FeedVoltaire (Frangois Marie Arouet de)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Voltaire (Frangois Marie Arouet de), berühmter franz. Geschichtschreiber, Philosoph, Kritiker, Gelehrter, Dichter, Dramatiker und Romanschriftsteller, geb. 21. Nov. 1694 zu Paris (nicht 20. Febr. 1694 zu Chätenay-les Bagneux bei Sceaux, wie irrtümlich oft angegeben wird), fühlte sich in früher Jugend von einem unwiderstehlichen Hange zur Poesie und Belletristik hingezogen. Er widerstrebte daher dem Wunsche seines Vaters, der, in dem ansehnlichen Amte eines Tréêsorier de la chambre des comptes, ihn für den Richterstand bestimmte, und schöpfte in der adeligen und schöngeistigen Gesellschaft, mit welcher ihn sein Pathe, der Abt von Chäteauneuf, in Berührung brachte, die ersten Keime der epikureischen und freidenkerischen Weltansicht, die ihn später so berühmt machte. Schon in seinem 21. Jahre wegen seiner satirischen Laune bekannt, wurde er 1718 auf vier Monate in die Bastille gesetzt, weil man ihn beschuldigte, in Versen den Regenten und die Herzogin von Berri angegriffen zu haben. Während seiner Gefangenschaft schrieb V. seine Tragödie Oediper, die am 18.Nov. desselben Jahres bei erster Aufführung den glänzendsten Erfolg errang. Bald ließ er zwei andere Tragödien: «Artémisen (1720) und Mariamnes (1725), folgen. Das Erscheinen der Henriades (im Winter von 1723 bis 1724 zu Rouen)y zeigte sein Talent auf einem ihm besser zusagenden Gebiet. Als ein Streit mit dem Chevalier von Rohan für den jungen Dichter abermalige Gefangenschaft, nachher Verbannung aus Frankreich zur Folge hatte, begab er sich nach England und machte sich während eines dreijährigen Aufenthalts (1726 —28) mit der dortigen Philosophie und Litteratur vertraut, die er nachher in seinem Vaterlande einbürgerte. Heimlich nach Paris zurückgekehrt, konnte er daselbst ungehindert finanzielle Handelsges hreud die ihm großen Gewinn brachten, betreiben, während er seine Berühmtheit auf den höchsten Grad steigerte durch seine Tragödien Brutusv (1730),«Eryphiles (1731), aire (1732), Adelaide Duguesclino (1734) und die Herausgabe des Temple du goùt⸗ (1733) und der Uistoire de Charles XIII. Die 1735 der Offentlichkeit übergebenen Lettres philosophiques sur les Anglaisd zogen ihm neue Verfolgung zu. Er entfloh nach dem Schlosse Cirey in Lothringen, wo er in vertrautem Umgange mit der berühmten Marquise Duchätelet lehte (1735 —40). Hier verfaßte oder entwarf er die«Eléments de la philosophie de Newtono (1738), die Tragödien Alziren, Mahometo und «Méropeo, den Discours sur I'hommes, das«Siècle deLouisXIVo, den Essai sur les mœurs et l'esprit des nationso und die Pucelle d'Orléansb. Infolge einer kurzen Reise nach Berlin (1740) wurde er vom franz. Ministerium nach Paris zurückberufen. Er schrieb nun verschiedene Opern, die in Versailles zur Aufführung kamen, und erhielt durch seine Gönnerin, Frau von Pompadour, das Diplom des Hofhistoriographen, das Ehrenamt eines «gentilhomme de la chambre du roir und einen Sitz in der Französischen Akademie (1746). Doch fiel er bald in Ungnade und ging, als er die Tragödien „Sémiramisb (1748) und 4Orester (1749) veröffentlicht hatte, nach Nancy, dann (Juli 1750) nach Berlin, wo Friedrich d. Gr. ihm Wohnung im Schlosse, eine Kammerherrenstelle, den Orden pour le méêrite und einen Jahrgehalt von 6000 Thlrn. erteilte. Die Verbindung des Königs mit V. war indes von kurzer Dauer. Es traten Zwistigkeiten ein, die V. zum Teil verschuldet, und dieser verließ 26. März 1753 den preuß. Hof und reiste nun eine Zeit lang in Deutschland herum. In Frankfurt ließ ihn der König verhaften, um eine Sammlung seiner Gedichte zurückzuerhalten, welche Satiren auf mehrere Fürsten enthielt und nur in wenigen Eremplaren gedruckt worden war. V. schrieb in dieser Zeit für die Herzogin von Sachsen-Weimar das