FeedVersprechen
Sitten & ModeBrockhaus 1882

Versprechen oder Besprechen ist eine mit der Magie (s. d.) verwandte Art von abergläubischen Handlungen, welche in Anwendung gebracht werden, um die Fortdauer nachteilig wirkender oder gefahrdrohender Zustände aufzuhalten. So werden namentlich besprochen Krankheiten, Wunden, fließendes Blut, Feuer u. dgl. Das Besprechen geschieht durch gewöhnlich mit besondern Ceremonien und Gebräuchen verbundene Hersagung bestimmter Beschwörungs⸗, Verwünschungs⸗ und Segensformeln, die auch schlechthin Segeno genannt werden, und wird, je nach dem betreffenden Grade der Religionsbegriffe und des allgemeinen Bildungszustandes, bei allen Völkern in größerer oder geringerer Ausdehnung geübt. Auch in Deutschland war es allgemein üblich und kommt, noch jetzt ziemlich häufig in Anwendung, weshalb sich auch zahlreiche Segen teils in Handschriften, teils in der lebendigen überlieferung des Volks erhalten haben. Teils sind diese Segen poetisch abgefaßt, beginnen mit einem epischen Eingange, enthalten in der Mitte die für die betreffende Beschwörung besonders wirksamen Worte und schließen mit einer Anrufung Christi und der Heiligen. Viele dieser Segen stammen noch aus der heidnischen Zeit und enthalten sogar zuweilen noch die Namen heidnischer Götterwesen; .Heüier aber sind an die Stelle der letztern christl. Heilige getreten. Durch diesen Umstand werden die Segen auch fruchtbar für die Wissenschaft, als Ouellen und Hilfsmittel für die Kenntnis und das Verständnis der german. Mythologie. Die beiden ältesten und merkwürdigsten deutschen Segensformeln wurden 1842 in einer Handschrift des 10. Jahrh. aufgefunden, sind aber noch durchaus heidnisch und um ½½½ früher entstanden als die Handschrift. ie eine ist ein Zauberspruch zur Lösung von Fesseln, die andere ist gegen Verrenkung gerichtet. Sammlungen solcher Segen finden sich unter andern im Anhange zur ersten Ausgabe von J. Grimms „Deutscher Woifs (Gött. 1835) und im Anhange 10 J. W. Wolfs „Beiträgen zur deutschen Mythologies (Bd. 1, Gött. u. Lpz. 1852). Die ältesten Segen sind neuerdings gedruckt und besprochen worden in Müllenhoffs und Scherers „Denkmäler deutscher Poesie und Prosa aus dem 8. bis 12. Jahrh.» (Berl. 1864); Frischbier, «Hexenspruch und Zauberbanne (Berl. 1870).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 229Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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