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GeschichteBrockhaus 1882

Wales, ein ehedem selbständiges, jetzt mit dem Königreich Großbritannien vereinigtes Fürstentum an der Westküste des eigentlichen England, wird gegen N. von der Jrischen See, im W. vom St. Georgskanal, im O. von den engl. Grafschaften Chester, Salop, Hereford und Monmouth und im S. von dem Bristolkanal begrenzt. Es umfaßt 19108 alm, wovon kaum zwei Drittel landwirtschaftlich benutzt sind, und es ist ein entschiedenes Hochland, der rauheste, gebirgigste Teil Englands. Das Gebirgsland von Wales oder die Camist ein einziges, massives Hochland, zu hohen Plateaus ausgedehnt, welche von tiefen Thälern durchschnitten werden, oder zu hohen Gipfeln aufsteigend. Die bedeutendste Erhebung findet sich in der Nähe der Nordwestküste, nach welcher Seite hin die Gebirge viel steiler abfallen als nach Osten. Dort erhebt sich der höchste Berg von England und W., der Snowdon, in drei fast gleich hohen Gipfeln zu 1094 m. Nordöstlich von ihm erreicht der Caern-David 1044 m, der Yr-Arrig 913 m. Gegen Süden verbindet ein hoher Bergzug die Snowdonmit der Berwynkette, welche gleich ersterer eine südwestl. Richtung hat und im eigentlichen Berwyn 827 m, im Aren-⸗ oder Aran-Mowddwy 900 m, im Cader-Idris 888 m, im Arran-y-Gessel 662 m aufsteigt. Südlich davon senkt sich das Land; die Thäler des Dyri und des obern Severn bilden die Scheide zwischen Nord-und Südwales. Der Plynlimmon an der Quelle der Severn, eine gewaltige dreigipfelige Masse, ist 746 m hoch. Gegen Süden und Südosten breitet sich 44 Em weit, bis zu den Epynt-Hills, die traurigste und rauheste Gegend von W. aus, voller Reste der alten kelt. Zeit, kahle Heiden, Sümpfe und dunkle, steile Felsen, mit dazwischenliegenden Waldstrecken. Auch im Osten dieser öden Gegend ist das Land noch hügelig, im Forest sogar 659 mhoch, aber mit sanftern Abfällen undweitern, kultivierbaren Thälern, deren Gewässer der Wye zum Severn führt. Im Süden der Epynt-Hills, jenseit des Thals der Usk, erhebt sich die große Kette der Black-Mountains oder Schwarzen Berge (benannt nach dem schwarzen Heidekraut) mit den höchsten Punkten von Südwales, dem Beacon von Brecknock 872 m, dem Capellante 730 m und dem Trecastle⸗ oder Caer-Van 789 m. Im Süden dieser Kette bilden zahlreiche Bergreihen das Glamorgangebirge, nur bis 566 mehoch, aber mit noch steilern Abfällen und engern Thälern, schmalem Kamme und spitzen Gipfeln. Zwischen ihm und dem Bristolkanal liegt die einzige große Ebene von W., die mit sanften Hügeln bedeckte Ebene von Glamorgan (Vale of Glamorgan). Das kulturfähige Land ist in W. äußerst beschränkt. Die Berge sind entweder kahl oder mit Heide bedeckt, auch die Wälder von geringer Ausdehnung und Wichtigkeit. Man rechnet auf das eigentliche Ackerland 19 Proz., auf Wiesen und Weiden 44,, auf anbaufähiges, aber noch nicht angebautes Land 10, auf nicht anbaufähiges Land 26,5 Proz. Die Küsten sind felsig und zerrissen und bilden viele Meerbusen und Vorgebirge. Die bedeutendern Flüsse sind: Dee, Clwyd, Conway, Teify, Towy, Severn, Wye und Usk. Das Land hat außerdem viele kleine Seen, die mit zahlreichen Aene darbi⸗ und Wasserfällen große landschaftliche Reize darbieten. Im Norden wird etwas Blei und Kobalt, auch Kupfer, in Merioneth auch Gold gewonnen. Im Nordosten und Süden befinden sich große Gebiete des Kohlenkalksteins, reich an Steinkohlen und Eisen, Blei, Kupfer, Zink u. s. w. Das kleine nördl. Kohlenfeld zieht sich von der Mündung des Dee durch Flintshire nach Denbigshire; in demselben wird zugleich viel Blei ausgebeutet. Das große südl. Kohlenbassin geht von der Mitte der Grafschaft Monmouth bis an das westl. Ende von Kymry. Zur Zeit der Römer saß im N. der Stamm der Ordovices, im SW. die Demetae, im So. die Silures. Als im 5. Jahrh. die Angelsachsen (s. Großbritannien) in Britannien einfielen, floh ein Teil der ebenfalls kelt. Bevölkerung vor den Eroberern in die Wälder und Gebirge von W. (Cambria, Northweales). Hier wuchsen diese kelt. Ankömmlinge mit den ursprünglich kimberischen Elementen zu einem eigentümlichen Volke zusammen, das Sitten, Charakter und Sprache, dem engl. Wesen gegenüber, bis auf den heutigen Tag bewahrt hat. Zur Zeit der