FeedWackernagel (Karl Heinr. Wilh.)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Wackernagel (Karl Heinr. Wilh.), ausgezeichneter Germanist, geb. 23. April 1806 zu Berlin, wandte sich schon auf der Schule den altdeutschen Studien zu, die er auch auf der Universität 1824 —27 unter Lachmanns Leitung fortsetzte. Von dem Erfolg dieser Bestrebungen geben bereits die Spiritalia theotisca (Berl. 1827) und „Das Wessobrunner Gebet und die Wessobrunner Glosseno (Berl. 1827), von seinem dichterischen Talent seine (Gedichte eines fahrenden Schülerso (Berl. 1828) Zeugnis. Nachdem er in den J. 1828 —30 in Breslau privatisiert, kehrte er 1831 nach Berlin zurück, wo er seine «Geschichte des deutschen Hexameters und Pentameters bis auf Klopstocke (Berl. 1831) herausgab. W. folgte 1833 einem Rufe nach Basel und wurde daselbst 1835 ord. Professor der deutschen Sprache und Litteratur. Nachdem ihm die preuß. Regierung 1836 das Staatsbürgerrecht entzogen, wurde er 1837 durch Ehrengeschenk Bürger von Basel und hier 1854 in den Großen Rat, 1856 in den Stadtrat gewählt. W. starb zu Basel 21. Dez. 1869. Die Früchte von W.s außerordentlich vielseitiger litterarischer Thätigkeit zu Basel beste in zahlreichen, zum Teil sehr umfangreichen Aufsätzen in periodischen Schriften, wie in dem von ihm mit Gerlach und Hottinger herausgegebenen «Schweiz. Museum für histor. Wissenschafte (Bd. 1—3, Zür. u. Frauenfeld 1837 fg.), in Haupts und Hoffmanns Altdeutschen Blätterno, in Haupts Zeitschrifto u. s. w. Unter seinen Monographien sind hervorzuheben: Die altdeutschen Handschriften der basler Universitätsbibliotheke (Bas. 1835), «über die dramatische Poesies (Bas. 1838), «K. Fr. Drollingerv (Bas. 1841), «Walther von Klingeno (Bas. 1846), (Vocabularius optimuso (Bas. 1847), «Das Bischofs- und Dienstmannenrecht von Baselo (Bas. 1852), «Die deutsche Glasmalerei »(Lpz. 1855), Exeα ατεαοανναν (Bas. 1860), Die Umdeutschung fremder Wörterp (2. Aufl., Bas. 1863), «Die Lebensaltere (Bas. 1862) u. s. w. Früchte einer Reise, die er 1849 durch Frankreich, Spanien und Italien machte, sind Pompejio (2. Aufl., Bas. 1851) und „Sevillav (Bas. 1854). Hieran schließt sich noch eine Reihe größerer Werke, wie vor allem das „Deutsche Lesebuch » (2 Bde., Bas. 1835 — 36; Bd. 1, 5. Aufl., Bas. 1873; Bd. 2 und 3, 3. Aufl. 1876); ferner eine Ausgabe des &Schwabenspiegels (Bd. 1, Zür. 1840), «Altfranz. Lieder und Leichey (Bas. 1846), «Geschichte der deutschen Litteraturo (3 Bde., Bas. 1848 — 56; 2. Aufl., von Martin, 1877 fg.), ein Handbuch, das sich von andern ähnlichen Arbeiten durch strengere Objektivität, angemessenere Teilung der Zeiten und des Stoffs, durch ovganische Einordnung der Sprachgeschichte wie Berücksichtigung der kulturhistor. Seiten der Litteratur vorteilhaft unterscheidet; das Altdeutsche Handwörterbuche (Bas. 1861; 5. Aufl. 1878); in Gemeinschaft mit Max Rieger eine Ausgabe «Walthers von der Vogelweidey (Gieß. 1862), die Monographie „Joh. Fischart von Straßburge (Bas. 1870). Eine Sammlung altdeutscher Predigten und Gebete wurde aus seinem Nachlaß veröffentlicht (Bas. 1876). Für die frische Kraft seines poetischen Talents zeugen seine Neuern Gedichtes (Zür. 1842), seine „Zeitgedichtes (Bas. 1843) und sein »Weinbüchlein» (Lpz. 1845). Mit seinen Freunden A. E. Fröhlich in Aarau und K. R. Hagenbach in Basel gab er die «Weihnachtsgabe zum Besten der Wasserbeschädigten in der Schweize (Bas. 1834 u. 1840) und die Alpenroseno (Aarau 1837—39) heraus. Eine Sammlung seiner «Kleinen Schriften» erschien in drei Bänden (Lpz. 1874—75). Sein älterer Bruder, K. E. Philipp W., früher Oberlehrer an einer Erziehungsanstalt zu Stetten in Württemberg, dann am Realgymnasium zu Wiesbaden, später Direktor der Gewerbeschule zu Elberfeld und zuletzt in Dresden privatisierend, starb daselbst 20. Juni 1877. Er machte sich als Schriftsteller bekannt durch seine nach den Versmaßen geordnete «Auswahl deutscher Gedichte für höhere Schulen» (Berl. 1832; 6. Aufl., Altend. 1874), besonders aber durch »Das deutsche Kirchenliedo (Stuttg. 1841; neue Bearbeitung, 5 Bde., 1862—77), eine aus den Quellen zusammengestellte Sammlung der religiösen Lieder der Deutschen von den ältesten Zeiten an bis zu Anfang des 17.Jahrh., und die treffliche «Bibliographie des deutschen Kirchenliedes» (Frankf. 1854). Auch besorgte derselbe neue Ausgaben der geistlichen Lieder Paul Gerhardts (Stuttg. 1843) und Luthers (Stuttg. 1848). Vgl. Schulze, «Philipp W.v (Lpz. 1879).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 364Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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