Wind nennt man alle mehr oder weniger gewaltsamen Bewegungen der atmosphärischen Luft, die nach ihrer verschiedenen Stärke, nach der Gegend, aus welcher sie wehen, und nach den besondern Umständen, unter denen sie auftreten, verschiedene Bezeichnungen erhalten. Diese Bewegungen entstehen infolge einer Störung des Gleichgewichts der den Erdball allenthalben umgebenden Luftatmosphäre durch die Wärme und gründen sich demnach auf das Streben der Atmosphäre, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Wird nämlich an einem Orte über der Erde die Atmosphäre stärker erwärmt als an einem andern danebenliegenden, so wird sie durch die Ausdehnung spezifisch leichter, steigt in die Höhe und fließt oben seitwärts ab; die benachbarte kältere und daher schwerere Luft dringt dagegen unten ein und erzeugt eine aus der kältern nach der wärmern Gegend gerichtete und, wie durch Buys-⸗Ballot nachgewiesen ist, spiralförmige Strömung. Dieselbe Erscheinung muß auch, nur mit umgekehrter Richtung der Bewegung eintreten, wenn ein Teil der Atmosphäre stärker als der andere abgekühlt wird. Je nachdem nun die Ursachen zur Aufhebung des Gleichgewichts in der Atmosphäre beständig vorhanden sind oder periodisch oder umegelmäßig eintreten, sind es auch die davon abhängenden W. Zu den beständigen Winden gehört der zwischen den Wendekreisen herrschende Ostwind (Passatwind, s. d.), der den Seefahrern so bekannt ist, daß man, um von Europa nach Amerika zu segeln, erst bis zur Region desselben hinaufschifft und dann, sich ihm überlassend, den Ocean in gerader Linie durchschneidet. Die Ursache dieses W. ist in der vereinigten Wirkung der Sonnenwärme und der Umdrehung der Erde, welche in der Richtung von Westen nach Osten vor sich geht, zu suchen. Die stärkere Erwärmung der Luft zwischen den Wendekreisen bewirkt ein beständiges Zuströmen kälterer Luft aus den Polargegenden, also von Punkten, welche bei der Umdrehung der Erdkugel eine geringere Umdrehungsgeschwindigkeit besitzen, als die Aquinoktialgegenden. Bei der Ankunft in den Aquinoktialgegenden bringt die von den Polen kommende Luft diese geringere Geschwindigkeit mit, sodaß ein mit der rotierenden Erdkugel gegen Osten fortgeführtes Schiff sich an diese weniger geschwinde Luft stößt oder, weil die erstere Bewegung vom Schiffer nicht empfunden wird, auf der nördl. Halbkugel einen Nordost⸗ oder auch wohl Ost-, auf der südl. Halbkugel einen Südost⸗ oder Ostwind erfährt. Die Passatwinde erstrecken sich auf beiden Seiten des Aquators bis ungefähr 30“. Die unter dem Aquator aufgestiegene wärmere Luft fließt nun oben nach den Polen zurück, und da sie eine größere Umdrehungsgeschwindigkeit besitzt als die Orte in den höhern Breiten, zu denen sie gelangt, so eilt sie der Bewegung der Erde voraus und erzeugt also auf der nördl. Halbkugel einen Südwest-⸗ und auf der südlichen einen Nordwestwind. Den beständigen W. zunächst stehen die periodischen Winde, z. B. die Monsuns (s. d.), welche in den ostind. Gewässern, namentlich auf der Nord—⸗ seite des Aquators, von der afrik. Küste bis zur Ostseite des Meerbusens von Bengalen und im Chinesischen Meere die eine Hälfte des Jahres in einer und die andere in der entgegengesetzten Richtung wehen. Zu den periodischen W., die aber nicht mit den Jahreszeiten, sondern mit den verschiedenen Tageszeiten wechseln, gehören die Land- und Seewinde, die an den Küsten, besonders innerhalb der Wendekreise und selbst auch in der Nähe großer Binnenseen, wie des Genfersees, auftreten, und die von den Seefahrern schwache Winde genannt werden. Sie