Angelsachsen in England lebten die Walen unter unabhängigen Fürsten, deren Teilungen und Raufereien das Eindringen der Fremdherrschaft begünstigten. Bereits dem angelsächs. Könige Adelstan, 925—941, mußten die Walen Tribut zahlen. Als die Normannen 1066 England in Besitz nahmen, suchten die Walen die engl. Oberherrschaft abzuschütteln. Doch Wilhelm der Eroberer überzog das Land und zwang die Fürsten zur Anerkennung seiner Oberlehnsherrlichkeit. Um die Einfälle der Walen zu hindern, setzte König Wilhelm II. Markgrafen Marchers) an die Grenzen. Während der bürgerlichen Unruhen unter König Stephan, dem letzten normann. Stammes, wußten sich die walischen Fürsten fast ganz dem engl. Einflusse zu entziehen und fielen bald als Verbündete des Königs, bald der Prinzessin Mathilde in England ein. König Heinrich II. benutzte endlich die Kämpfe der Fürsten untereinander, um W. 1157 wieder zu unterwerfen. Aber schon 1163, als Heinrich II. im Kriege mit Frankreich begriffen, fiel Res, Fürst in Südwales, in England ein und brachte auch die andern Fürsten unter die Waffen. Heinrich vermochte nichts auszurichten, da die Walen mit Frankreich in Verbindung traten. Erst 1171 verglichen sich die walischen Fürsten mit dem König und erkannten dessen Oberherrlichkeit wieder an. Unter König Eduard I., der 1272 den engl. Thron bestieg, gelang erst die vollständige Unterwerfung des Landes (1276). Die Härte, womit hierauf die engl. Marchers die Walen behandelten, bewog den damaligen Oberfürsten Llewellyn 1282 zu einem Aufstande, in welchem er geschlagen und getötet wurde. Sein Bruder David, der den Kampf fortzusetzen suchte, fiel im Okt. 1283 in König Eduards Hände und starb zu Shrewsbury durch den Henker. W. mußte nun die Behandlung einer eroberten Provinz erdulden, indem Eduard das Fürstentum mit der Krone vereinigte (1284). Er gab 1301 das Land seinem Sohne und Erbprinzen, dem nachmaligen Eduard II., zu Lehn, mit dem Titel eines Prinzen von Wales (Prince of W.). Seitdem führt der jedesmalige Kronprinz von England, wenn er der älteste Sohn des regierenden Königs oder der regierenden Königin ist, oder, wenn dieser stirbt, sein ältester Sohn, diesen Titel, der ihm jedoch erst durch einen besondern Brief einige Monate nach der Geburt verliehen wird. Ein Bruder oder Vetter des Königs (resp. der Königin) kann dagegen niemals Prinz von W. sein, selbst wenn zur Zeit alle Präsumtion für ihn ist, daß er einst den Thron erben wird, da immerhin doch die Möglichkeit vorhanden ist, daß ein kinderloser König (resp. Königin) noch Kinder erhalte, oder ein unvermählter sich noch verheirate. Stirbt dagegen ein Prinz von W. als Witwer und hinterläßt nur weibliche Descendenz, so wird seine älteste Tochter Prinzessin von Wales. Auch der älteste Sohn des Kronerben führt den Titel, jedoch zugleich mit dem Vornamen, so z. B. gegenwärtig Prinz Albert Victor von W. Die engl. Könige gingen nach der Unterdrückung der walischen Freiheit besonders auf die Ausrottung der mit besondern Privilegien versehenen Barden aus, die als Vertreter des volkstümlichen Geistes durch ihre Gesänge die Erinnerungen des Volts wach erhielten und oft zum Kampfe aufmunterten. Owen Glendower, ein Barde und Nachkomme eines alten Fürstengeschlechts, benutzte die Unruhen unter Heinrich IV. in England und erhob 1400 die Fahne des Aufruhrs. Erst gegen Ende der Regierung Heinrichs IV. gelang es den Engländern, ihre Herrschaft über die Walen herzustellen. Die folgenden Könige setzten nun über die einzelnen Distrikte des Landes engl. Große oder Marchers, die das Volk in harter Unterdrückung hielten. Endlich wurde 1536 von Heinrich VIII. das Fürstentum W. gänzlich mit England vereinigt. Die Bevölkerung erhielt zugleich alle Freiheiten und Wohlthaten der engl. Staats⸗ und Justizverfassung. Vgl. Robert, The Cambrian popular antiquitieso (Lond. 1815); Walter, Das alte W.y (Bonn 1859); Doran, The book of the Princes of W.y (Lond. 1860); Rodenberg, Ein Herbst in W.v (Hannov. 1857); Borrow, «Wild W., its people, language and scenerys (3 Bde., Lond. 1863; 2. Aufl. 1866).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 404Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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