Vega (Lope Felir de Vega Carpio), der genialste und fruchtbarste dramatische Dichter Spaniens, geb. 25. Nov. 1562 zu Madrid, aus einem altadeligen castil. Geschlechte, erhielt seinen Unterricht in den Schulen von Madrid, studierte zu Alcala, wahrscheinlich auch einige Zeit zu Salamanca, wurde Baccalaureus und wollte in den geistlichen Stand treten, als er, durch ein Liebesverhältnis veranlaßt, seinen Entschluß aufgab. Im J. 1582 nahm er auf kurze Zeit Kriegsdienste, und wohl während derselben schrieb er sein reizendes, 1602 zuerst gleichzeitig mit seinem Schäferroman Arcadias gedrucktes Gedicht La hermosura de Angelicas, die glücklichste Nachahmung des Ariosto. Noch vor 1588 wurde er entweder durch die Rachsucht einer verlassenen Geliebten oder schuldenhalber ins Gefängnis gesetzt; er entfloh daraus mit seinem Freunde Claudio Conde nach Valencia und Lissabon, woselbst sie beide auf der Armada, die Philipp II. gegen England schickte, Dienste nahmen. Mit den Resten der Flotte nach Spanien zurückgekehrt, ging er dann wieder jach Madrid, wo er sich verheiratete. Ein unglücklicher Zweikampf nötigte ihn wiederum nach Valencia zu flüchten, wo damals die Bühne im höchsten Flor stand. Erst um 1595 durfte er nach Madrid zurücktehren, wo er sich zum zweiten mal verheiratete und wo nun fur ihn ein ruhigeres Leben begann. Durch Unglücksfälle in seiner Familie gebeugt, wurde er Priester und nach 1611 in die Orden tercera des heil. Franciscus aufgenommen. Mit dem Eintritt in den geistlichen Stand begann die glänzendste Zeit seines Lebens. Sein Dichterruhm stieg von Stufe zu Stufe bis zur höchsten Höhe: die Nation vergötterte ihn. Doch fehlte es ihm auch nicht an Neidern, besonders unter den Dichtern, von denen der namhafteste Gongora y Argote (s. d.) war. Im J. 1618 wurde er zum apostolischen Protonotar beim Erzbistum Toledo ernannt. Als Philipp IV. 1621 den span. Thron bestieg, beeilte er sich, dem Dichter seine Aufmerksamkeit und Gunst zuzuwenden. In dieser Zeit schrieb Lope unter dem Namen Gabriel Padocopeo „Selbstgespräche mit Gotte (Soliloquios à Diosv), die, obschon ganz ascetischen Inhalts, ebenso viel Ruf und Beifall fanden wie seine andern Dichtungen. Im J. 1627 veröffentlichte er die Coroua trägicas, ein histor. Gedicht 3 Ehrenrettung der Maria Stuart, für dessen Dedikation an Papst Urban VIII. er zum Ritter des Johanniterordens ernannt wurde. Er starb zu Madrid 21.Aug. 1635. Die Fruchtbarkeit V.s ist zum Sprichwort geworden, und alle seine Zeitgenossen drücken ihre Verwunderung über die Menge seiner Werke aus. Man hat von ihm zwei Epopden: Angelican und „La Jerusalem conquistadas; fünf mytholog. Gedichte; vier größere histor. Gedichte: San-Isidrop, „La Dragonteas, La corona trägicas und La virgen de la Almudenao; ein nedeWn Heldengedicht unter dem Namen des Tome de Burguillos: „La Gatomaquias (neueste Ausg., Madr. 1878); mehrere beschreibende und ddaltische Gedichte; eine Unzahl von Sonetten, Romanzen, Oden, Elegien, Cpisteln u. s. w.; mehrere Werke teils in Versen, teils in Prosa, und acht Novellen in Prosa, welche Werke insgesamt in der bei Sancha erschienenen Auswahl seiner Schriften (21 Bde., Madr. 1776 —79) und abermals in einer Auswahl im38. Bande der „Biblioteca de autores espanoles o (Madr. 1856) enthalten sind. Doch nicht darin, sondern in seinen Komödien besteht sein Hauptruhm. Bis 1632, wo er aufhörte, für die Bühne zu schreiben, hat er über 1500 Comedias und eine bedeutende Anzahl von Autos, Loas und Entremeses verfaßt; doch ist nur ein kleiner Teil derselben (ungefähr 320) in der Sammlung seiner Comediaso im Druck erschienen (28 Bde., Madr. 1604 — 47; 112 Stücke hat Hartzenbusch in der obenerwähnten Biblioteca de autores espanolesy, Bd. 24, 34, 41 u. 52, herausgegeben, fünf bisher ungedruckte enthält der erste Band der bei Rivadeneyra begonnenen „Comedias ineditas de V.», Madr. 1874). Die Mehrzahl scheint verloren gegangen zu sein. Und doch ist V., der gleich Shakespeare noch ganz im volkstümlichen Leben seiner Nation wurzelte und zugleich das durch ihre polit. Größe gesteigerte Selbstbewußtsein damit verband, nicht nur der eigentliche Gründer der span. Nationalbühne, sondern einer der größten dramatischen Dichter aller Zeiten. Vorzüglich ist er Meister in Schilderung von Frauencharakteren und der untern Volksklassen, sowie der eigentliche Schöpfer der nationalen komischen Person, des Gracioso, der bei ihm mit der ganzen Fülle seines erfinderischen Witzes ausgestattet erscheint. Wenn er vielleicht in der tiefsten Auffassung des Allgemein-Menschlichen von Shakespeare übertroffen wird, so ist er unübertroffen in der lebensfrischen Darstellung des Volkstümlichen. Übrigens finden sich in seinen Stücken alle möglichen Stoff-⸗ und Stilgattungen des Dramas von der Tragödie bis zur Posse. Aus dieser Menge muß es genügen, als bezeichnende Proben seiner frühern Periode (vor 1604) anzuführen die Komödien Los tres diamantesv und La fuerza lastimosao. Dagegen charakterisieren seine spätere Periode La discreta enamoradao und La dama melindrosav. Zu den gelungensten Schöpfungen seiner letzten Zeit gehören „La moza de Cäntarooß und „Las bizarrias de Belisab. In Deutschland ist V. nur wenig bekannt geworden durch die übersetzungen einiger Stücke von Malsburg (Dresd. 1824), Soden (Lpz. 1820), Dohrn (Samb. 1844), Schack (Frankf. 1845) und Rapp (im „Span. Theatere, Bd. 3—4, Hildburgh. 1869). Analysen von 24 Stücken gab Enk in seinen „Studien über Lope de V.y (Wien 1839), und eine Übersetzung seiner Romane und Novellen hat man von Richard: «Lopes romantische Dichtungeno (6 Bde., Aachen 1824 —27). Eine größere Anzahl bisher ungedruckter Briefe (48) und mehrere Gedichte enthalten Ultimos amores de Lope de V., revelados por él mismor (Madr. 1876). Vgl. die umfassenden histor. Darstellungen von Schack und Klein.