wehen am Tage vom Wasser nach dem Lande, des Nachts und am Morgen vom Lande zur See hin, und erklären sich daraus, daß das Land sich bei Tage stärker erhitzt, des Nachts dagegen auch wieder stärker abkühlt als das Meer. Unbeständige oder veränderliche Winde endlich nennt man diejenigen, welche keinen bestimmten Perioden und keiner solchen Gleichförmigkeit wie die beschriebenen unterworfen sind. Es ist dies diejenige Gattung von W., die man vorzüglich in unsern Gegenden kennt, die aber übrigens auch in ihren mittlern Verhältnissen, selbst auf dem Kontinent, wie neuere Untersuchungen bewiesen haben, eine gewisse Regelmäßigkeit haben, deren Charakter indes durch die vielen als Hindernisse auftretenden Umstände und Lokaleinflüsse, 3. B. Gebirge, oft verwischt wird. So wehen in Deutschland die südlichen W. am häufigsten in den Herbst- und Wintermonaten, die nördlichen in den Frühlings- und Sommermonaten, die westlichen im Sommer, die östlichen im April und in den Wintermonaten. Die Drehung des W. ist auf der nördl. Erdhälfte in den meisten Fällen (wofür Dove die Erklärung gegeben) die von Osten durch Süden nach Westen und Norden, wovon jedoch auch Ausnahmen stattfinden. Was die Beschaffenheit der W., ob sie feucht, trocken, kalt oder warm sind, anbetrifft, so hängt diese davon ab, von wo die Luftmassen, welche sich im W. ergießen, ihren Ursprung herleiten. Am merkwürdigsten sind in dieser Hinsicht die heißen Winde, welche in den großen vegetationsarmen Ebenen und Wüsten der größern Kontinente in heißen Gegenden wehen, und die in einzelnen Fällen sogar heißen Sand mit sich führen. Es gehört hierher der Samum (s. d.) in Arabien und Persien, der Chamsin in Agypten, der Harmattan (s. d.) in der Wüste Sahara, der Solano in Spanien, der Sirocco (s. d. in Italien. Diesen entgegengesetzt gibt es aber auch W., die sich durch besonders schneidende Kälte auszeichnen und, da sie vorzugsweise im Frühiahr wehen, die Ursache der um diese Zeit so häufigen rheumatisch-katarrhalischen Krankheiten werden. Bekannt in Hinsicht ihrer Heftigkeit und Kälte sind besonders die Bora (s. d.) auf dem Karst und in Dalmatien, der Mistral (s. d.) am untern Rhöne und der Gallego in Spanien. Da die aus entfernten Gegenden zu uns kommenden W. einen Teil der Eigenschaften, welche das Klima der von ihnen bestrichenen Gegenden hat, annehmen, ist es erklärlich, daß die über das Meer kommenden Südwestwinde feucht sind und uns in der Regel nasses Wetter bringen, die Nordostwinde dagegen trocken erscheinen und schönes Wetter im Gefolge haben. Nach der Geschwindigkeit der W. unterscheidet man zwischen W., Sturm und Orkan, ohne daß jedoch streng abgrenzende Bestimmungen über diese Begriffe feststehen. Im allgemeinen wird ein W., der eine Geschwindigkeit von 15—20 m auf dem Lande, 20—25 mauf der See in der Sekunde hat, Sturm (s. d.), ein W. von wenigstens 30 m Schnelligkeit in der Sekunde Orkan (s. d.) genannt. Dabei gilt hier die Erfahrung, daß, je höher man in der Atmosphäre aufsteigt, desto heftiger der W. wird. Die Seefahrer beziehen die Benennung Sturm ausschließlich auf diejenigen in der angegebenen Schnelligkeit wehenden W., welche in den gemäßigten Zonen, außerhalb der Grenzen der Passatwinde, auftreten. Sie wehen zuweilen mehrere Tage lang nach einer und derselben Richtung, meist aus Westen. Die heftigsten W., die Orkane, pflegen die furchtbarsten Verwüstungen anzurichten. Sie folgen durchaus nicht einer Richtung, sondern umkreisen den ganzen Horizont und springen rasch von einem Striche gerade auf den entgegengesetzten