FeedWessenberg
ReligionBrockhaus 1882

Wessenberg (Ignaz Heinr. Karl, Freiherr von), ausgezeichneter deutscher Kirchenprälat und Patriot, Generatvikar des Bistums Konstanz bis 1827, wurde 4. Nov. 1774 zu Dresden geboren, wo sein Vater österr. Gesandter war. Seine Studien machte er auf der Hochschule zu Dillingen, zu Würzburg und Wien. Er war Domdechant zu Konstanz, als ihn Karl Theodor von Dalberg zum Generalvikar dieses auch einen großen Teil der westl. und mittlern Schweiz umfassenden Bistums erhob. In seinem bedeutenden Wirkungskreise, in den er im Aug. 1801 eintrat, zeigte er sich bemüht, die Geistlichkeit fortzubilden und mit seinem ebenso tief religiösen als milden und friedfertigen Geiste zu erfüllen, der deutschen Sprache in der Liturgie Einfluß zu verschafsen, den deutschen Kirchengesang einzuführen, den Schulunterricht zu fördern, die Seelsorge fruchtbarer zu machen und im Einverständnis mit der Regierung des Kantons Luzern (schon seit 1806) die überzahl der Klöster zu vermindern. Auch gründete er ein Seminar und Priesterhaus für junge Geistliche und eine große Armenanstalt. Im J. 1814 verweigerte ihm die röm. Kurie die Bestätigung zu seiner durch Dalberg bewirkten Berufung zur Koadjutorstelle im Bistum Konstanz. Als ihn nach Dalbergs Tode die Kapitularen zum Bistumsverweser ernannten, verwarf der Papst durch Breve vom 15. März 1817 auch diese Wahl. Zur Rechtfertigung reiste W. nach Rom, wo er jedoch seinen Hauptzweck nicht erreichte. W. behauptete gegen die röm. Kurie eine männliche und doch gesetzmäßige Haltung, und der Großherzog von Baden schützte ihn in der Ausübung seines Amtes, indem er die mit offiziellen Aktenstücken herausgegebene Denk; schrift Aiber das neueste Verfahren der röm. Kurie gegen den Bistumsverweser von W.s an den Bundestag brachte. Endlich wurde infolge der Gründung der rhein. Kirchenprovinz 1827 das Bistum Konstanz aufgelöst, wodurch W. seine Stelle verlor. Seitdem lebte er in Baden als Privatmann. Von 1819 bis 1833 wirkte er auch in der bad. Ersten Kammer als Vertreter des liberalen Systems. W. starb 9. Aug. 1860 zu Konstanz. Die beiden Ideale seines kirchenpolit. Strebens waren die Gründung einer nationalen deutschen Kirche und die Brechung des päpstlichen Absolutismus durch die Neubelebung der Konzilien. Aus seinen zahlreichen Schristen, deren manche anonym erschienen, sind hervorzuheben: Die Elementarbildung des Volkso (Zür. 1814; 2. Aufl. 1835), Die christl. Bilder» (2 Bde., Konstanz 1826—28; 2. Aufl., St. Gallen 1815), «Betrachtungen über die wichtigsten Gegenstände im Bildungsgange der Menschheito (Aarau 1836), «Die großen Kirchenversammlungen des 15. und 16. Jahrh. in Beziehung auf Kirchenverbesserung (4 Bde., Konstanz 1840). Seine Sämtlichen Gedichtes erschienen in sechs Bänden (Stuttg. 1834—44). Noch im hohen Alter veröffentlichte er das philos. Werk Gott und die Welt, oder das Verhältnis aller Dinge zueinander und zu Gotto (2 Bde., Heidelb. 1857). Vgl. J. Beck, «Freiherr Ignaz Heinrich von W.y (2. Aufl., Karlsr. 1874); Kreuz, Zur Charakteristit W.s (St. Gallen 1863) und die Biographie W.s von Friedrich in Weechs „Badischen Bio-Sein Bruder, Johann Philipp, Freiherr von W.⸗Ampringen, geb. 28. Nov. 1773, trat, nachdem er in Freiburg und Straßburg seine Studien gemacht, 1797 in den österr. Staatsdienst, wurde 1803 Ministerresident in Frankfurt, 1808 Gesandter in Berlin, 1811 in München. Im J. 1813 sollte er den Bund zwischen Osterreich und England vermitteln, wurde aber, als er nach London gehen wollte, zu Hamburg von der franz. Polizei verhaftet und einige Zeit gefangen gehalten. Er nahm darauf wichtigen Anteil am ersten und zweiten Bierer zu Paris und an den Verhandlungen des Wiener Kongresses, wirkte als der erste Gesandte Osterreichs am Bundestage und half die Gebietsverhältnisse ordnen. Dem Metternichschen System nicht befreundet, trat er ins Privatleben zurück, bis er nach der Julirevolution von 1830 zum außerordentlichen Gesandten im Haag ernannt wurde, als welcher er an den Londoner Konferenzen zur Schlichtung der holländ.⸗belg. Wirren teilnahm. Im J. 1831 erfolgte seine Abberufung, weil er angeblich zu viel Hinneigung zu Belgien bewiesen hatte. Er zog sich nach Freiburg zurück, übernahm im Juni 1848 in dem österr. akonstitutionelleno Ministerium den Vorsitz mit dem Portefeuille des Außern und des kaiserl. Hauses, war aber ungeachtet seiner guten Absichten den polit. Stürmen nicht gewachsen. Nach der Oktoberrevolution von 1848 folgte er dem Kaiser nach Olmütz und machte 21. Nov. dem Ministerium Schwarzenberg-Stadion Platz. Er kehrte nach Freiburg zurück, wo er 1. Aug. 1858 starb. Vgl. (Briefe von W. aus den J. 1848 —58 an Isfordink-Kostnitzo (2 Bde., Lpz. 1877).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 570Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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