FeedVolksbücher
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Volksbücher heißen im engern Sinne prosaische Bearbeitungen deutscher und roman. Sagenstoffe, die sich seit dem Ende des Mittelalters bis auf die Neuzeit in der Gunst des Volks erhalten haben und deshalb auch nicht auf dem gewöhnlichen buchhändlerischen Wege vertrieben, sondern, mit schlechten Holzschnitten ausgestattet, hausieren getragen und auf Jahrmärkten feilgeboten werden. So setzte man, mit engem Anschluß an das Original, den Wigalois (s. d.) in Prosa um (1472; erster Druck, Augsb. 1493), und den Tristan (s. d.), aber nicht nach der Bearbeitung Gottfrieds von Straß—⸗ burg, sondern nach der Eilharts von Oberge (Augsb. 1498). Von der deutschen Heldensage erschienen untergeordnete und rohere poetische Bearbeitungen einzelner Stücke wiederholt im Druck (das «Heldenbuch v, 1491 u. öfter; KEcken Ausfahrto, 1491 u. öfter; der KKleine Rosengarten » oder «König Laurino, 1509; (Hörnern Seyfried 5, um 1540; ein Lied von Diderick von Bern, um 1560); aber die bedeutendsten aus ihr hervorgegangenen Dichtungen, wie das Nibelungenlied, blieben unbeachtet, und nur ein ziemlich roher Teil derselben, Siegfrieds Jugendgeschichte, gestaltete sich, und zwar erst spät, zu dem prosaischen Volksbuche vom gehörnten Siegfried. Reinen ward unmittelbar zum Volksbuche der Reineke Vos (s. d.) in seiner damaligen poetischen Gestalt (Lüb. 1498). Ferner noch beziehen sich auf deutsche Sage und Geschichte die gereimten V. von Heinrich dem Löwen (aus dem 15. Jahrh.) und von dem Ritter von Staufenberg, auch Peter Diemringer genannt (um 1480; überarbeitet von Fischart, 1588), sowie das prosaische von Kaiser Friedrich Barbarossa' (zuerst 1519). Das Volksbuch von Herzog Ernst (Straßb., ohne Jahr; Erfurt 1502) beruht zwar gleichfalls auf deutscher Sage, ging aber nicht aus dem ältern deutschen Gedichte, sondem aus einer lat. prosaischen Fassung hervor, und ebenso gründet sich Heinrich Steinhöwels zum Volksbuch gewordene Bearbeitung des Königs Apollonius von Tyrland (Augsb. 1471) nicht auf das deutsche Gedicht Heinrichs von der Neuenstadt, sondern auf die ältere lat. Erzählung von unbekanntem Verfasser. Dem Inhalte nach schlossen sich zunächst an die Wundererzählungen der beiden letztgenannten Bücher verschiedene Reisebeschreibungen, unter denen namentlich die Marco Polos (s. d.) und besonders Mandeviles (s. d.) als V. beliebt waren. Einen ansehnlichen Zuwachs erhielt die Litteratur der deutschen V. durch zahlreiche übersetzungen aus dem Französischen; doch ließ man auch hier die großen alten Epen des karolingischen Sagenkreises unberührt, und nur drei kärlingische Romane wurden aus jüngern Bearbeitungen übertragen: die Haimonskinder (s. d.), Fierabras (Simmern 1533) und Ogier (durch Konrad Egenberger von Wertheim, Frantf. 1571). Ein anderer an die Karlssage sich lehnender Roman, «Florio und Biancefforav (Metz 1499), ward aus dem «Filocopov Boccaccios entlehnt. Die übrigen aus dem Französischen übersetzten Romane, von denen mehrere noch heute zu den beliebtesten V. gehören, sind nach Ursprung und Charakter sehr verschieden. Noch an die kärlingische Sage knüpft sich Lother und Maller »„ übersetzt durch Elisabeth von ur We (um 1430; erster Druck, Straßb. 1514; neue Bearbeitung von Simrock, Stuttg. 1868); die Geschichte Hugo Capets behandelt der von derselben bearbeitete „Hug Schapler »(Straßb. 