FeedVoß (Gerh. Joh.)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Voß (Gerh. Joh.), gewöhnlich Vossius genannt, einer der ausgezeichnetsten Philologen und Gelehrten seiner Zeit, geb. 1577 in einem Dorfe bei Heidelberg, stammte aus einem niederländ. Geschlecht und widmete sich zu Dordrecht und Leiden den Altertumswissenschaften. Bereits 1600 erhielt er das Rektorat der Schule zu Dordrecht, 1615 wurde er Direktor des theol. Kollegiums zu Leiden, 1622 Professor der Beredsamkeit daselbst, 1643 Professor der Geschichte an dem Athenäum in Amsterdam, wo er 17. März 1649 starb. In vielen Fächern, namentlich in der Mythologie, Rhetorik, Poetik, Geschichte und Grammatik, entwickelte er eine sehr verdienstliche schriftstellerische Thätigkeit und brach darin zum Teil neue Bahnen, sowie er den ersten Grund für die Kenntnis der histor. Formenbildung der lat. Sprache legte. Seine hierher gehörigen Schriften sind: «Kristarchus, sive de arte grammaticas (Amsterd. 1635 u. 1695; neue Ausg. von Eckstein und Förtsch, 2 Bde., Halle 1833—35), „Grammatica Latina (Leid. 1607 u. öfter), De vitiis sermonis et glossematis Latinobarbariso (Leid. 1640 u. 1660), Etymologicum linguae Latinaen (Amsterd. 1662 u. 1695; neue Ausg. mit Isidorus und dem «Etymologicumo von Mazocchi, 2 Bde., Neapel 1762—63), De rhetorices natura ac constitutionep (Amsterd. 1647 u. Haag 1658), das Hauptwerk Commentariorum rhetoricorum sive oratoriarum institutionum libri VIo (Leid. 1606; 4. Ausg. 1643), «Ars rhetorica o (Leid. 1623 u. 1653), «De historicis Graecis libri IVy (Leid. 1624 u. 1651; neue Ausg. von Westermann, Lpz. 1838), «De historicis Latinis libri IILo (Leid. 1627 u. 1651); ferner De artis poeticae natura et constitutiones (Amsterd. 1647), endlich das allerdings überladene und zu wenig philos. Werk De theologia gentili (2 Bde., Amsterd. 1642 u. Frankf. 1668). Durch seine Historiae Pelagianae libri IVo (Amsterd. 1618 u. 1665) wurde er in die Bewegungen der Arminianer und Gomaristen verflochten und hatte deshalb Streit und Verfolgung zu erdulden. Diese und viele andere Schriften und Abhandlungen finden sich in der Gesamtausgabe seiner Werke (6 Bde., Amsterd. 1695—1701). Seine Briefe erschienen in einer besondern Sammlung (Lond. 1690) und wurden auch von Colomesius unter dem Titel «Vossii et clarorum virorum ad eum epistolaen (Augsb. 1691) herausgegeben. Vgl. Toll, «Oratio de Gerh. Joh. V., grammatico perfecto (Amsterd. 1778). Seine Söhne waren: Johann V., der 1636 als Beamter in Ostindien starb; Gerhard V. (geb. 1620, gest. 27. März 1640), der Herausgeber des „Vellejus Paterculuso (Leid. 1639); Franz V., gest. 1646 als Advokat zu Haag; Matthias V., gest. 20. März 1646, Verfasser der von seinem Bruder Isaak vollendeten «Annales Hollandiae et Zelandiaen (Amsterd. 1680); Dionysius V. (geb. 11. März 1612, gest. 25. Okt. 1633), der die Werke des Cäsar bearbeitete (Amsterd. 1697 u. Leid. 1713) und auch eine ausgebreitete Kenntnis der orient. Sprachen besaß; Isaak V., geb. 1618 zu Leiden. Letzterer, der allein den Vater überlebte, machte Reisen nach England, Frankreich und Italien und folgte 1648 einem Rufe der Königin Christine nach Schweden. Später ging er jedoch nach England, wo er als Kanoniker zu Windsor 21. Febr. 1689 starb. In seinen Kämpfen mit Salmasius und Jak. Gronov, sodann in der Verteidigung des chronol. Systems der 70 Dolmetscher (s. Septuaginta) bewies er große Gelehrsamkeit, machte sich mehrfach um Aufhellung der Geschichte, Geographie und Chronologie, sowie die Erklärung der Alten verdient, war aber in seinem Leben wie in seinen Außerungen frivol und sittenlos. Außer seinen wertvollen Ausgaben der Geographen Skylax (Amsterd. 1639), des Justin (Leid. 1640), des Mela (Haag 1658 u. Franeker 1700) und des Catull (Lond. 1684) sind zu erwähnen: „De septuaginta interpretibus eorumque tralatione et chronologian (Haag 1661), De poematum cantu et viribus rhythmio (Oxf. 1673) und Variarum observationum libero (Lond. 1685).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 345Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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