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ErdkundeBrockhaus 1882

Wesel, Stadt und Festung im preuß. Regierungsbezirk Düsseldorf, im Kreise Rees, liegt am Rhein, in den hier die schissbare Lippe mündet, Station der Linien Venlo-Haltern, Oberhausen-Emmerich und W.Bocholt der Preußischen Staats-Esenba an welche hier die Nordbrabant-Deutsche Eisenbahn nach Bortel anschließt, ist Sitz eines Amtsgerichts, einer Handelskammer und der Niederrheinischen Güterassekuranzgesellschaft, hat ein Gymnasium nebst Realprogymnasium, zwei Krankenhäuser und ein Militärlazarett und zählt (1885) 20.677 E., welche zur größern Hälfte der kath., zur kleinern Hälfte der evang. Konfession angehören. lüber den Rhein, der hier durch eine befestigte Insel eteilt ist, führt eine Eisenbahnbrücke und eine stehende Pontonbrücke, welche auf dem linken Ufer durch das Fort Blücher verteidigt wird. Unter den fünf Kirchen Wis ist die älteste und die größte die 1181 eingeweihte, aber in ihrer heutigen Form erst 1521 vollendete Große oder Willibrordikirche, welche seit 1883 in der Restauration begriffen ist. Die Mathenalirche ist aus einer ältern Antoniuskapelle zwischen 1472—77 hervorgegangen und jetzt evang. Garnisonkirche. Die ehemalige luth. oder kleine Kirche ist in neuerm Stil 1731 erbaut. Den Katholiken gehören die Klosterkirche (das Dominikanerkloster ist jetzt Artillerickaserne) und Fraterhauskirche. Das Rathaus, nach dem großen Brande 1396 vollendet, zeichnet sich durch seine architektonisch verzierte Fronte und einen neugebauten Sitzungssaal in got. Stile aus und besitzt ein wertvolles Bild des niederrhein. Malers Jan von Calcar. Das Gouvernementshaus, jetzt Wohnung des Kommandanten, hat der erste klevische Herzog Adolf 1417 erbaut, dessen Gebeine in der Klosterkirche ruhen. Eine architektonische Zierde der Stadt ist das 1722 vollendete Berliner Thor mit den Statuen des Hercules und der Minerva. Vor demselben erinnert ein 1835 errichtetes Denkmal an die hier 16. Sept. 1809 erschossenen 11 Offiziere vom Schillschen Korps. Lebhafter Verkehr auf dem Rhein, durch Sicherheits⸗ und Freihäfen sowie durch frequente Dampfschiffahrt gefördert, Speditions⸗, Holz⸗ und Fischhandel (Lachs und Neunaugen), Schiffahrt, außerdem mehrere Fabriken, Tischlerei und Gartenbau sind die wichtigsten Nahrungszweige. Wi.s Geschichte beginnt 1125 mit der Stiftung des Klosters Avendorp in der Rheinvorstadt, das aber 1587 von den Bürgern geschleift wurde, damit sich die Spanier darin nicht festsetzen konnten. Die Stadt war eine reichsunmittelbare, wurde aber als ein Teil der Herrschaft Dinslaken betrachtet und kam durch Erbschaft mit dieser 1220 an Kleve. Ihre alten Freiheiten bestätigte und erweiterte Graf Dietrich V. 1241. Sie gehörte auch zur Hansa. Wichtig ist die 1568 hier abgehaltene Synode der resormierten niederländ. Kirchen. Seit 1540 lutherisch, wurde die Bürgerschaft mit dem Magistrat seit Anfang des 17. Jahrh. streng reformiert. Die Drangsale im niederländ. Kriege, besonders zwischen 1586 und 1598, dann im klevischen Erbfolgekriege, als W. 1614—29 in der Gewalt der Spanier war, zerstörten den alten Wohlstand. Nach der Vefreiung vom span. Joche durch die Holländer blieb die Stadt brandenburgisch „verlor aber 1714 ihre alten Privilegien. Auf kurze Zeit kam 1672 und 1760 die unverteidigte Festung in die Hände der Franzosen. Nachdem sie 1805 an Napoleon abgetreten worden, wurde sie großherzoglich bergisch, 1806 aber französisch. Im Nov. 1813. schloß ein preuß. Korps die Festung ein, bis der franz. Gouverneur Vourke dieselbe infolge des Pariser Friedens 6. Mai 1814 Preußen übergab. Vgl. Wolters, «Reformationsgeschichte der Stadt W. (Bonn 1868); Gantesweiler, «Chronik der Stadt W. (Wesel 1883).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 565Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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