1500); weitverzweigten und wandelbaren Sagenstoff vereinigt „Pontus und Sidonia», übersetzt durch Eleonore von Ssterreich (um 1450; erster Druck, Augsb. 1498). Weiter schließen sich an die Melusine (s. d.), übersetzt (1456) durch Thüring von Ringoltingen, die Magelone (s. d.), übersetzt durch Veit Warbeck (Augsb. 1539), Herzog Herpin (Straßb. 1514), Ritter Galmy (Straßb. 1539), Kaiser Octavian (Straßb. 1535) und der durch Marquard vom Stein übersetzte Ritter vom Thurm (Bas. 1493). Dem letztgenannten Buche war eine bedeutende Anzahl kleiner Erzählungen eingeschaltet. Solche Erzählungen, deren Ursprung oft in die ältesten orient. Litteraturen hinaufreicht, wanderten durch das ganze Mittelalter von einem Volk zum andern und wurden auch wiederholt in Sammlungen vereinigt. Zwei der beliebtesten Sammlungen dieser Art, die Gesta Romanorum (s. d.) und die Sieben weisen Meister (s. d.), traten nun gleichfalls in die Reihe der deutschen V., und ihre Geschichten wurden bald vereinigt, bald gesondert oder in Gruppen zusammengefaßt wiederholt gedruckt. Daneben entstanden nun auch neue Sammlungen ähnlicher Art, wie «Der Seele Trostov, eine Tugendlehre nach den Zehn Geboten (Augsb. 1478), und Joh. Paulis „Schimpf und Ernsto (Straßb. 1522 und bis ans Ende des 17. Jahrh. an 50mal wieder en Vallin dem als Nachahmungen sich anschlossen Valtin Schumanns «Nachtbüchleino (um 1559), Kirchhofs „Wendunmuth (Frankf. 1563; neue Ausg. von Österley, Stuttg. 1866), Wickrams „Rollwageno (Straßb. 1557; neu herausg. von H. des 1. Lpz. 1865), Jak. Freys Gartengesellschafto, des Martin Montanus „Wegkürzer » u. s. w. Auch aus der Fremde kamen mehrere einzelne Novellen unter unsere V., wie aus dem Französischen Die geduldige Helena» (Straßb. 1508) und durch Steinhöwel aus dem Lateinischen des Petrarca übersetzt die „Griseldis o (Augsb. 1471). Ebenso stammt aus lat. Quelle und nicht aus dem ältern deutschen Gedichte das prosaische Volksbuch von Salomon und Marcolf (Nürnb. 1487), welches den weitverbreiteten und bis in die ersten Jahrhunderte des Mittelalters hinaufreichenden Stoff parodierend behandelt, indem es den Marcolf zum Träger demokratischer Schalksnarrenweisheit macht. Diesem ersten Aufsprudeln des demokratischen Geistes und dieser Lust an Schwänken und Späßen verdanken auch einige echt deutsche Originalwerke ihren Ursprung. Zuerst der Eulenspiegel (s. d.), dessen ursprüngliche niederdeutsche Fassung verloren ist. Dann die „Schildbergero oder 4«Schildbürgero (Nürnb. um 1550), in spätern Ausgaben auch das Lalenbucho, der 4Grillenvertreiber» (Frankf. 1603) oder die „Witzenbürger (1625) genannt. Ferner zwei gereimte V., welche nach Art des ältern 4Pfaffen Amiso eine Reihe von Schwänken an die Namen zweier Pfarrherren knüpfen: nämlich »Der Pfarrer vom Kalenberger, verfaßt durch Philipp Frankfurter (um 1400; erster Druck, Frankf. 1550), und Peter Leu von Hallo, auch Der andere Kalenbergero genannt, verfaßt durch Achilles Jason Widmann (Nürnb. 1560), jetzt mit dem «Kalenberger v», Neithart Fuchs v, Marcolfo und 4„Bruder Rauscho vereinigt im «Narrenbuch v von F. Bobertag (Bd. 11 der Deutschen Nationallitteraturo, Stuttg. 