Villele (Joseph, Graf), franz. Staatsmann, geb. 14. Aug. 1773 zu Toulouse, widmete sich dem Seedienste und ging 1791 mit seinem Verwandten, dem spätern Admiral Saint-Felix, nach Westindien, wo er sich während der Revolution ein ansehnliches Vermögen erwarb. Im J. 1803 kehrte er nach Frankreich zurück und trat 1814 bei der Rückkehr der Bourbons als polit. Parteimann auf. Nachdem er sich erst in einer Schrift als Gegner der von Ludwig XVIII. verliehenen Verfassung, dann während der Hundert Tage durch Eifer für die Bourbonen bemerkbar gemacht, wurde er nach der zweiten Restauration Maire von Toulouse und Abgeordneter der Kammer. Hier that er sich in der Partei der royalistischen Ultras hervor. Ohne die Leidenschaftlichkeit seiner Meinungsgenossen, vielmehr nüchtern, gewandt und in Geschäften, namentlich den Finanzen, bewandert, ward er allmählich ihr bedeutendster Führer. Nachdem der Mord des Herzogs von Berri der Vorwand zur Beseitigung des vermittelnden Ministeriums Decazes geworden und der Herzog von Richelieu ein neues Kabinett gebildet, ward er mit Corbiere im Dez. 1820 ins Ministerium aufgenommen. Richelieus Sturz brachte ein Jahr später die Ultras vollständig ans Ruder, und V. übernahm im Dez. e,1821 in dem neuen Kabinett die Finanzen, im nHerbst 1822 auch das Präsidium. Das Verdienst itseiner sechsjährigen Verwaltung war die Ordnung 3der Finanzen. Er beherrschte im Sinne der Partei edie Wahlen, führte das Gesetz der siebenjährigen Finanzperiode durch, das ihm eine dauernde Majorität sicherte, gab, obwohl widerstrebend, seine Zustimmung zum Kriege gegen das liberale Spanien, „Isetzte die Emigrantenentschädigung ins Werk und eversuchte, um die Mittel dafür zu gewinnen, eine dHerabsetzung der Renten einzuführen. Gleichwohl „genügte er den Ultras noch nicht, zumal seit „Karls X. Thronbesteigung auch die uitramontanen rfund jesuitischen Elemente ihren Anteil an der Ge⸗ „walt forderten. Mit Widerstreben gab V. nach, um edurch immer neue Konzessionen an die Reaktionspartei sich in der Gunst des Hofs zu behaupten. Die Wahlen von 1827 zeigten indessen, welch eine rmächtige Opposition sich gegen V. ausgebildet hatte. rEine Reihe reaktionärer Maßnahmen, wie die Be⸗ „schränkung der freien Presse und die Aufhebung 5der pariser Nationalgarde, die teils von ihm ausgingen, teils von ihm geduldet wurden, machten seine Lage immer peinlicher. Eine neue Kammerauflösung verstärkte nur die Opposition. Im Jan. 1828 mußte er endlich dem Ministerium Martignac weichen. Seine polit. Laufbahn war damit geschlossen. Er starb in Toulouse 13. März 1854.