FeedVerrücktheit (Parandia)
HeilkundeBrockhaus 1882

Verrücktheit (Parandia), im populären Sinne gleichbedeutend mit Geisteskrankheit, im wissenschaftlichen (psychiatrischen) Sinne Bezeichnung für eine bestimmte Form krankhaften Geisteszustandes, beziehungsweise für eine Gruppe sich untereinander sehr nahestehender Formen. Das Hauptsymptom der V. ist die fire Wahnidee, mit oder ohne Sinnestäuschungen (Hallucinationen und Illusionen). Man unterscheidet akute und chronische V. Beischronischer Verrückt heit treten einzelne oder meist Gruppen fixer Ideen auf, welche untereinander ohin ch verbunden sind (systematisierter Wahn). Der Inhalt der Wahnideen ist sehr verschieden: Verfolgungswahn, Größenwahn, beziehungsweise religiöser, hypochondrischer Wahn, Liebeswahn Erotomanie) u. dgl. m. Chronisch Verrückte können jahrzehntelang ihrer Umgebung als geistesgesund erscheinen oder höchstens als Sonderlinge, weil der Wahn häufig lange Zeit geheimgehalten wird und Verwirrtheit, leidenschaftliche Ausbrüche nicht notwendig mit demselben einhergehen. Die Kranken sind oft im Stande, mit scheinbar durchaus normaler Logik ihre verrückten Ideen zu verteidigen und nach Richtungen hin, welche mit ihrem Wahn sich nicht berühren, vernünftig zu handeln. Bei der akuten Verrücktheit gestaltet sich das Bild weit stürmischer, Affekte treten mehr in den Vordergrund, zeitweise auch hochgradige Verworrenheit. Die chronische V. ist fast immer unheilbar, die akute dagegen häufig einer Heilung fähig; beide gehen oft schließlich in allgemeine Verwirrtheit und Blödsinn über. Bei der Entstehung der V. spielt erbliche krankhafte Geistesanlage eine große Rolle. Bisweilen tritt hier die V. schon in früher Jugend hervor (originäre Verrücktheit). Eine für die V. charakteristische Hirnveränderung kennt man nicht; man rechnet nur solche Fälle zur B., welche nicht auf einer anatomisch wohl charakterisierbaren Erkrankung (3. B. Entzundung) beruhen. Eine für alle Fälle von V. passende Behandlungsweise gibt es nicht; bei den chronischen Fällen ist methodische Beschäftigung insofern von Nutzen, als sie die Kranken vor völligem Versinken in ihren Wahn auf lange Zeit bewahren kann.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 223Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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