FeedWernigerode
ErdkundeBrockhaus 1882

Wernigerode, Kreisstadt im Regierungsbezirk Magdeburg der preuß. Provinz Sachsen, u Ctol Hauptort der gleichnamigen, den Grafen zu Stolberg-W. gehörenden standesherrlichen Grafschaft, liegt sehr schön und malerisch an der Holtemme, unmittelbar am nördl. Fuße des Harzes, ist Station der Linien Heudeber-Ilsenburg der Preußischen Staatsbahnen, und zählt (1885) 9083, mit den unmittelbar sich anschließenden Flecken Röschenrode (1864) und Hasserode (2545) zusammen 13804 meist prot. E. Die Stadt ist Sitz eines Amtsgerichts und besitzt ein architektonisch beachtenswertes Rathaus, ein auf Grund einer alten Lateinschule, die bis zum J. 1825 zur Universität förderte, im J. 1863 2%in gräfl. Gymnasium, eine Bürgerschule, Mittelschule und höhere Töchterschule und Fabriken für Holzstoff, Cigarren, Farbewaren re. Von denältern Häusern, welche wiederholte Feuersbrünste übriggelassen haben, zeichnen sich einige durch Holzschnitzereien aus. Über der Stadt erhebt sich das gräfl. Residenzschloß mit sehr schöner Aussicht auf den Harz und über die Ebene und einem Tiergarten mit zahlreichem Hochwild. Ein in letzterm am Fuße des Schloßberges liegendes Gebäude (ursprünglich Orangerie) enthält die gräfl. Bibliothek von gegen 95000 Bänden, mit ihren berühmiten Bibel⸗ und hymnolog. Sammlungen, von denen (1886) erstere 3200, letztere 3680Bände blio Vgl. uWoor „Die gräfl. Stolbergsche Bibliothek in W.y (Nordh. 1866); Jacobs, «übersichtliche Geschichte des Schrifttums und des Bücherwesens in der Grafschaft W.» (Wernigerode 1874). »Die Grafschaft Wernigerode, welche seit 1826 den preuß. Kreis W. bildet, ist 278 akm groß und zählt 26484 E. Sie war ursprünglich ein freies Reichsland des Grafenhauses von W., welches nach dem Aussterben des letztern (1429) von dem Hause Stolberg (s. d.) ererbt wurde. Dieses teilte sich 1645 in die zwei Hauptlinien Stolberg-W. und Stolberg-Stolberg. Schon 1268 hatten die Grafen, um einen Schutz gegen ihre mächtigen Nachbarn zu gewinnen, ihr Land den Markgrafen von Brandenburg als Lehn aufgetragen. Die Lehnsherrlichkeit ging 1381 an das Erzbistum Magdeburg, durch den Zinnaischen Vergleich von 1449 wieder an Brandenburg über. Die Grafen bewahrten aber die vollständige Landeshoheit, bis sie durch Rezeß vom 19. Mai 1714 auf einen Teil der landesherrl. Rechte zu Gunsten der Krone Preußen verzichteten. Seitdem wurde die Grafschaft in manchen Beziehungen als Zubehör des preuß. Staats, in andern als reichsunmittelbare Grafschaft angesehen; 1806 fiel sie an das Königreich Westfalen. Durch die Wiener-Kongreß-Akte acomme auparavanto an Preußen überwiesen, wurden die Verhältnisse in der Folge durch Verhandlungen zwischen der Krone und dem Grafenhause geordnet, welche mit dem Rezeß vom 13. Aug. 1822 ihren Abschluß fanden. Auch der Rezeß vom 8. Jan. 1862 ließ noch die vom regierenden Grafen bestellte (Gräfl. Regierungo bestehen, welche erst infolge der neuen Verwaltungsreorganisation im preuß. Staate seit 1. Okt. 1876aufhörte; ihre Funktionen sind teils an die königl. Behörden, teils an neu eingeführte Selbstverwaltungsorgane übergegangen. Dem regierenden Grafen, der im Großherzogtum Hessen auch die früher reichsunmittelbare Herrschaft Gedern (1742—1804 Fürstentum) besitzt, gehört auch ein Teil der Grafschaft Hohnstein (der sog. Hohnsteinsche Forst in der Provinz Hannover), sowie seit einiger Zeit ein Teil des Amtes Elbingerode. Im Gebiete der Grafschaft erhebt sich der Brocken. Zu Ilsenburg und Drübeck sind die teilweise restaurierten Reste alter Klöster im roman. Stil, in letzterm Orte auch die Dorfkirche architektonisch merkwürdig. Vgl. Freytag, Beschreibung der Grafschaft W.„f (Rordh. 1865); Jacobs, «Das Kloster Drübecks (Werniger. 1877); G. Sommer, Darstellung der ältern Bau⸗ und Kunstdenkmäler der Grafschaft W. mit Einleitung von Jacobs⸗ (Halle 1883).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 561Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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