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ErdkundeBrockhaus 1882

Vicenza, Hauptstadt der gleichnamigen ital. Provinz (2632,4 akm, 1881 mit 401 765 E.), am nördl. Fuße der Monti-Berici, in fruchtbarer, wohlangebauter Ebene, zu beiden Seiten des schiffbaren Bacchiglione, der hier den Retrone aufnimmt, an der Eisenbahn Verona-Padua-Venedig, der hier nach Treviso und Schio abzweigt. Sie ist mit Doppelmauer und Gräben umgeben, hat sechs Thore, sieben Brücken (vier über den Retrone, darunter Ponte San-Michele von Palladio), ein altes Kastell und 19 Kirchen. Wiewohl die meisten Straßen eng und krumm, hat die Stadt doch auch großartige Plätze und viele Gebäude edler Form, darunter 20 Paläste ersten Rangs, von denen mehrere die berühmten Baumeister Palladio und Scamozzi, deren Geburtsort V. ist, aufführten. Unter die merkwürdigsten Gebäude gehören das Rathaus oder Palazzo della Ragione, auch del Consiglio und Basilica genannt, auf der mit den zwei die frühere venetian. Herrschaft verewigenden Säulen und dem 1859 errichteten Marmorstandbilde Palladios vom Bildhauer Gajassi verzierten Piazza de' Signori, ein durchaus von Marmor aufgeführtes Gebäude mit einem 1549 begonnenen Doppelgeschoß großartig schöner offener Bogenhallen von Palladio und 82 m hohem Turm; ferner das Olympische Theater auf der Piazza d'Isola, ein zierlicher, interessanter Holzbau nach Palladios Zeichnung und den von Vitruvius angegebenen Verhältnissen in antikem Geschmack erbaut, 1584 nach Palladios Tode vollendet und durch den Odipus Tyrannus des Sophokles eingeweiht; die beiden Triumphbogen, von denen der eine am Eingange des Campo-Marzo, einer schönen Promenade, steht, der andere an der Porta-Lupia den Eingang zu einem 650 mlangen Portikus von 168 Arkaden bildet. Dieser Portikus, ohne Treppe sanft aufsteigend und mit Quadern gepflastert, führt zu der auf dem Monte-⸗Berico gelegenen schönen und reischen Wallfahrtskirche (il Santuario) Madonna del Berico des gleichnamigen Servitenklosters, wo sich eine der entzückendsten Aussichten in die Umgegend eröffnet. Diese Kirche ist ein griech. Kreuz mit Kuppel; der linke Querarm war die alte 1428 erbaute Kirche. Im Refektorium des Klosters befindet sich ein köstliches Bild Paolo Veroneses, das Gastmahl Gregors d. Gr., aus dem J. 1572, 1848 arg beschädigt, doch nach der Kopie in der Gemäldesammlung restauriert. Hinter der Kirche erhebt sich ein Denkmal für die 1848 hier Gefallenen, nahebei die von dem Municipium V. gewidmete Statue der Italia liberata. Unter den Palästen sind die Loggia del Delegato oder Palazzo Prefettizio von Palladio (1571), der vor 1566 erbaute, 1848 stark beschädigte, 1855 hergestellte Palazzo-Chieregati (der schönste Bau Nalladios) mit einem Museum (Museo civico) von Altertümern, mittelalterlichen Münzen, Handzeichnungen und Manuskripten Palladios, ausgezeichneten Petrefakten aus vicentin. Gebiet und einer Gemäldesammlung, der höchst edle, 1570 von Palladio erbaute Palazzo-Barbarano, der got. Palazzo-Porto-Colleoni, Tiene, auf der einen Seite nach Palladios Entwurf, auf der andern ein Werk der Frührenaissance, Valmarana (von Palladio, 1566) und der bischöfl. Palast zu erwähnen. Unter den Kirchen zeichnet sich die sehr alte Kathedrale mit Kuppel über dem sehr erhöhten Chor aus. Einige derselben enthalten sehenswerte Gemälde: San-Stefano eine