Wahabiten oder Wehabiten (richtiger Wahhäbiten) sind die Anhänger einer in der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. entstandenen, vorzüglich in den östl. Provinzen Arabiens herrschenden reli40d. Sekte, deren Gründer Mohammed Ibnbd-el-Wahhäb nicht eine Vernichtung des Islams beabsichtigte, sondern denselben von allen Neuerungen und Verderbnissen reinigen und auf eine erste Grundlage zurückführen wollte. Dieser Mohammed wurde vor der Mitte des 18. Jahrh. in Horaimela geboren und gehörte zu einem der mächtigern Stämme in Nedschd, zu den Mesfalik. Von Haus aus Kaufmann, machte er große Reisen und stand in Damascus längere Zeit mit streng orthodoren mohammed. Theologen in engstem Verkehr. Die sich ihm aufdrängende Gewißheit, daß der entartete Islam einer Reform bedürfe, daß das alte Glaubensbekenntnis in seiner ganzen Reinheit, mit allen seinen Konsequenzen wiederherzustellen und in seiner wahren Bedeutung dem Volke zum Bewußtsein zu bringen sei, wurde zu der treibenden Idee seines ganzen Lebens. Er trat mit seinen Anschauungen zuerst in der Stadt Ejäna er wo ein heftiger Kampf 244 schen seiner und der Gegenpartei entbrannte. Letztere behielt die übermacht und nötigte Mohammed und seine Anhänger Ejäna zu verlassen. Sie wandten sich (etwa ums Jahr 1760) nach Dheraiija, dessen Scheich Saud ben Abd-el⸗ aziz die Flüchtigen freundlich aufnahm und sich bald zu den Meinungen des Wahhäbi, wie man den Mohammed zu nennen pflegte, bekannte. Satud gab sich nun selbst für den Apostel und das Schwert des neuen Glaubens aus, und mit dem ganzen Eifer eines Neubekehrten widmete er sich der Ausbreitung seiner Lehre. Er drang auf strengste Erfüllung der im Koran vorgeschriebenen Pflichten, auf genaue Entrichtung der Armensteuer, auf strenge und gerechte Justiz, auf fortgesetzten Krieg gegen Andersgläubige, auf Enthaltung vom Genuß des Weins und anderer berauschender Getränke und aller geschlechtlichen Ausschweifungen, er verbot jeden Luxus der Kleidung und das Tabakrauchen. Wahhäbi starb 1787 in Dheraiija. Von seinen zahlreichen Schriften, welche sich durch großen Gedankenreichtum und große Frische auszeichnen sollen, ist, wie es scheint, wenig oder nichts durch den Druck veröffentlicht. Auch seine Söhne und Enkel begnügten sich mit geistlichen Würden und übten nur mittelbar einen Einfluß auf die Politik aus. Um so mächtiger war der Einfluß, welchen das von Saüd abstammende Fürstengeschlecht, welchem man oft den Namen der Wahhäbi-Dynastie beigelegt hat, auf die polit. Geschichte der arab. Halbinsel ausübte. Saeud fand in kurzer Zeit unter den Beduinen viele Anhänger, deren Tapferkeit ihm bald die Herrschaft über das ganze innere Arabien, von der Grenze von Hedschäs bis gegen den Persischen Meerbusen hin sicherte. Als nach Sands Tode dessen Sohn Abd-al⸗ 5 den Thron bestieg, fand er ein Heer von mehr als 100000 Mann vor. Abd-⸗al⸗ aziz rückte bis in das Gebiet des Euphrat und in die teils zu dem Persischen Reich gehörenden, teils unter persischem Schutze stehenden Provinzen Bahrain und Omän vor und unterwarf dieselben. Hierdurch erregte er den Haß der schiitischen Perser und wurde von einem fanatischen Perser bei dem öffentlichen Gebete in der Moschee zu Dheraiisa (1805 oder 1806) erstochen. Sein Oheim und Nachfolger Abd-alläh rückte von neuem in Persien ein und verwüstete eine der den Persern heiligsten Stätten, Meschhedi Husain mit dem Grabe des Husain. Dann wendete er sich nach Westen, eroberte Mekka, beraubte die Kaaba ihres heiligen Schmucks und führte dort die neue Lehre ein; von da ging er (1810) nach Medina, wo er selbst die den Moslims heiligen Gräber des Propheten und der beiden ersten Kalifen, des Abu Bekr und des Omar nicht verschont haben soll. Ma erteilte die Pforte dem Pascha von Agypten, Mehemed-Ali, den Befehl, den W. den Krieg zu erklären. Das Heer desselben rückte in Hidschäz ein und eroberte ohne großen Widerstand zu finden, Mekka und Medina wieder. Mehemed-Alis Adoptivsohn, Ibrahim Pascha, drang dann bis nach Nedschd vor, eroberte die Hauptstadt der W., Dheraiija, nahm den Abdalläh gefangen und schickte ihn nach Konstantinopel, wo er hingerichtet wurde (1818). Ibrahim zascha suchte zunächst die religiösen Meinungsverschiedenheiten zwischen den W. und den Sunniten beizulegen und die W. mit den letztern zu versöhnen. Er setzte einen ägypt. Gouverneur in Dheraiija, Namens Isma il, ein und kehrte nach Agypten zurück. Rachto blieb nur zwei Jahre in Nedschd. Sein achfolger Khälid wurde vertrieben und man rief den Sohn des in Konstantinopel hingerichteten Turto Abd-alläh, den Turki, als Herrscher aus. urki verlegte seine Residenz nach Rijädh, wurde aber bald darauf von seinem herrschsüchtigen Vetter Meschäri ermordet. Auch die Herrschaft des Meschari dauerte nur kurze Zeit, da Turkis Sohn Faisul ihn bald wieder stürzte. Aber auch Faisul mußte (1832) die Flucht ergreifen, als der ägypt. General Khurschid Pascha in Arabien einrückte. Ein allgemeiner Aufstand brachte, nach Vertreibung des ägypt. Gouverneurs, Faisul wieder auf den Thron, aber er wurde von Khurschid gefangen genommen und in Ketten nach Agypten geschickt, wo er bis zum Regierungsantritt des Abbäs Pascha eingesperrt blieb. Um diese Zeit entkam er von neuem. Er soll 1870 gestorben sein. Sein Sohn Saüd regiert noch jetzt. Freilich hat das Reich der Wahhäbis, das jetzt noch 11 Provinzen mit 316 Ortschaften und einer Bevölkerung von etwa 1½ Mill. Seelen umfaßt, an Umfang gegen früher bedeutend verloren. Vgl. Histoire des Wahhabites depuis leur origine jusqu'à l'an 18095 (Par. 1810), die Reisewerke von Burckhard (Lond. 1830) und vorzüglich W. G. Palgrave, «Narrative of a year's journey through Central and Eastern Arabia 1862—635 (2 Bde., Lond. 1865; deutsch, 2 Bde., Lpz. 1867 —68).