Vokaltheorie heißt die Lehre von der Entstehung der Selbstlaute oder Vokale. Nach der V. von Helmholtz (1862) bestehen die Vokale aus lauter einfachen musikalischen Tönen. Das Tongemisch der Vokale unterscheidet sich wesentlich von dem anderer Klänge dadurch, daß in jedem Vokal ein oder zwei Obertöne an Stärke vorherrschen, unabhängig von der Höhe des Grundtons, mit dem gesprochen oder gesungen wird. Auf diese 4Bestimmungstöne wird die Mundhöhle durch ihre Umformung beim Lauten der Vokale als passender Resonator abgestimmt. Formt man z. B. den Mund wie zum Lauten des A und hält vor dem Munde eine angeschlagene Stimmgabel mit dem Tone ba, so wird dieser Ton durch die Resonanz der Mundhöhle verstärkt. Der Ton b. ist also der Bestimmungston für A. In ähnlicher Weise findet man als Bestimmungstöne b. und ti für E, f und 4 für J, bi für O und f für U. Je nach der verschiedenen Lautung der Vokale in den Dialekten und Fremdsprachen erleiden diese charakteristischen Bestimmungstöne einige Veränderungen, woraus sich die abweichenden Angaben derselben bei Donders, Helmholtz, König u. a. erklären. Diese Bestimmungstöne vereint mit der Verstärkung einer f gewissen Zahl und Ordnung von harmonischen Obertönen geben den entsprechenden Vokalklang. f Vor Helmholtz betonte schon Willis (1832) das Vorhandensein eines eigentümlichen Bestimmungstons für jeden der Vokale. Dagegen wurde in jüngerer Zeit seine Notwendigkeit mehrseitig bestritten (Jenkin und Ewing 1878, Schneebeli 1878 —79 u. a. m.), von andern aber wieder verteidigt (Borseul 1878, Bell 1879 u. a. m.). Allgemeiner anerkannt ist der zweite Teil der Helmholtzschen V., wonach das Charakteristische der Vokalklänge in erster Linie oder ganz allein von der verschiedenen Anzahl und Ordnung der verstärkten Teiltöne abhänge. Durch die Erfindung des Phonographen (. d.), sowie des Telephons (s. d.) hat die V. an Interesse sehr gewonnen, weshalb die Natur der Vokalllänge immer wieder aufs neue erforscht wird (Quanten 1874, Graßmann 1877, Auerbach 1877 u. a. m.). Im Gegensatz zu den Vokalen stehen die Mitlaute oder Konsonanten, welche als Geräusche, d. h. als musikalische Töne die Vokale am Anfang oder am Ende begleiten und von der Zunge, den Zähnen, Lippen u. dgl. m. erzeugt werden. Vgl. Helmholtz, «Die Lehre von den Tonempfindungen⸗ (4. Aufl., Braunschw. 1877).