FeedVisconti (lat. Vicecomites)
GeschichteBrockhaus 1882

Visconti (lat. Vicecomites), lombard. Adelsfamilie. Als der Lombardenbund in eine Menge größerer und kleinerer, meist tyrannischer Herrschaften zerfiel, begründeten die B. ihre Macht, die sich noch mehr entwickelte, als der Sturz der rivalisierenden della Torre (Thurn und Taxis) erfolgte. Besonders war es Otto V., Erzbischof von Mailand, gest. 1258, der die Macht der V. befestigte. Er hinterließ die Herrschergewalt seinem Neffen Matteo J., der nach manchem Glückswechsel während des Römerzugs Kaiser Heinrichs VII. 1312 Guido della Torre vertrieb und den Titel eines kaiserl. Statthalters erhielt, den er mit dem eines Herrn von Mailand verband. Matteo starb 1322. Sein Erbe war sein erstgeborener Sohn Galeazzo, der, von mächtigen Feinden und seinen eigenen Brüdern gedrängt, durch Ludwig den Bayer 1327 im Schlosse zu Monza eingekerkert wurde und 1328 starb. Ihm folgte sein Sohn Azzo, geb. 1292, einer der Besten des Hauses, der aber schon 1329 starb. Da er keine Söhne hatte, folgte ihm Lucchino, ein Sohn Matteo V.s, der zuerst in seiner Familie als Beschützer der Wissenschaften und Künste hervortrat. Nach seinem Tode 1349 folgte ihm sein thatkräftiger, aber gewaltsamer Bruder Giovanni, Erzbischof von Mailand, der auch Genua und Bologna unter seine Herrschaft bekam und noch eifriger fr die Wissenschaften wirkte. Petrarca hatte in ihm einen Gönner. Er starb 1354. Auf Giovanni folgten gemeinschaftlich dessen drei Neffen, Matted II., Bernabd und Galeazzo Il. Matteo starb schon nach einem Jahre; die beiden andern Brüder, obwohl tapfer im Kriege, machten sich ihren Unterthanen durch Grausamkeit und viele Laster verhaßt. — Auf Galeazzo II. folgte dessen Sohn Gian Galeazzo, der sich seines Oheimz Bernabd durch Gewalt und List entledigte. In ihm erreichte die Familie V. den Gipfel ihrer Größe und ihres Glanzes. Er erhielt 1395 vom König Wenzel die Herzogswürde, unterwarf sich Pisa, Siena, Perugia, Padua und Bologna und stand im Begriff, sich zum König von Italien zu machen, als er 1402 plötzlich starb. Mit großartigem Sinne förderte er Wissenschaften und Künste, indem er die berühmtesten Männer an seinen Hof zog, die Universität zu Piacenza wiederherstellte, Pavia hob und eine große Bibliothek stiftete. Auch große Werke der Baukunst wurden unter seiner Regierung begonnen, z. B. der mailänder Dom, die Certosa bei Pavia und die Tessinbrücke bei letzterer Stadt. — Gian Galeazzo hinterließ drei Söhne, Giammaria, Filippo Maria und den unehelichen Gabriel, unter welche das Land verteilt wurde. Rasch zerfiel Gian Galeazzos großer Staat. den meisten lombard. Städten warfen sich einzelne mächtige Bürger zu Gebietern auf; die Florentiner nahmen Pisa, die Venetianer nach und nach Padua, Vicenza, Verona, Brescia und andere Städte weg. Giammaria machte sich durch Grausamkeiten verhaßt und wurde 1412 das Opfer einer Verschwörung. Filippo Maria regierte nun allein und erlebte viele Glückswechsel; seine letzten Lebensjahre waren durch Feindseligkeiten der Venetianer verbittert, die oft bis unter die Mauern von Mailand rückten. Er starb 13. Aug. 1447 ohne männliche Erben. Seine natürliche Tochter, Bianca, war an Francesco Sforza (s. d.) verheiratet, welcher 1450 durch List und Gewalt Herzog von Mailand wurde. Viscontische Nebenlinien bestehen noch jetzt in der Lombardei. Vgl. Litta in den Famiglie celebri italianes und Verri, «Storia di Milanon, sowie die übrigen mailänd. Geschichtschreiber.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 291Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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