FeedWartburg
ErdkundeBrockhaus 1882

Wartburg, Bergschloß über der Stadt Eisenach (s. d.) im Großherzogtum Sachsen-Weimar, in reizender Lage, am Nordwestrande des Thüringerwaldes gelegen, wel⸗ — cher hier von zahlreichen breitern und schmälern Thälern durchschnitten wird, sodaß die Gegend die größte Mannigfaltigkeit und eigentümliche Schönheit erhält. Die Burg wurde wahrscheinlich 1067 — 73 von Graf Ludwig dem Springer auf einem nach allen Seiten stark abschüssigen Bergrücken erbaut. Der Name W. soll nach der Sage daher kommen, daß Graf Ludwig der Spriner, als er auf einer Jagd an den Ort urg steht, von der Schönheit der Aussicht überrascht, ausgerufen haben soll: KWarte, Berg, du sollst mir eine Burg werdeno; nach andern soll der Name — daher kommen, daß L..— sie auf dem Wateberg, eigentlich Wuotansberg, liegt. Der beistehende Grundplan dient zur Veranschaulichung der W. Noch umzieht die einfache aber hohe ursprüngliche Ringmauer (eingel) den obern Felsrand, an dessen schmalster Stelle gegen Norden ein Thorturm über dem Eingang, der ener errichtet ist, um diese sowie auch die davorliegende Zugbrücke a zu schützen. Durch diese einzige schmale Pforte gelangt man in die Vorburg und dort zunächst in das Ritterhaus b, mit seinen Wachträumen und der Wohnung der fremden Ritter, jetzt der des Kommandanten. Daran reihen sich rechts einige Bkonomieräume und über diesen liegen die Zimmer, deren eins, das berühmte Lutherstübchen 6, noch unverändert erhalten wird, wie es Martin Luther vom Mai 1521 bis März 1522 bewohnte und dort das Neue Testament übersetzte. Anstoßend an dieses Lutherzimmer wurden 1872 drei Räume, die sog. Reformationszimmer, hergerichtet und mit Gemälden von Pawels und Thumanngeschmückt. Dem Lutherzimmer gegenüber liegt das Pirkheimerstübchen d und nächst diesem das Eseltreiberstübchen e. Vom Ritterhause links und rechts zieht sich die Ringmauer südwärts bis zu den drei Gebäuden hin, welche den Abschluß der Vorburg = von der eigentlichen Hofburg m bilden. Auch diese Ringmauer war ursprünglich nur mit Zinnen und einem Zinnengang versehen, welcher aber seit Erfindung der Feuerwaffen überdacht wurde und den Namen Letze erhielt, jetzt heißt er der Margaretengang und stellt die innere Verbindung mit der Hofburg her. In dieser steht noch das großartige Landgrafenhaus, auch der Palas, Muishaus oder das Hohe Hausemgenannt, welches teilweise zur Wohnung des Fürsten, hauptsächlich aber zur Hofhaltung bestimmt war, und daher außer Keller, Küche und Speiseraum in dem untern Stocke, in dem zweiten dagegen einen großen Saal (Söller oder Rittersaal) zu Versammlungen und Festlichkeiten enthielt, zu welchem man unmittelbar vom Hofraume aus auf einer Freitreppe (den Gräden) hinaufstieg. An das Landgrafenhaus schloß sich gegen Norden die Kemenate der Landgräfinnen K nebst dem Bergfried ü(dem Hauptturm, Wartturm) der Burg an. Dem Palas gegenüber lag ein ursprünglich einstöckiges Gebäude, der Marstall o, und nächst diesem befand sich die große Cisterne p und der Burggarten J. Zu diesen Hauptteilen der Hofburg gelangte man durch eine mächtige, feste Thorhalle h, welche östlich mit der Kemenate, westlich mit der Dirnitz g, d. h. einem durch Ofen heizbaren zweiten Palas, vom J. 1319, in Verbindung stand, an der Stelle, wo sich ursprünglich eine Kapelle befunden hatte, welche bei der Belagerung der Burg zerstört worden war, weshalb Friedrich der Gebissene die Kapelle in das Landgrafenhaus verlegen und statt ihrer die Dirnitz erbauen ließ. An der Südseite der Burg lag der Zwinger q und in demselben der zweite Turm s, ein Backhaus und ein Badr. So war die Anlage und Einrichtung der W. im edeln romanischen, d. U Rundbogenstil, des 11. Jahrh. geschaffen und blieb es unter den Landgrafen, nur hatte Ludwig J. (1123—40) auf dem Landgrafenhause ein drittes Stockwerk als großen Fest- und Waffensaal errichten lassen. Der kunstiebende Landgraf Hermann I. (1190—1216) versammelte 1206 die damals berühmtesten Sänger auf der W. und gab dadurch Anlaß zur Sage vom Sängerkrieg und vom Meister Klingsor. Bis zum Tode Heinrich Raspes (1247) war die W. die Residenz der Landgrafen geblieben; als nach Beendigung des Thüringischen Erbfolgekriegs das Land an Markgraf Heinrich den Erlauchten aus dem Hause Wettin gefallen war (1264), übergab der Markgraf Thüringen seinem Sohne Albrecht dem Entarteten, welcher seinen Sitz wieder auf der W. nahm. Im J. 1317 schlug der Blitz in den Hauptturm, beschädigte diesen und die daranstoßende Kemenate stark und zerstörte den dritten Stock des Landgrafenhauses. Friedrich ließ die Kemenate neu erbauen, aber nur aus Fachwerk, der Turm erhielt ein spitzes Ziegeldach und der Festsaal des Landgrafenhauses ward wiederhergestellt und mit Gemälden der Thaten Friedrichs geschmückt. Friedrich der Friedfertige vertauschte 1406 die W. als Residenz größtenteils mit