über. Ihr Schauplatz ist besonders in den heißen Erdstrichen, wo die hohe Temperatur ihre Erzeugung begünstigt, namentlich in Westindien, auf der Ostküste von Madagaskar, den Inseln Mauritius und Reunion (ogl. Tornados) und ostwärts von hier bis an die Grenzen des Südostpassats, ferner an den ind. Küsten, im Meerbusen von Bengalen und im Chinesischen Meere, wo sie den Namen Teifun führen. (Vgl. Cyklone.) Wie alle aufgezählten W. sind auch die letztern, welche in vielen Fällen auch von sehr geringer Ausdehnung, dann aber häufig um so heftiger sein können (ogl. Tromben), ein Resultat der ungleichen Wärmeverteilung und der Rotation der Erde um ihre Achse. Infolge dessen haben diese W. nicht nur eine cyklonale Bewegung, d. h. eine Drehrichtung um ein den niedrigsten Luftdruck zeigendes Gebiet (Minima), sondern diese Minima selbst besitzen wiederum eine fortschreitende Bewegung, welche bestimmten, allerdings bis jetzt noch nicht völlig bekannten Gesetzen unterworfen ist. Einen wesentlichen Fortschritt in der Erkenntnis der Verteilung, Entstehung und Fortpflanzung der W. auf der Erde hat man gemacht mit Entwerfung der sog. synoptischen Wetterkarten (s. d.) und den sich daran knüpfenden Untersuchungen Hoffmeyers, Köppens und van Bebbers, sowie bezüglich der lokalen Winde durch die klimatischen Forschungen Hanns in Wien, während nach Dove namentlich Buys-Ballot und Stevenson durch die Begründung der nach ihnen benannten Windgesetze fördernd thätig waren. Die Elemente, welche der W. der Beobachtung darbietet, sind seine Richtung, seine Stärke, d. h. die größere oder geringere Heftigkeit, mit der er weht und die damit innig zusammenhängende Geschwindigkeit. Zur Beobachtung der erstern, welche man allgemein nach den 16 oder 32 Strichen der Windrose (N, NZO, NNO, NOZN, NO, NOZO, ONO, OZN, O, O28 u. s. w. einzuteilen pflegt, geschieht vermittelst der Wetterfahne oder eines Wimpels (s. Wetterfahne) und wird in neuerer Zeit häufig automatisch verzeichnet. Die Stärke oder Geschwindigkeit des W. beobachtet man mit Hilfe sog. Windmesser oder Anemometer (vgl. Anemologie) oder auch nach dem Gefühl in Verbindung mit der Zunahme der Bewegung an Blättern und AÄsten der Bäume, oder zur See je nach der Menge der Segel, welche ein Schiff noch zu führen vermag. Eine auf Grund dieser Daten aufgestellte Skala ist die sog. Beaufortsche Skala, welche zwölf einzelne Geschwindigkeitsgrade unterscheidet, nämlich: Stille Schwach .. 6 3—5 2—4 Mäßiig 5 5—7 4—6 — 6 1—9 6 —10 Stark. Sturm Dilan. 12 über 28 über 95 Neben der Bedeutung des W. für die Witterungskunde (vgl. Klima) sind dieselben von größter Wichtigkeit im gewerblichen Leben und im Haushalte der Natur. Dort dienen sie als billigster und häufig benutzter Motor (Windmühlen der verschiedensten Art, Segelschiffe u. s. w.), hier als Vermittler der Befruchtung der Pflanzen, als Erneuerer und Reiniger der Luft, und vornehmlich ist die Bewegung der Wolken und damit der Transport von Regen und Feuchtigkeit von einem Orte zum andern von den herrschenden W. abhängig. Wissenschaftliche Untersuchungen über die Windverhältnisse sowohl der ganzen Erde als einzelner Orte sind vielfach ausgeführt worden; man findet das meiste darüber außer in den periodisch erscheinenden meteorolog. Zeitschriften in Dove, (Meteorolog. Untersuchungen » (Berl. 1837); derselbe, «Das Gesetz der Stürmey (Berl. 1873); E. Schmid, «Lehrbuch der Meteorologie (Lpz. 1860); Mohn, «Grundzüge der Meteorologie, die Lehre von Wind und Wetter» (Berl. 1879); Sprung, „Lehrbuch der Meteorologies (Hamb. 1885).