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ErdkundeBrockhaus 1882

Wiesbaden, Hauptstadt des gleichnamigen Re-HearokmDom der preuß. Provinz Hessen-Nassau, iegt 5 kKm vom Rhein, 9 Km von Mainz und 42 km von Frankfurt a. M., an den südwestl. Ausläufern des Taunus, in einem von dem Salzbach durchflossenen, anmutigen Thalkessel. W. ist Station der Linie Frankfurt-W. der Preußischen Staatsbahnen und Niedernhausen-W. der Hessischen Ludwigsbahn, Sitz der Regierung des Bezirksausschusses, eines Landgerichts, eines Amtsgerichts, einer sauischen kammer, eines Landratsamts, der Nassauischen Landesbank, einer Reichsbanknebenstelle und eines ½½%½½ W. hat ein Gymnasium, ein Realgymnasium, eine Realschule, zwei höhere Töchterschulen, ein chem. Laboratorium (Professor Fresenius) und ein landwirtschaftliches Institut, sowie eine Musikschule, eine Malschule, zahlreiche Pensionate u. s. w. Die offene freundliche Stadt ist mit Ausnahme weniger älterer Teile regelmäßig gebaut, hat schöne und breite Straßen mit prächtigen Gebäuden und eleganten Läden (Wilhelmstraße, Rheinstraße, Taunusstraße, Langgasse etc.) und hübsche Plätze (Kurplatz mit engl. Garten und wei Kaskaden, Luisenplatz mit Waterloosäule, heaterplatz mit Schillerbüste, Kranzplatz mit Hygieagruppe) und zählt (1885) 55 454 E. Schöne Gärten und Villen umschließen die Stadt. Die beachtenswertesten Bauwerke stammen aus neuester Zeit, so das 1840 erbaute, jetzt königl. Schloß, bis 1866 Winterresidenz des Herzogs von Nassau, das 1842 im Geschmacke der Alhambra erbaute Palais Pauline, das 1842 vollendete Regierungsgebäude, in florentinischem Palaststil, und besonders das (1886) noch nicht ganz vollendete, von Professor Hauberrisser entworfene neue Rathaus, ferner die evang. Hauptkirche, im got. Stil von Boos 1853 —62 aus geschliffenen Backsteinen aufgeführt, die 1845—49 von Hofsmann in rotem Sandstein erbaute schöne kath. Kirche mit drei Längs- und einem Querschiff in roman. Stil, aber mit durchaus got. Detail in Ornament, hübschem Netzgewölbe und zwei schönen Altarblättern (von Steinle und Rethel). In der Nähe ist die äußerlich bescheidene bisher kath. Notkirche, von der altkath. Gemeinde benutzt. Die Synagoge wurde 1869 von Hoffmann in maur. Stile, die Bergkirche 1877 —79 von Otzen unter Leitung Grisebachs in Frühgotik gebaut. Nördlich von W. auf halber Höhe des Neroberges glänzt die ebenfalls von Hoffmann in Form eines griech. Kreuzes aus hellgrauem Sandstein in reicher Ornamentik erbaute russ.⸗griech. Kapelle mit fünf (bis 50 m hoch) vergoldeten Kuppeln und dem Grabdenkmal (von Hopfgarten) der Herzogin Elisabeth Michailowna (gest. 1845). Von Sammlungen für Wissenschaft und Kunst besitzt W. ein Museum der Altertümer mit wertvollen röm. und german. Funden (große Sammlung röm. Glasgefäße), ein ansehnliches naturhistor. Museum, die Gemäldegalerie des Nassauischen Kunstvereins, die lehemals nass.) Landesbibliothek (250000 Bde.) mit dem nass. Landesarchiv, königl. Theater (Schauspiel und Oper). Das rasche Aufblühen verdankt die Stadt ihren berühmten Heilquellen, die einen ungemein starken Fremdenverkehr (jährlich über 80000) herbeiführen. Die Mineralquellen (28) haben sämtlich mit Ausnahme des Faulbrunnens eine Temperatur von 50 bis 55 R. und gehören zu den alkalischen Kochsalzwassern. Sie werden sowohl zum Baden, als zum Trinken, besonders bei Gicht, Rheumatismen, Skrofeln, chronischen Hautausschlägen, Nervenleiden, Frauenkrankheiten, Erkrankungen der Brustorgane u. s. w. benutzt. Die Hauptquellen sind der Kochbrunnen (55 R.) mit daranstoßender von Eisen erbauter Trinkhalle, der Adlerbrunnen (50 R.), die Schützenhofquelle (40 R.). Neben den zum großen Teil prächtig eingerichteten Hotels mit Bädern besitzt W. eine sehr große Anzahl von Badehäusern, viele mit Dampf⸗ und Douchebädern und nach den neuesten Erfindungen auf dem Gebiete der Hygiene eingerichteten Badekabinetten. An öffentlichen Badeanstalten ist die Wilhelmsheilanstalt für