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GeschichteBrockhaus 1882

Villeroi, eine französische, erst zu Anfang des 16. Jahrh. geadelte Familie, die mehrere geschichtliche Personen zählt. — Nicolas de Neufville, Seigneur de V., geb. 1512, war Minister unter den Königen Karl IX., Heinrich III., Heinrich IV., Ludwig XIII. Er starb 12. Nov. 1617 zu Rouen und hinterließ unter anderm die berühmten «Mémoires d'Etat depuis 1567 jusqu'en 1604 (Par. 1622; mit einer Fortsetzung bis 1620, Par. 1634). — Sein Enkel, Nicolas de Neufville, Marquis, dann Herzog von V., geb. 14. Okt. 1598, Marichn sich als Krieger aus und wurde 1646 karschall und zugleich Gouverneur des jungen Ludwig XIV. Nachdem er 1661 Chef des Finanzrats geworden, erhielt er 1663 die Würde eines Pairs und Herzogs. Er starb 28. Nov. 1685. Dessen Sohn, Frangois de Neufville, Herzog von V., Marschall und Pair, geb. 7. April 1643 und mit Ludwig XIV. erzogen, verbrachte seine Jugend unter den Zerstreuungen des Hofs und galt als das Muster der Eleganz und der Mode. Wiewohl stets der Günstling Ludwigs XIV., mußte er später wegen Liebesintriguen den Hof meiden und mehrere Jahre zu Lyon verweilen, wo sein Vater das Gonvernement hatte. Im J. 1694 erhielt er den Marschallsstab und übernahm in den Niederlanden an der Stelle des Marschalls von Luxembourg den Oberbefehl, versuchte vergebens Namur zu entsetzen und rückte Aug. 1695 vor Brüssel, das er durch eine Kanonade fast ganz in Schutt legte. Ludwig XIV. schickte ihn 1701 bei Eröffnung des Spanischen Erbfolgekriegs nach Italien, wo der siegreiche Catinat und der Herzog von Savoyen unter seine Befehle treten mußten. Gegen Catinats Rat griff V. 1. Sept. 1701 das Lager des Prinzen Eugen bei Chiari an und erlitt eine arge Niederlage. Sodann wurde er in der Nacht des 1. Febr. 1702 zu Cremona von Eugen überfallen und gefangen genommen, erhielt aber in kurzer Zeit die Freiheit zurück. V. übernahm Anfang 1706 den Oberbefehl über die 75000 Mann starke Armee in den Niederlanden und drang im Mai mit dem Kurfürsten von Bayern bis an die Gheete vor. Wiewohl sein Gegner Marlborough schwächer war, rückte ihm derselbe bis an das Dorf Ramillies entgegen, wo es 23. Mai 1706 zu einer mörderischen Schlacht kam. V. verlor 20000 Mann und seine ganze Artillerie und Bagage. Brabant, Flandern und selbst ein Strich der franz. Grenze fielen in die Hände der Verbündeten. Ludwig XIV. bewahrte seinem Günstling immer ein unwandelbares Vertrauen. Als er auf Antrieb der Maintenon 1715 ein Testament aufsetzte, das die Gewalt des künftigen Regenten, des Herzogs von Orléans, beschränken sollte, wurde auch V. in das Geheimnis eingeweiht und erhielt zugleich die Ernennung zum Gouverneur des jungen Ludwig XV. V. verriet den Inhalt des Testaments noch bei seines Wohlthäters Lebzeiten an den Herzog von Orléans gegen Geld und Versprechungen. Dennoch aber trat er allen den Intriguen bei, welche der Hof nach Ludwigs XIV. Tode gegen den Regenten versuchte. Nachdem jedoch der König die Mündigkeit erlangt, nahm der Herzog von Orléans eine Gelegenheit wahr und ließ V. 12. Aug. 1722 plötzlich verhaften und in sein Gouvernement nach Lyon schaffen. Er erschien seitdem nur wenig bei Hofe und starb 18. Juli 1730.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 272Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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