Madonna von Palma Vecchio, Santa-Corona eine Taufe Christi von Giov. Bellini. In der schönen got. Kirche San-Lorenzo befindet sich das Grab des Malers Bart. Montagna. Auf dem Domplatz steht das 1880 errichtete Denkmal Victor Emanuels von Benvenuti. Die Stadt ist der Sitz der Präfektur, eines Tribunals erster Instanz, eines Bistums, einer Handels- und Gewerbekammer, hat ein theol. Seminar, ein königl. Lyceum und ein königl. Gymnasium, ein Englisches Fräuleinstift, die Olympische Akademie der Wissenschaften, Litteratur und schönen Künste, eine öffentliche Bibliothek von 50000 Bänden, drei Theater, worunter das Teatro filarmonico das größte, ein großes Krankenhaus, ein Findelhaus und andere Wohlthätigkeitsanstalten. Sie zählte (1881) 27007 (Gemeinde 38 713) E., zeichnet sich durch mehrere Fabrikate, besonders durch schöne Seide und Seidenstoffe, sowie durch Reisstroh zu Hüten vorteilhaft aus und treibt auch ansehnlichen Handel mit Manufaktur⸗ und Naturerzeugnissen, namentlich mit Gartenfrüchten, Wein, Getreide und Schlachtvieh. Bemerkenswert ist das jährlich am Fronleichnamstage zur Erinnerung eines Siegs der Vicentiner über Padua gefeierte Volksfest La-Rua oder Ruota. Auf dem Kirchhofe befindet sich das Grabmal Palladios. Vor dem Thore des Kastells liegt der schöne Garten Valmarana, auf dem Hügel San-Sebastiano viele freundliche Landhäuser, in dem nahen Dorfe Cavazele der Palast Cricoli, welcher dem Dichter Trissino gehörte; fast 2 Em von der Stadt, am Ostfuße des Monte-Berico, die berühmte Villa-Rotonda oder Palladiana des Grafen Capra, gewöhnlich Palladios Meisterstück genannt, ein Viereck mit einer ion. Säulenvorhalle an jeder Seite und einem runden Kuppelsaal in der Mitte: 15 km im Süden das Dorf Costozza mit einer labyrinthischen Grotte im Innern eines Hügels, reich an Versteinerungen. Die Stadt, bei den Römern Vicetia, mittellat. auch Vicentia, war im Altertum, wo sie zum Gebiet Venetia gehörte und an der von Cremona uber Verona nach Aquileja führenden Via Postumia lag, unbedeutend, aber im Mittelalter eine der ersten, die sich 1167 an den lombard. Städtebund Laen Kaiser Friedrich I. anschloß. Die 1204 durch uswanderung der Studenten und Lehrer von Bologna entstandene Universität löste sich bald wieder auf. Im J. 1236 wurde V. von Kaiser Friedrich II. 2. Nov. erobert und zerstört. Im J. 1311 fiel das bisher unterthänige V. von Padua ab. Der Kaiser Heinrich VII. belehnte die Familie della Scala mit ihr, und diese und andere Familien (1387 — 1402 der Herzog Giovangaleazzo von Mailand) herrschten nun daselbst bis 1404, wo die Stadt nebst Gebiet sich den Venetianern unterwarf. Kaiser Marximilian I. eroberte sie 1509, gab sie aber 1516 wieder an Venedig zurück. Im J. 1848 erhob sich V. gegen die Osterreicher und wurde von päpstl. Truppen besetzt, die denselben 20. Mai ein Treffen lieferten. Am 23. Mai und 9. Juni ward die Stadt von den Osterreichern beschossen und kapitulierte 11. Juni an Radetzki nach dem hitzigen Gefecht, welches der Feldzeugmeister d'Aspre 10. Juni den Insurgenten und päpstl. Schweizern auf dem Monte-Berico lieferte. Im Herbst 1866 kam V. mit den übrigen venet. Provinzen an das Königreich Italien.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 246Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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