FeedVirchow (Rud.)
HeilkundeBrockhaus 1882

Virchow (Rud.), berühmter Patholog und Politiker, geb. 13. Okt. 1821 zu Schivelbein in Pommern, besuchte das Gymnasium zu Köslin und studierte dann zu Berlin Medizin als Zögling des mediz.⸗chirurgischen Friedrich-Wilhelms-Instituts. Nachdem er 1843 promoviert, fand er als Unterarzt, später als Assistent von Froriep und (seit 1846) als Prosektor an der Charité günstige Gelegenheit zu pathol. Forschungen, welche er mit seinem Freunde Reinhardt zu eingehenden Untersuchungen krankhafter Vorgänge benutzte. Die Ergebnisse derselben legten beide Forscher in dem von ihnen 1847 begründeten »Archiv für pathol. Anatomie und Physiologies nieder, welches nach Reinhardts Tode (1852) von V. allein fortgeführt wurde und noch gegenwärtig infolge der Reichhaltigkeit und Gediegenheit seines Inhalts in der gesamten ärztlichen Welt das größte Ansehen genießt. Aufsehen erregte unter den Arzten besonders eine Kritik (1846) V.s über die pathol.⸗anatom. Arbeiten Rokitanskys, in welcher er diesem gegenüber seine abweichenden Ansichten über die Grundformen der Krankheiten geltend machte. Während der Bewegung des J. 1848 wirkte V. in entschieden liberalem Sinne und bekannte sich offen als Demokrat. In einer mit Leubuscher begründeten Zeitschrift Die mediz. Reformo (1848—49) sprach er sich auf das freisinnigste über Medizinalreform aus. liber die Erfahrungen, welche er als Abgesandter des Kultusministers 1848 in Oberschlesien über den Hungertyphus sammelte, berichtete er in den »Mitteilungen über den oberschles. Typhuso (Berl. 1848). Im J. 1847 hatte er sich an der berliner Universität habilitiert, nachdem er schon seit Ostern 1846 besuchte Vorlesungen über pathol. Anatomie gehalten hatte. Zu Ostern 1849 wurde er von dem Ministerium aus polit. Gründen seiner Stelle entsetzt, und nur auf Andringen der ärztlichen Vereine und zwar auch nur auf Widerruf wieder angestellt. Im Herbst folgte er daher einem Rufe als ord. Professor nach Würzburg und zählte dort alsbald zu den Zierden dieser Universität und zu den hervorragendsten Lehrern der sog. Würzburger Schule, welche ihren nächsten Ausdruck in der von ihm mitgegründeten Physikalisch-medizinischen Gesellschaft und in den von dieser publizierten Verhandlungend fand. Noch von Berlin aus hatte V. in der Schrift »Die Einheitsbestrebungen in der wissenschaftlichen Medizino (Berl. 1849) ein förmliches Programm seiner eigenen wissenschaftlichen Tendenzen im Gegensatze zu denen anderer Forscher aufgestellt. Im Herbst. 1856 kehrte V. wieder als ord. Professor und als Direktor des Pathologischen Instituts an die Universität in Berlin zurück, deren mediz. Fakultät ihm einen großen Teil ihres Rufs verdankt. Er ist Mitglied der wissenschaftlichen Deputation für das Medizinalwesen im preuß. Kultusministerium, ferner der technischen Deputation für das Veterinärwesen im preußischen landwirtschaftlichen Ministerium und Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Im Herbst 1859 begab er sich auf Verlangen der schwed. Regierung nach Norwegen, um dort den Aussatz zu studieren. Im Dez. 1874 wurde er zum Geh. Medizinalrat ernannt. Im Frühjahr 1879 ging er nach Kleinasien, um die Ausgrabungen Schliemanns bei Hissärlik zu besichtigen. Im Sept. 1886 leitete er mit großer Umsicht im Verein mit A. W. Hofmann als Geschäftsführer die 59. Wanderversammlung der deutschen Naturforscher und Arzte in Berlin. V. ist der Begründer der sog. Cellularpathologie (s. d.) und hat dadurch einen sehr bedeutenden und nachhaltenden Einfluß auf die Entwickelung der gesamten modernen Medizin geübt. Als Grundursache der Veränderungen der Organe und Gewebe und deren Erkrankung stellt V. die Erregbarkeit der Zellen (s. d.) hin. Wie er aus den Eigenschaften der Zellen die Ernährungs- und Bildungsvorgänge herleitet, so führt er auch jede Art von Erkrankung und Störung dieser IIIE auf spezifische Erregbarkeit der Zellen zurück. Durch die Zellen werden Faserstoff, Schleim, Eiter, sowie die übrigen normalen und krankhaften Absonderungen erzeugt. Ebenso werden durch dieselben auch die Grundelemente gebildet, woraus sich Tuberkel, Krebs und alle krankhaften Gebilde zusammensetzen. Dieses neue System, welches bereits viele jüngere Forscher zu dem ihngen gemacht haben, entwickelte V. zuerst in den „Vorlesungen über Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiol. und