mittelmäßige Buch «Les annales de I'Empires, ging dann nach Straßburg, Colmar, Lyon und siedelte sich endlich 1758 unweit Genf an, zu Ferney im jetzigen Depart. Ain. Hier in einem stattlichen Hause, das er sich bauen ließ, verflossen seine letzten 20 Lebensjahre, während welcher er eine staunenswerte Geistesthätigkeit entwickelte. Von seinen Bewunderern an die Spitze der Oppositionsbewegung gestellt, verkündete V. in dem »Dictionnaire philosophiques (1764; eine Sammlung von 7 Bänden der Artikel, welche er für Diderots berühmte Encyclopédien verfaßt hatte), in der Philosophie de I'histoireo, in der und in vielen andern Schriften, die nur eine temporäre Wichtigkeit behalten haben, zwei Jahrzehnte hindurch die freigeistigen Lehren, die eine wesentliche Veränderung der allgemeinen Denkungsweise in Bezug auf Kirchen- und Staatswesen herbeiführen halfen. Nebenher gab er Belege von seinem Talent als Geschichtschreiber und Dichter in „Lorphelin de la Chine, Tancrèdes (1760), „Histoire de Russie sous Pierre-le-Grando (1759 —65) u. s. w. Bei so verschiedenartigen Beschäftigungen fand er noch Zeit, einen sehr ausgedehnten Briefwechsel zu führen, Tendenzromane zu schreiben und eine zahlreiche Menge Episteln, Satiren, Cpiramme, Erzählungen abzufassen. Sein Auftreten ür die Märtyrer der Glaubens⸗ und Denlfreiheit und die Opfer des Absolutismus: Calas, Sirven und Lally, seine Reklamationen zu Gunsten der Leibeigenen des Stifts St.⸗Claude, die Herausgabe der „Commentaires sur Corneilles, für die Aussteuer einer Nichte dieses Dichters, krönten würdig Hen Leben. Im Febr. 1778 unternahm er eine eise nach Paris, um daselbst die Irèner, eine seiner letten Dichtungen, aufführen zu sehen, und wurde mit solchen Bezeigungen von Enthusiasmus aufgenommen, daß seine Gesundheit einen starken Stoß davon erlitt. V. starb drei Monate nachher zu Paris in der Nacht vom 30. zum 31. Mai 1778. Man setzte seine Leiche 2. Juni in der Stiftskirche Notre-Dame von Scellières (im bischöfl. Sprengel von Troyes) bei. Während der Revolution (11. Juli 1791) veranstaltete man zu seinen Ehren eine Totenmesse und brachte seine Reste sowie die Rousseaus mit großem Gepränge ins Pantheon. Im Mai 1814 wurde seine Leiche mit der Rousseaus von dem königl. Münzdirektor Puymorin und dessen gleichnamigem Vetter heimlich entfernt und in eine Kalkgrube vor der Barriere de la Gare geworfen. Infolge eines in Paris hierüber verbreiteten Gerüchts ließ Napoleon III. die Särge im Pantheon 1864 öffnen, welche leer befunden wurden. V.s Herz wurde einbalsamiert in Ferney beigesetzt, später nach dem Schlosse Villette bei Pont-Ste.⸗ Maxence gebracht und 1864 in der Staatsbibliothek zu Paris aufbewahrt. Am 30. Mai 1878 wurde in ganz Frankreich das Andenken von V.s 100jähri⸗ *⁷ Todestage gefeiert. Eine Marmorstatue von V. (von Pigalle) befindet sich zu Paris im Franösischen Institut, eine andere (von Houdon) im Foyer des Theätre frangais. V.s Einfluß auf sein Zeitalter ist von unermeßlichen Folgen gewesen. Obwohl mehr Talent als Charakter und von kleinen Motiven nicht selten be4b er dabei eitel und frivol bis zum übermaß, at er dennoch am meisten dazu beigetragen, die überlieferte Autorität, hauptsächlich auf kirchlichem und litterarischem Gebiet, gründlich zu erschüttern. Mögen auch jetzt seine philos. Schriften oft wie platte Abdrücke des engl. Deismus, seine ästhetischen Urteile z. B. über das Antike oder über Shakespeare trivial, seine histor. Arbeiten oberflächlich erscheinen, so hat er doch auf diesen wie auf andern litterarischen Gebieten die neue Zeit des 18. Jahrh. recht eigentlich heraufführen helfen. Miteminentem gesunden Menschenverstand, großem Formentalent und vielseitiger litterarischer Gewandtheit begabt, hat er fast kein Gebiet der Litteratur unberührt und unverändert gelassen. Seine Gelegenheitsschriften, namentlich