verwundete und kranke Krieger und das neuerbaute Gemeindebadehaus zu erwähnen. Es befinden sich ferner zu W. zwei Kaltwasserheilanstalten, Dietenmühle (Aktiengesellschaft) und Nerothal (Dr. Lehr), zwei vielbesuchte Augenheilanstalten, eine gymnastische Heilanstalt, eine Heilanstalt für Nervenleidende und Gemütskranke und eine Blindenanstalt. Das 121 mbreite Kurhaus, (1810 nach Plänen von Zais vollendet) mit prächtigem, 40 m langem, 19 m breitem Hauptsaal Gonzert⸗ und Tanzsaal) und sehr eleganten Konversations⸗, Speise⸗, Spiel⸗ und Lesesälen ist Hauptsammelpunkt der Fremden. Vor dem Kurhause ziehen sich zwei, 1825 und 1839 von Zengerle erbaute, 150 m lange Kolonnaden (wovon die südliche nach einem Brande 1877 bedeutend verschönert wurde) mit eleganten Verkaufsläden hin. An das Kurhaus schließen sich ausgedehnte Parkanlagen an. Die Umgebung bietet reichlich Gelegenheit zu anmutigen Spaziergängen, und der durch Thätigkeit des Verschönerungsvereins mit guten Wegen durchzogene, bis nahe an die Stadt reichende, herrliche Wald ist bequem (Pferdeeisenbahn) zu erreichen. Etwa 7—8 km nördlich der Stadt liegt auf bewaldeter Höhe, weithin sichtbar, das 1824 erbaute und 1866 im Besitz des Herzogs von Nassau verbliebene Jagdschloß Platte (501 m), das gleich der westlich von W. liegenden «„Hohen Wurzels⸗ (618 m, mit eisernem Aussichtsturm des wiesbadener Rhein⸗ und Taunusklubs) wegen der weiten Aussicht über die Rhein⸗ und Mainebene, Westerwald, Spessart, Odenwald und Donnersberg viel besucht wird. W. ist eine der ältesten Städteanlagen Deutschlands. Schon von Tacitus und Plinius (Aquae Mattiacae) erwähnt, bekunden die zahlreich aufgefundenen Altertümer, daß die Römer nicht nur schon die Bäder benutzten, sondern auch die strategisch wichtige Lage des Orts erkannt hatten, wie ein 1838 bloßgelegtes altröm. Kastell und die 1866—67 aufgefundenen Reste von Bädern und Inschriften, die auf Heiligtümer hindeuten, beweisen. Unter den Karolingern bestand hier ein Hof (Wisibada). Bei der Teilung der nass. Lande kam W. 1255 an die Walramsche Linie und war mit Idstein Hauptort dieser Lande. Im J. 1744 wurde W. Hauptstadt der 1688 zum Fürstentum erhobenen Grafschaft Nassau-Idstein. In den J. 1839 —66 war W. Winterresidenz des Herzogs von Nassau. Vgl. Pagennecher, W. in mediz.⸗topograph. Beziehungr (Wiesb. 1870); Heyman, Mineralquellen und Winteraufenthalt in W.» (Wiesb. 1875); Pfeiffer, «Die Trinkkur in W.» (Wiesb. 1881); Otto, «Geschichte der Stadt W.» (Wiesb. 1874); derselbe, Merkerbuch der Stadt W.»(Wiesb. 1882); Roth, «Geschichte und histor. Topographie der Stadt W. (Wiesb. 1883); Kranz, „W. und seine Thermen» (Lpz. 1884); Heyl, W. und seine Umgebungen (14. Aufl., Wiesb. 1884); Ziemssen, «Wiesbadener Kurerfolger (Lpz. 1885); Wörl, «Führer durch W.» (3. Aufl., Würzb. 1885); Roth, «Geschichte und Beschreibung der königl. Landesbibliothek in W.»(Frankf. 1886). Der preuß. Regierungsbezirk Wiesbaden umfaßt neben einem geringen Teil der Oberhessischen Tiefebene nur Bergland und zwar den Taunus und Teile des Westerwaldes mit den Hauptflüssen Rhein, Main, Nidda, Lahn, Dill und Eder, und wurde 1866 gebildet mit Ausschluß einiger dem Regierungsbezirk Kassel zugewiesener Ortschaften aus dem ehemaligen Herzogtum Nassau, der Landgrafschaft Homburg (ohne Meisenheim), dem hess. Kreise Biedenkopf und dem größten Teile des Gebiets der ehemaligen Freien Stadt arn t Er zerfällt bei einer Größe von 5568,4 gkm mit (1885) 765 110 C. in die 18 Kreise: Dillkreis, Ober⸗, Unterwesterwaldkreis, Ober⸗, Unterlahnkreis, Rheingaukreis, Westerburg, Limburg, St. Goarshausen, Höchst, Usingen, Frankfurt-Stadt, Frankfurt-Land, W.⸗Stadt, W.⸗ Land (361 qkm, 75 905 E.), Ober⸗, Untertaunuskreis und Biedenkopf. Vgl. Diefenbach, «Der Regierungsbezirk W.» (11. Aufl., Frankf. 1885).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 626Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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