1885); desgleichen „Der Finkenrittero (Straßb., um 1559), ein Vorläufer der Münchhausenschen Lügen und Aufschneidereien, und endlich zwei dem Eulenspiegel näher verwandte Schwanksammlungen: «Der Klaus Narro des mansfeldischen Pfarrers Wolfg. Büttner (Eisl. 1572) und der cHans Clawerte des trebiner Stadtschreibers Barthol. Krüger (Berl. 1587). Aber auch mehrere deutsche V. ernsten Inhalts sind in Deutschland selbst entstanden und darunter besonders wertvolle, wie der Fortunatus (s. d.) und der Faust (s. d.). Dem letztern war schon im 15. Jahrh. der Bruder Rauscho vorangegangen, der den Bund mit dem Teufel noch in der aus dem german. Heidentume stammenden mildern und humoristischen Auffassung darstellte. Einen Vertrag mit dem Teufel enthält auch die durch Georg Thym gereimte Sage von Thedel Unverferd von Walmoden (Magdeb. 1550), die mit jener von Heinrich dem Löwen sich berührt. Der Bericht des Chrysostomus Duduläus über das Erscheinen des Ahasverus oder des Ewigen Juden (s. d.) in Hamburg und an andern Orten (Opz. 1602) vermochte im wiederholt gedruckten und übersetzten Volksbuche kein rechtes Leben zu gewinnen. Dagegen fesselt durch gelungene Abrundung die liebliche Erzählung von der Pfalzgräfin Genoveva (s. d.), in ihrer gegenwärtigen Gestalt eine libertragung aus dem Niederländischen und vielleicht das jüngste aller V., aber ihrem Ursprunge nach echt deutsch und hoch ins Altertum Ablauf des 18 Erst gegen Ablauf des 18. Jahrh. begann die romantische Schule darauf hinzuweisen, welch un⸗(l verwüstlich poetischer Gehalt den V. sogar noch in der äußersten Entstellung innewohne, und gelungene Umschöpfungen alter Volksbücherstoffe, wie Goethes «Faust »„ Tiecks „Octavian » und «Fortunato» und des Malers Müller KGenoveva», verdeutlichten die Wahrheit dieser Behauptung. Auch die schwäb. Dichterschule ward bald auf die poetische Welt der V. aufmerksam, für welche Reutlingen ein von den schwäb. Dichtern gern aufgesuchter Verlagsort war. Aber es dauerte sehr lange, ehe eine richtigere Würdigung derselben allgemeinen Eingang fand. Schon 1578 hatte der frankfurter Buchhändler Feyerabend 13 jener Romane unter dem Titel 4Buch der Liebe in eine Sammlung vereinigt, aber die wiederholten Versuche Reichards Hers 1799) und von der Hagens und Büschings (Berl. 1809), eine ähnliche Sammlung unter gleichem Titel zu veranstalten, fanden noch so geringen Beifall, daß beide Unternehmungen mit dem ersten Bande abgebrochen wurden. Gleich laue Aufnahme erfuhr von der Hagens „Narrenbuch (Halle 1811). Bessern Erfolg erzielten Gust. Schwab (4Buch der schönsten Geschichten und Sagenv, 2 Bde., Stuttg. 1836; 7. Aufl., mit Illustrationen von Platsch, Camphausen u. a., Gütersl. 1872) und Marbach (Deutsche V., Lpz. 1838 fg.). Sie bahnten den Weg für die mit ebenso großer Sachkenntnis als feinem Takt in möglichst strengem Anschlusse an die ältesten und besten Texte durch Simrock (s. d.) besorgte Sammlung «Deutscher V.y (Bd. 1— 13, Frankf. 1845—67; 2. Aufl. 1876 fg.; in Auswahl, 2 Bde., Frankf. a. M. 1869). Besser ausgestattet und dabei billiger als die gewöhnlichen Ausgaben stellte der leipziger Buchhändler G. Wigand die V. her. Eine litteraturgeschichtliche Würdigung der deutschen V. versuchte schon J. Görres (Die deutschen V.v, Heidelb. 1807); eine gedrängte übersicht findet sich in Gödekes «Elf Bücher deutscher Dichtung » (Bd. 1, Lpz. 1849).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 324Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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