in den bekannten Fällen von Calas (s. d.) und Lally-Tolendal (s. d.), worin er die alte geistliche und weltliche Justiz bekämpfte, machen nicht nur seinem Namen Ehre, sondern sind auch ihrem Einflusse nach histor. Thatsachen gleichzustellen. Seine histor. Bücher haben teils, wie die Histoire de Cbarles XII und das aSiècle de Louis XIVy, den geschichtlichen Stoff in elegantester Form dem großen Publikum anziehend und genießbar gemacht, teils, wie der Essai sur les mœurs et Lesprit des nationso, den Zusammenhang der histor. Entwickelung zuerst pragmatisch darzustellen gesucht, wenn auch gerade hier überall mit der sichtbaren polemischen Tendenz gegen Priestertum und positiven Glauben. Als Dichter hat er sich in der leichten Poesie mit der größten Meisterschaft bewegt. Ist die Henriade mehr ein kaltes rhetorisches Tendenzgedicht gegen den religiösen Fanatismus, das aber auf seine Zeit mächtig gewirkt, sind seine dramatischen Werke, selbst die berühmtesten, nur weit hinter den Werken von Corneille und Racine zu verzeichnen (vielleicht mit Ausnahme der Méropen [1737J], welche die Zeitgenossenschaft mit Racines Athalic auf eine Stufe gestellt; sein damals hochberühmter «Mahometo steht ungleich tiefer), so ist er dagegen im leichten Gedicht, in der Satire, in der poetischen Epistel, im Tendenzroman (3. B. «Candides, „Ladigo) unter seinen Zeitgenossen unerreicht geblieben. Auch die«Pucelles, welche das Schmutzigste und Gemeinste mit vollendeter Eleganz und Leichtigkeit behandelt, zeugt für diese Meisterschaft. Die Opposition gegen die litterarischen und kirchlichen Autoritäten zieht sich als leitender Gedanke sont dies alles hindurch, und so wenig er sich sonst konsequent blieb, so mannigfaltige Wandlungen Leichtsinn und Eitelkeit ihn durchleben ließen, hat er doch diesen Kampf mit Zähigkeit und großem Erfolge durchgeführt. V. repräsentiert den Geist und die sittliche Anschauung der vornehmen Gesellschaft vor und in der Erschütterung von 1789. Direkt an ihn knüpfen sich die Girondisten an, während die Montagnards Rousseaus Schüler sind. Von den vielen Ausgaben seiner Oeuvresv sind zu nennen die berühmte von Beaumarchais mit Vorreden und Anmerkungen von Condorcet (70 Bde., Kehl 1784—89) und die mit Anmerkungen u. s. w. von Beuchot (70 Bde., Par. 1829 —34), nebst einem analytischen Verzeichnis (2 Bde., 1841). Letztere ist, wenn auch nicht die schönste, doch die vollständigste und in manchen Beziehungen beste von allen bisherigen Ausgaben. Eine neuere Gesamtausgabe erschien seit 1877 unter dem Titel „Oeuvres complètes de V.». Hierzu kommen noch verschiedene Briefsammlungen, wie Voltaire et le président de Brosseso (Par. 1860), Lettres inéditeso (gesammelt von Cayrol, 2 Bde., Par. 1856), «V. à Ferney ete.o (herausg. von Ravoux, Par. 1860); Coquerel, Lettres inédites sur la tolérances (Par. 1863) u. s. w. Unter den zahllosen biographischen Schriften über V. sind, außer den ältern von Condorcet, Linguet, Wagniere und Longchamp, Harel zu nennen: Hettner, Litteraturgeschichte des 18. Jahrh.v (2. Aufl., Braunschw. 1866—68); Bungener, «V. et son tempso (2 Bde., Par. 1851); Venedey, «Friedrich d. Gr. und V.v (Lpz. 1859); Horn, Markgräfin Wilhelmine von Bayreutho (Berl. 1865); Meyer, V. und Rousseau in ihrer sozialen Bedeutung (Berl. 1856); Desnoiresterres, «V. et la société francaise au XVIII' sreclep (Par. 1867; 7 Bde., 1876); derselbe, Iconographie voltairiennes (Par. 1878); Magnard, „V., sa vie et ses uvreso (2 Bde., Par. 1867); Rosenkranz, Voltairen (im Neuen Plutarcho, Bd. 1, Lpz. 1874); Strauß, «V. Sechs Vorträger (5. Aufl., Bonn 1878); Mahrenholtz, V.s Leben und Werker (2 Bde., Oppeln 1885).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 334Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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