großen Weltverkehr zog, einen frischen Luftzug in die patriarchalischen Rechts⸗ und Polizeizustände des Landes, der 1879, 1881 und 1886 zu partiellen Verfassungsrevisionen fuhrte. Vgl. Lusser, Der Kanton U.» (St. Gallen 1834); derselbe, »Geschichte des Kantons U.» (Schwyz 1862).