Vokalsteigerung ist ein von Schleicher in der vergleichenden Grammatik verbreiteter Kunstausdruck für die Erscheinung des indogerman. Vokalismus, die von andern mit den ind. Ausdrücken Guna (s. d.) und Vriddhi oder als Zulaut bezeichnet wird, und beruht auf der Vorstellung, daß jedem der früher allgemein angenommenen drei Urvokale a, i, u, die auch Grundvokale genannt wurden, ein a vorgesetzt werden könne, woraus a + a ⸗ ä, ai, au entstanden (lerste Steigerung); wurde diesen Verbindungen noch einmal a vorgesetzt, so entstanden a + à ⸗ à, ai, au (zweite Steigerung). Neben der Steigerung wurde noch eine Schwächung der Vokale, z. B. Wandlung eines a in i, angenommen. In neuester Zeit ist die vergleichende Grammatik von dieser Theorie mehr und mehr zurückgekommen, indem sie weit mehr Vokale als ursprünglich annimmt (neben a, i, u noch deren Längen, ferner e, é6, o, 5 u. a.) und den Vokalwechsel (Ablaut) in den verschiedenen Ableitungen aus einer und derselben Wurzel auf ursprüngliche Betonungsverschiedenheiten zurückführt, z. B. beruht das ei, im griech. aut, aich gehes, auf ursprünglicher Betonung der ersten Silbe, während das i in 19½⁷‚ 4wir gehen»„ auf älterer Unbetontheit beruht (anskr. imäs, wir gehene). Vgl. Saussure, «Mémoire sur le système primitif des voyelles dans les langues indo-européenneso (Lpz. 1879).