FeedWestfalen
GeschichteBrockhaus 1882

Westfalen (das Königreich) wurde von Kaiser Napoleon I. zufolge der Bestimmungen des Tilsiter Friedens zwischen Elbe und Rhein durch Dekret vom 18. Aug. 1807 gegründet. Der Friede zu Tilsit hatte ihn zum Herrn aller preuß. Provinzen bis zur Elbe gemacht; auch hatte er sich den Besitz der Länder der Kurfürsten von Hessen und Hannover und des Herzogs von Braunschweig zugeeignet. Aus einem Teile dieser Länder bildete er in dem Königreich W. einen Filialstaat seines Reichs. Dasselbe umfaßte die braunschw.⸗wolfenbütt. und die kurhess. Länder (mit Ausnahme von Hanau und Katzenellnbogen), die preuß. Provinzen Altmark und Magdeburg diesseit der Elbe mit einem Rayon von 7—8 km im Durchmesser auf dem rechten Elbufer, ferner Halberstadt, Hohnstein, Hildesheim, Goslar, Quedlinburg, Eichsfeld,. Mühlhausen, Nordhausen, Paderborn, Minden, Ravensberg und Stolberg-Wernigerode, die hannov. Provinzen Göttingen, Grubenhagen mit Hohnstein und Elbingerode, Osnabrück, den sächs. Anteil an der Grafschaft Mansfeld und die sächs. Amter Gommern, Querfurt, Barby und Treffurt, das Gebiet von Korvei und die Grafschaft Rietberg. Das Königreich hatte ein Areal von 38 100 qkm mit damals 1946343 E. Napoleon gab das Land seinem jüngsten Bruder Jeröme Bonaparte (s. d.), der dem Lande eine vom 15. Nov. 1807 datierte Verfassung verlieh. Die Lage des neuen, durch den Krieg erschöpften Staats war nicht günstig. Der Kaiser hatte sich zur Belohnung seiner Krieger die Hälfte aller Domänen vorbehalten und die Haltung einer Besatzung von 12500 Mann in Magdeburg ausbedungen, welche W. erhalten mußte. Außerdem sollten noch die bedeutenden Reste der den einzelnen Provinzen aufgelegten Kriegssteuer an Frankreich bezahlt werden. Wiewohl alle Hilfsmittel fehlten, gelang es doch, in kurzer Zeit ein Heer von 16000 Mann aufzustellen. Die neuen franz. Formen in Verwaltung und Rechtspflege, die man ohne weiteres einführte, wurden zwar widerwillig aufgenommen, aber bald als praktisch erkannt. Da außerdem die Abgaben im Vergleich zu den Nachbarstgaten erträglich waren, die neue Verfassung dem Volke doch eine gewisse Garantie und manche Rechte bot, auch der glänzende Hof des Königs, der, neben seiner Civilliste vom Lande, als franz. Prinz eine Apanage von 1 Mill. Frs. ledog namentlich der Hauptstadt viele Vorteile gewährte, so minderte sich allmählich der Widerwille und die Regierung gewann eine gewisse Festigkeit. Dennoch flammte, wie in ganz Deutschland, — auch in W. hier und da der Zorn über die Fremdherrschaft auf, und es lam schon 1809, während des österr. Kriegs mit Frankreich, zu Unruhen im Innern. Auf der östl. Seite des Staats fielen unter Schills Anführung feindliche Streifkorps in die Provinzen an der Elbe ein; im Süden brach bei Marburg ein Bauernaufstand unter Dörnberg (s. d.) aus; im Magdeburgischen organisierte der hess. Oberst Emmerich den Aufstand; der Herzog von Braunschweig-Ols zog nach der Weser, und kaum konnte die Residenz gesichert werden. Napoleon vereinigte im März 1810 fast ganz Hannover, mit Ausnahme von Lauenburg, mit W., nahm aber 1811 wieder den größten Teil, sowie Osnabrück, Minden und einen Teil der Grafschaft Ravensberg, sodaß W. noch 45427 qkm und 2056973 E. zählte. Die Regierung sah sich genötigt, auch die Kontinentalsperre in Ausübung zu bringen. Im J. 1812 führte der König selbst sein Heer nach Polen, wurde aber von dem Kaiser, der mit ihm unzufrieden war, zurückgeschickt. Die mehr als 24000 Mann starke Armee fand mit der französischen ihren Untergang jenseit des Niemen. Schnell wurde ein neues Heer gebildet, und 12000 Westfalen folgten dem Kaiser nach Sachsen; aber gleich nach den ersten Unfällen, die den Kaiser in Schlesien trafen, gingen zwei Kavallerieregimenter zu den Preußen über. Schon vor der Schlacht von Leipzig vertrieb 1. Okt. 1813 Tschernyschew König Jeröme und erklärte das Königreich für aufgelöst. Nach seinem Abzug kehrte der König in Begleitung eines Truppenkorps nach Kassel zurück, aber nur, um auf die Nachricht von der Schlacht bei Leipzig 26. Okt. Residenz und Land auf immer zu verlassen. Er hatte vorher alles, was sich in den Schlössern befand, und selbst einen Teil der Schätze des Museums wegführen lassen. Zwei Tage nach seinem Abzug trafen die Russen zu Kassel ein, und bald darauf traten fast in dem ganzen Königreiche W. die frühern Regierungen wieder ein. Vgl. Hassel, «Statist. Darstellung des Königreichs W.» (Braunschw. 1807); derselbe, Geogr.⸗ statist. Abriß des Königreichs W.y (Weim. 1809); „Le royaume de Westphalie. Par un témoin oculaires (Par. 1820).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 576Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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