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Sagen & MythenBrockhaus 1882

Werwolf, minder richtig Wehrwolf und Wärwolf, ist zusammengesetzt aus Wolf und dem veralteten Worte wer (got. vair, lat. vir), der Mann, was sich außerdem in Wergeld und Wirt (Fér-gelt, wir-t) erhalten hat. Es bedeutet einen Menschen, der Wolfsgestalt annehmen kann. Auch in das Französische ist das deutsche Wort frühzeitig übergegangen und hat sich in regelrechtem Lautwechsel allmählich verwandelt aus altdeutschem werwulf in franz. warou, später garou, woraus zuletzt mit pleonastischer Zusammensetzung das jetzt übliche loup-garou geworden ist. Schon die Griechen, namentlich die Arkadier wußten viel vom Lykanthropos zu erzählen, wie nicht minder die Römer vom Versipellis. Im Mittelalter herrschte der Glaube an Werwölfe bei allen slaw., kelt., german. und roman. Völkern, und selbst noch gegenwärtig lebt er in verschiedenen Gegenden, besonders in Volhynien und Weißrußland. In Serbien und der Walachei berührt sich dieser Glaube mit der Vorstellung vom Vampyr (s. d.). Nach der ältesten german. Vorstellungsweise, welche den Körper als ein Kleid der Seele auffaßte, hing Verwandlung in Wolfsgestalt ab von dem Überwerfen eines Wolfshemdes oder Wolfsgürtels, auch dem Anstecken eines Ringes, was ohne Absicht des Zauberns geschehen konnte, mit der Gestalt zugleich Stimme und Wildheit des Wolfs gab und die Rückkehr in menschliche Gestalt gewöhnlich erst nach einer bestimmten Anzahl von Tagen oder Jahren erlaubte. Der spätere, bäusie in Hexenprozessen vorkommende Aberglaube ließ die Verwandlung bewirken durch einen aus Menschenhaut geschnittenen und um den Leib gebundenen Riemen; auch konnte die Werwolfsnatur angeboren werden. Der W., welcher besonders in den Zwölften umgeht und von echten Wölfen sich durch abgestumpften Schwanz unterscheidet, gräbt Leichen aus, ist aber auch nach Blut gierig und raubt Knaben und Mädchen. Ursprung und Grundbedeutung dieser uralten mythol. Vorstellung ist noch nicht hinreichend ermittelt. Nahe verwandt ist ihr eine mit gestörter Phantasie zusammenhängende Krankheitsform, die Lykanthropie, welche zuerst von spätern griech. Arzten erwähnt wird und zuweilen mit erblichem oder epidemischem Charakter vorgekommen sein soll. Vgl. Leubuscher, clüber die Werwölfe und Tierverwandlungen im Mittelalter-Gerl. 1850); Hertz, Der W.v» (Stuttg. 1862).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 565Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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