pathol. Gewebelehres (Berl. 1859), welche in fast alle europ. Sprachen übersetzt sind und deren dritte Auflage zugleich den ersten Band der «Vorlesungen über Pathologies (Berl. 1862) bildet. Der zweite, dritte und vierte Band des letztern Werks (1863—67) umfassen die Vorlesungen über Die kranthaften Geschwülster. Ganz hervorragend sind ferner seine Verdienste um die öffentliche Gesundheitspflege, welche ihm zahlreiche bahnbrechende Untersuchungen, sowie eine Fülle wertvoller Ideen und Anregungen verdankt; hier sind besonders seine wichtigen Forschungen über Kanalisation und Städtereinigung, über Desinfektion, über die Schulhygiene, das Lazarettwesen u. a. hervorzuheben. Auch in das Gebiet der Anthropologie und Ethnographie hat V. vielseitig umgestaltend und fördernd eingegriffen, wie seine genialen, überall neue Ausblicke eröffnenden Arbeiten über Rassenschädel und Schädelmessung, über Pfahlbauten, Hünengräber und prähistor. Funde, über die Urbevölkerung Europas, über die physische Anthropologie der Deutschen u. a. m. beweisen. Auch seine Thätigkeit als Lehrer ist eine außerordentlich vielseitige und segensreiche; aus seinen Schülern ist eine große Anzahl namhafter Professoren und Arzte hervorgegangen. Außer zahlreichen Beiträgen zu Zeitschriften und Sammelwerken, in denen er eine staunenswerte Fülle von eigenen Untersuchungen und Forschungen niedergelegt hat, sind von seinen Schriften noch hervorzuheben: «Die Not im Spessartv (Würzb. 1852), (Gesammelte Abhandlungen zur wissenschaftlichen Medizinv (Frankf. a. M. 1856; 2. Aufl. 1862), das von ihm unter Mitwirkung verschiedener deutscher Arzte herausgegebene «Handbuch der speziellen Pathologie und Therapier (Erlang. 1854 fg.), die Untersuchungen über die Entwickelung des Schädelgrundes» (Berl. 1857), «Vier Reden über Leben und Krankseine (Berl. 1862), Die Lehre von den Trichinen» (Berl. 1865; 3. Aufl. 1866), cliber den Hungertyphus (Berl. 1868), „Kanalisation oder Abfuhr »(Berl. 1869), 40 Reinigung und Entwässerung Berlinsv (13 Hefte und 3 Anhangshefte, Berl. 1870—79), aliber einige Merkmale moderner Menschenrassen am Schädelv (Berl. 1875), Beiträge zur phys. Anthropologie der Deutschen, mit besonderer Berücksichtigung der Friesen» (Berl. 1876), «Sektionstechnik» (Berl. 1876), „Gesammelte Abhandlungen aus dem Gebiete der öffentlichen Medizin und der Seuchenlehrer (2 Bde., Berl. 1879) u. s. w. Hieran reihen sich die geistvollen «Gedächtnisredeno auf Joh. Müller (Berl. 1858) und auf Schönlein (Berl. 1865); ferner eine Reihe populärer Vorträge, wie z. B. «Goethe als Naturforschere (Berl. 1861), „Die Aufgaben der Naturwissenschaften in dem neuen nationalen Leben Deutschlandso (Berl. 1871), „Die Freiheit der Wissenschaft im modernen Staate (Berl. 1877) u. s. w. In der von V. und Holtzendorff seit 1866 herausgegebenen Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträges, an welcher viele Gelehrte mitarbeiten, hat V. eine Reihe von Vorträgen, z. B. Küber Pfahlbauten und Hünengräbere, eliber Nahrungs⸗ und Genußmittelo, aliber Hospitäler und Lazaretter, «über die Heilkräfte des Organismusv, Die Urbevölkerung licht. V. gehört zahlreichen gemeinnützigen Vereinen an, in deren Interesse er viele Schriften, wie „Die Aufgabe der deutschen Turnereis (Berl. 1864), über die Erziehung des Weibes für seinen Berufv (Berl. 1865) u. s. w. veröffentlichte, und ist Mitbegründer und Vorsitzender sowohl der deutschen als der berliner Anthropologischen Gesellschaft, deren Verhandlungen er herausgibt. V. ist ein trefflicher Redner auf dem Katheder und auf der Tribüne, wie er vielfach seit 1859 als Stadtverordneter für Berlin und seit 1862 auch als Mitglied des preuß. Abgeordnetenhauses (Wahlbezirk Saarbrücken, seit 1867 Berlin), sowie (seit 1880) des Deutschen Reichstags bekundete. Als Parlamentarier gehörte er der Fortschrittspartei, deren Mitbegründer er war, und seit der Fusion der letztern mit den «Sezessionistene der deutschfreisinnigen Partei an. Einen hervorragenden Anteil nahm er an dem unter dem Ministerium Falk entbrannten kirchenpolitischen Konflikt, den er zuerst als großen «Kulturkampfo (s. d.) charakterisierte und dadurch dauernd mit diesem Namen belegte.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 283Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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