Vogt (Karl), namhafter Naturforscher, geb. 5. Juli 1817 zu Gießen, wo sein Vater, Philipp Friedrich Wilhelm V., bekannt als Verfasser eines Lehrbuch der Pharmakodynamiko (4. Aufl., 2 Bde. Gießen 1838) und mehrerer geschätzter mediz. Schriften, damals Professor war. Er erhielt seine Gymnasialbildung in seiner Vaterstadt und begann 1833 auf der dortigen Universität das Studium der Medizin: Daneben arbeitete er anderthalb Jahre in Liebigs Laboratorium. Im Herbst 1835 folgte er seinem Vater nach Bern, wohin dieser als Professor der Klinik berufen worden, und beschäftigte sich hier unter Valentins Leitung besonders mit anatom. und physiol. Studien. Nachdem er im Sommer 1839 promoviert, ging er nach Neuchätel, wo er mit Agassiz und Desor fünf Jahre lang naturwissenschaftlichen Arbeiten oblag. Er beteiligte sich an Agassiz' Gletscherexpeditionen und wurde Mitarbeiter an dessen „Foissons fossileso, den Etudes sur les glaciers- und der «Histoire naturelle des poissons d'eau douces. In letzterm Werke ist der erste Band gänzlich, der zweite größtenteils von V. verfaßt. Daneben veröffentlichte er noch mehrere selbständige Werke, wie «Untersuchungen über die Entwickelung der Geburtshelferkrötes (Soloth. 1842), „Im Gebirg und auf den Gletscherne (Soloth. 1843), »Lehrbuch der Geologie und Petrefaktenkunder (2 Bde., Braunschw. 1846; 5. Aufl. 1879), (Physiol. Briefes (Stuttg. 1845 — 46; 4. Aufl., Gießen 1874). Diese Schriften zeichnen sich sämtlich durch gediegene wissenschaftliche Forschung, so- wie populääre, aber elegante Form aus. Nachdem er 1814—46 in Paris gelebt, ging er nach Italien, wo er besonders zu Nizza und Rom sich aufhielt. Zu Nizza erhielt er einen Ruf als Professor nach Gießen, dem er Ostern 1847 folgte. In der Bewegung von 1848, der er sich mit großem Eifer hingab, ward V. von der Stadt Gießen zum Obersten der Bürgergarde erwählt und in das Vorparlament, später auch in die Deutsche Nationalversammlung zu Trankfurta. M. gesendet. Er zählte hier zur Linken (Deutscher Hof) und folgte der Versammlung auch nach Stuttgart, wo er in die Reichsregentschaft gewählt wurde. Seines Lehramts in Gießen enthoben, lebte er nach dieser polit. Cpisode bis 1850 zu Bern. Er nahm nun im Heröst 1850 seine zoolog. Untersuchungen zu Nizʒa wieder auf, die er bis ins Frühjahr 1852 fortsetzte. Im Herbst desselben Jahres wurde er Professor der Geologie, später auch der Zoologie zu Genf, dann erfolgte seine Wahl zum Mitglied des Großen Rats, sowie zum eidgenössischen Ständerat und 1878 zum schweiz. Nationalrat. Von Bis teils streng wissenschaftlichen, teils populären Schriften sind noch hervorzuheben: Ocean und Mittelmeer» (2 Bde., Frankf. 1848), ein Bericht über seine erste ital. Reise; die „Bilder aus dem Tierlebeno (Frankf. a. M. 1850) und die mit scharfer Satire versetzten«Untersuchungen über Tierstaateno (Frankf. 1851), welche beide Arbeiten später in »Altes und Neues aus Tier- und Menschenleben⸗ (2 Bde., Frankf. 1859) zusammengefaßt erschienen; ferner: Köhlerglaube und Wissenschafty (Gießen 1853—55), eine Streitschrift gegen Rudolf Wagner; «OZoolog. Briefes (Frankf. 1851), Die künstliche Fischzuchto (Lpz. 1859; 2. Aufl. 1875), „Lehrbuch der Geologiev (5. Aufl., Braunschw. 1879), „Vorlesungen über nützliche und schädliche Tieres Epz. 1865) re. Später wendete V. seine Aufmerksamieit insbesondere der Physiologie des Menschen und dessen Urgeschichte zu, wie unter anderm seine (Vorlesungen über den Menscheno (Gießen 1864) und die Schrift aüber die Mikrocephalen oder Affenmenschend (Braunschw. 1866) bekunden. In neuester Zeit beschäftigte sich V. wirder vorzugsweise mit zoolog. Arbeiten: „Die Säugetiere in Wort und Bildo, Prachtwerk mit Abbildungen von F. Specht (Münch. 1883); «Praktische vergleichende Anatomies, mit E. Pung (Braunschw. 1885 fg.). Neben Moleschott und Ludwig Büchner gilt V. als einer der eifrigsten Vorkämpfer des sog. Materialismus in Deutschland. Auch ist er entschiedener Anhänger des Darwinismus. Ein jüngerer Bruder Karl V.s, Adolf V., geb. 1824 in Gießen, Professor der Medizin in Bern, hat sich durch Schriften über öffentliche Gesundheitspflege einen Namen gemacht. — Der jüngste Bruder, Gustav V., geb. 1829 in Gießen, früher Direktor des eidgenössischen Statistischen Bureau in Bern, dann Professor der Nationalökonomie an der dortigen Universität, später Professor des Staatsrechts und Chefredacteur der Neuen Züricher Zeitungo in Zürich, hat sich in seinem Fache ebenfalls als Schriftsteller bethätigt.