Gotha, Weimar und Weißensee. Da nach seinem Tode Thüringen an die meißener Linie des Hauses Wettin zurückfiel, hörte die W. auf Residenz zu sein und wurde als Amtssitz nun von einem Amtmann oder Schloßhauptmann bewohnt. Die Burg ging ihrem Verfall rasch entgegen, doch wurden 1507 unter Friedrich dem Weisen Reparaturen an den Gebäuden vorgenommen, und wahrscheinlich erhielt damals das Ritterhaus auch den Anbau, in welchem dann Martin Luther 1521 eine Zufluchtsstätte fand. Im Landgrafenhause hatte die untere Etage bis dahin die Räume für den täglichen Verkehr enthalten, in der Mitte den Speisesaal mit großem Herde, rechts das Zimmer der Frauen, links den Aufenthaltsort der Männer, daneben einige schmale gewölbte Räume als Schlaf- und Wachtzimmer. Das zweite Stockwerk bestand aus dem Geschäfts- und Wohnzimmer der Landgrafen und aus dem mittlern Saale, vor welchem eine Galerie mit offenen Arkaden hinzog. Das alles wurde 1552 geändert, der mittlere Saal wurde durch eine eingeschobene Balkenlage in zwei Etagen geteilt und in jeder derselben drei Zimmer eingerichtet, neue Fenster eingebrochen, an die Stelle der ursprünglichen Freitreppe trat eine überdachte Holztreppe und die schönen romanischen Arkaden wurden vermauert. Wiederholt entstandene Brände füllten später den Burghof und die untern Räume des Landgrafenhauses mit Brandschutt und die Burg verwaiste immer mehr bis zum à. 1790, wo Herzog Karl August an Stelle der baufälligen Kemenate der Landgräfinnen ein modernes steinernes Gebäude errichten ließ, welches auch einmal kurze Zeit von Goethe bewohnt worden ist. Eine neue schönere Zeit begann für die Burg erst 1835, wo der damalige Erbgroßherzog Karl Alexander, der jetzige Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, den Entschluß faßte, die W. womöglich in ihrer ursprünglichen Gestalt wieder erstehen zu lassen. Von mehrern Entwürfen wurde der des Professors von Ritgen in Gießen angenommen. Nachdem gitgen die J. 1847—50 zu gründlichen Studien und zugleich zur Sicherung der alten Mauern durch die nötigenUnterfahrungen undVerankerungen benutzt hatte, wurden 1851 die Restaurationsarbeiten begonnen, die jetzt (1886) im wesentlichen zum Abschluß gebracht sind; nur die dritte Etage des Ritterhauses und der obere Teil des Thorturms sind noch nicht wiederhergestellt. Der schwierigste Teil war die Herstellung der dritten Etage des Landgrafenhauses, des großen Festsaals, dessen schwache Mauern nur zur Hälfte noch standen und der durch Maler Welter aus Köln mit bunten Ornamenten prachtvoll ausgeschmückt wurde. Nun folgte der Wiederaufbau des Bergfrieds und hierauf die Ausmalung des Landgrafenzimmers mit sieben Fresken von Moritz von Schwind, der Galerie des zweiten Stocks mit Darstellungen aus der Geschichte der heil. Elisabeth und den sieben Werken der Barmherzigkeit, und zuletzt des Mittelsaales mit dem großen Gemälde vom Sängerkriege, alles von von Schwind. Die Sängerlaube am Saal verzierte Rudolf Hofmann nach den Skizzen von Ritgens. Dann folgte die Wiederherstellung der Kapelle mit der Lutherkanzel und mit Auffrischung der alten Wandmalereien; die Kemenate wurde als Wohnung des Herrn und der Herrin der Burg wieder eingerichtet und durch von Ritgen und Welter ausgeschmückt. Die Dirnitz, welche bis auf die Spuren ihrer Grundmauer verschwunden war, wurde 1867 neu aufgeführt. Sie enthält im Erdgeschoß den Waffensaal mit einer sehr wertvollen Sammlung mittelalterlicher Rüstungen, in der Etage darüber befinden sich die Zimmer für die jüngern Glieder der großherzogl. Familie. Das Burggärtchen prangt wieder wie ehemals mit dem schönsten Blumenflor und der alte Marstall, das spätere Brauhaus, ist jetzt in ein sehr wohnliches Haus für die Cavaliere umgewandelt worden, dessen zierlicher Holzbau bemerkenswert ist. An der Südseite des Landgrafenhauses, da wo das Bad stand, ist jetzt ein Bärenzwinger. Im Ritterhaus der Vorburg wurde die Wohnung des Kommandanten geschmackvoll im spätgot. Stile eingerichtet, in dem obern Stockwerke aber reihen sich an das alte kleine Lutherstübchen jetzt die drei sog. Reformationszimmer im Stile der Zeit Luthers durch Pawels, Thumann und Linnich mit Gemälden aus dem Leben Luthers geschmückt. Von ältern Beschreibungen der W. sind zu nennen: Koch (Eisenach u. Lpz. 1710), Thon (Eisenach 1826), J. W. Storch (Eisenach 1837), Puttrich, „Denkmale » (Bd. 2, Lpz. 1847). Neuere Beschreibungen finden sich bei Polack, «Die Landgrafen von Thüringen. Zur Geschichte der W.» (Gotha 1865); von Arnswald und Schmidt, «Zur Geschichte der W. und Eisenach» (Eisenach 1882); Schwerdt und Jäger, «Eisenach und die W.» Eisenach 1871); von Ritgen, «Der Führer auf der W. » (3. Aufl., Lpz. 1876).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 447Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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