Vlämische Sprache und Litteratur. Vlämisch ist im Grunde nur der ältere Name dessen, was man gegenwärtig unter holländ. Sprache versteht, und der Ausdruck, in dem diese beiden Benennungen aufgehen sollten, ist niederdeutsche oder niederländ. Sprache. Doch versteht man unter dem Vlämischen nur die in Belgien übliche Varietät des Niederdeutschen. Die Franzosen nannten das Niederdeutsche lamand, weil sie unter den niederdeutsch redenden Völkern zunächst mit den Flamändern in Beziehung standen, und erst nach der völligen Trennung Nord-⸗und Südniederlands tauchte die ebenso unzureichende Bezeichnung aholländ. Spracher auf. und machte sich seitdem im Sinne der in den das heutige Königreich der Niederlande bildenden Provinzen gesprochenen Sprache immer mehr geltend. Der Unterschied zwischen vläm. und holländ. Sprache betrifft blos das volkstümliche Idiom. Die vläm. und holländ. Schriftsteller wissen von einem das eigentliche Wesen der Sprache berührenden Unterschied nichts, was die verschiedenen, seit 1849 abgehaltenen holländ.⸗belg. Sprachkongresse zur Genüge darthun. Somit fällt auch eigentlich die Geschichte der vläm. Litteratur mit der der niederländischen zusammen. (S. Niederländische Sprache und Litteratur.) Seit der Lostrennung der nördl. Niederlande trat indes das litterarische Streben der Südniederlande vor dem überhandnehmen der franz. Bildung und unter polit. Druck in den Hintergrund; die Litteratur sank und mit ihr die Sprache. Die Revolution von 1830 wurde meist von Wallonen geleitet, welche die neuen Zustände ganz und gar in ein franz. Gleis brachten. Bei ihrem antiprotest. Eifer übersahen die Flamänder, daß Holländisch und Vlämisch gleichbedeutend und daß König Wilhelm zur Hebung der Volksbildung auf Grund der Muttersprache mit der Zeit mehr gewirkt haben würde, als die Förderer der Revolution vor und nach 1830 wirklich gethan haben. Was in dieser Hinsicht von den vlämisch redenden Provinzen eingebüßt worden, kam inzwischen bei einigen Männern zum Bewußtsein, und diese waren es daher, welche von 1840 ab die sog. vlämische Bewegung ins Leben riefen und sie auch noch unterhalten und leiten. Der Zweck dieser Bewegung besteht darin, auf Grund der Verfassung, welche keiner der beiden in Belgien gesprochenen Sprachen ein Vorrecht einräumt, dem zum Nachteile der Nationalinteressen immer mächtigern Andrange des franz. Elements in den offiziellen Kreisen wie im geselligen Leben entgegenzuarbeiten und die vläm. Sprache zu einem ausgebildeten Organ der vläm.⸗ belg. Nationalität zu erheben. Diese volkstümliche Bewegung, an welche sich vor allen die Namen Willems, Blommaert, van Ryswyck, Conscience, van der Voorde, Delecourt, Dautzenberg, van Duyse, Snellaert, de Laet, Dedecker, David und Bormans knüpfen, hat schon bedeutende Resultate erzielt. (S. Belgien.) Die Regierung hat den Forderungen derselben in ihren Gesetzvorlagen wie in ihren Verwaltungsmaßregeln Rücksicht widmen müssen, und auch die Belgische Akademie hat der Pflege der vläm. Litteratur ihr Interesse zugewendet und besorgt die Herausgabe der hervorragendsten Denkmäler aus dem Mittelalter. In neuester Zeit ist sogar von den Kammern die Errichtung einer vlämischen Akademie genehmigt worden. Über das, was die neuere vläm. Litteratur hervorgebracht, s. die Art. Blommaert, Conseience, Dautzenberg, van Duyse, Snellaert, Snieders, van Ryswyck und Willems. Diesen schließen sich aus neuester Zeit noch manche an, namentlich als Dichter der gemüthreiche Franz De Cort (gest. 1877) und der schwungvolle Emannel Hiel (s. dJ. Dank der Unterstützung der Regierung und der Städte wird auf dem Gebiete des Theaters außerordentlich viel geleistet und die dramatische Litteratur ist in erfreulichem Aufschwung begriffen. Am ausführlichsten über die litterarischen Zustände der Vlamingen handelt Ida von Düringsfeld in ihrem Werke Von der Schelde bis zur Maaso (3 Bde., Lpz. 1861). Die besten Grammatiken sind die von Van Beers und Heremans, die gangbarsten Wörterbücher das von Abbé Olinger und das von Sleecks und van de Velde. Außerdem sind zu nennen: Vandenhoven (d. i. Delecourt), La langue flamande, son passé et son avenire (Brüss. 1844½); Lebrocquy, «Analogies linguistiques. Du flamand dans ses rapports avec les autres idiomes d'origine teutoniques (Brüss. 1845): Höfken, «Vlämisch-Belien» (2 Bde., Brem. 1817). Eine ausführliche Bibliographie der vläm. Litteratur seit 1855 haben Snellaert (1857) und de Potter (1867) aufgestellt. Nach den Ergebnissen der Volkszählung von 1846 kamen auf 1000 Bewohner 421 französisch und 570 vlämisch redende: auf Grund der Zählung von 1866 verändern sich diese Zahlen resp. zu 423 und 563. Von den 5520009 Bewohnern Belgiens im J. 1880 sprachen 2237867 nur französisch, 2479 747 nur vlämisch, 433749 beide Sprachen. Nach Provinzen betrachtet ergeben sich folgende Zahlen: auf 1000 Bewohner kommen in Antwerpen 868, in Brabant 415, in Westflandern 849, in Ostflandern 913, in Limburg 886, im ganzen Lande 454 ausschließlich vlämisch redende. Die sprachliche Einigung zwischen Nord und Süd, d. h. zwischen Holland und Belgien erreichte ihren Schlußpunkt, als die Regierung 1864 durch Aufstellung einer einheitlichen offiziellen Rechtschreibung der bisherigen Regellosigkeit ein Ziel setzte.