Witterung ist der Zustand der Atmosphäre (. d.), wie er an einem bestimmten Orte und zu einer bestimmten Zeit ohne weitere künstliche Hilfsmittel von unsern Sinnen wahrgenommen wird. Diese temporäre und lokale Beschaffenheit des Luftkreises bezeichnet man im gewöhnlichen Leben nach ihren Hauptmerkmalen, als Wärme, Kälte, Feuchtigkeit, Trockenheit, Klarheit, Trübheit, Bewegtheit, Ruhe u. s. w., und spricht demnach von einer warmen, kalten, feuchten, trockenen, heitern, trüben, stürmischen u. s. w. Witterung. Wird die vorherrschende Beschaffenheit der Atmosphäre weniger durch einzelne, rasch wechselnde Vorgänge unterbrochen, so nennt man die W. beständig, im Gegenteil veränderlich. Schätzt man die Zustände der Atmosphäre nach ihrem Einfluß auf Entwickelung, Wachstum, Gesundheit und Wohlbefinden der Pflanzen, Tiere und Menschen, sowie nach ihrer Hinderung und Förderung menschlicher Thätigkeit und Bestrebungen, so charakterisiert man dieselbe als fruchtbare oder als gute und schlechte W. Mehr drastisch sich vollziehende Prozesse der Atmosphäre, wie Gewitter, Regen, Hagel, Schneefall, Sturm u. s. w. pflegt man als Wetter zu bezeichnen, wie wohl der Sprachgebrauch hierbei nicht immer konsequent verfährt. Die Bedingungen, auf welchen die W. beruht, sind verschieden, kompliziert und teils allgemeiner, teils lokaler Ratur. Zunächst ist es das Klima (s.d.) im engern Sinne, die Verteilung der Wärme uber die Erdfläche, welches die W. in ihren periodischen Hauptphasen (Jahreszeiten) bedingt. Die Wärmeverteilung wird aber bewirkt zuvörderst durch den Stand der Erde zur Sonne, welcher veranlaßt, daß nahe dem Aquator die heiße Jahreszeit mit der Regenzeit, in den mittlern Breitegraden die vier Jahreszeiten, an den Polen ein langer, strenger Winter mit einem kurzen Sommer wechselt. Bedeutende Modifikationen erleidet indessen die Wärmeverteilung durch die vertikale Ausdehnung und Buchckench der Erdfläche, ihre Hebung (Gebirge, ochebene) und Senkung (Niederungen, Thäler), sodaß auch von dieser Formation das Klima und die atmosphärischen Prozesse, also die Gestaltung der W. wesentlich abhängig ist. Den beiden Hauptfaktoren schließen sich als Witterungsbedingungen an: die geolog. Beschaffenheit des Erdbodens, die vdrographischen Verhältnisse (Meere, Binnenseen, Flußsisteme), die Vegetation, namentlich die Wälder, die Bodenkultur und die Ansiedelungen der Menschen. Endlich aber müssen noch eine Reihe von jenen Hauptmomenten freilich abhängende Prozesse und Erscheinungen der Atmosphäre, wie die nach gewissen Regeln wehenden Winde, die Elektricität u. s. w., als Faktoren der Witterungsverhältnisse in Betracht kommen. Alle diese und wohl noch andere unbekannte Momente, die ineinander eingreifen, sich gegenseitig bedingen oder aufheben, bilden zusammen den Kompler dessen, aus dem W. und Wetter in den einzelnen Gegenden und Punkten des Erdkörpers hervorgehen. Daß der Mond einen Einfluß auf die W. ausübt, ist nicht erwiesen, denn die erhaltenen Resultate widersprechen sich; wenn ein Einfluß vorhanden, ist derselbe jedenfalls unbedeutend, da auch die theoretisch abgeleitete Größe, um die der Mond den Luftdruck beeinflussen kann, kaum ½ mm beträgt. Einen Einfluß der Planeten⸗ und Kometenkonstellationen anzunehmen, gehört in das Gebiet des Aberglaubens. Die Beobachtung und Erforschung der W., um daraus praktische Vorteile zu ziehen, ist so alt wie der Mensch selbst, aber in keiner seiner Bestrebungen auf Naturerkenntnis ist zugleich der Mensch so wenig sicher fortgeschritten, als gerade in dieser. Erst der strengen Naturforschung der Neuzeit ist es gelungen, durch weitgreifende Beobachtung, Erfindung von Instrumenten (3z. B. des Barometers, des Thermometers etc.) und gewaltige Entdeckungen im Gebiete der Physik überhaupt (bezüglich der Wärme, der Elektricität, des Galvanismus, des Magnetismus etc.) in die Natur und die Gesetze der atmosphärischen Veränderungen tiefer einzudringen. Doch ist man noch lange nicht dahin gelangt, die Komplicität dieser Erscheinungen in jedem einzelnen Falle bis ins Einzelne nachzuweisen. Die Männer, welche die Grundlagen zur Wissenschaft der atmosphärischen Erscheinungen und Veränderungen, der Meteorologie (s. d.), festzustellen begannen, waren vornehmlich Alexander von Humboldt und Christian Leopold von Buch, denen in neuerer Zeit besonders Kämtz, Dove, Buys-Ballot, Köppen, Hann, von Bezold, Scott, Wild u. s. w. folgten. Namentlich waren es auch diese Forscher, welche die systematische Witterungsbeobachtung auf verschiedenen Punkten der Erde zugleich vorschlugen, veranlaßten und zum Teil auch einrichteten. Trotz der Unsicherheit und Beschränktheit der Einsicht in die Prozesse der W. hat man von jeher eine Unzahl von Zeichen und Regeln aufgestellt, aus welchen man das Wetter für nähere oder fernere Zukunft erkennen will. Diese Wetterzeichen sind teils solche, die 110 allerdings auf erkannte Naturgesetze stützen, teils aber auch solche, welche —— als die Behauptung einer unsichern Erfahrung für sich haben. Zu den auf physik. Erkenntnis beruhenden Anzeichen und Regeln gehören die Anzeichen aus den Winden, aus dem Luftdrucke (wahrzunehmen durch das Barometer), aus der Farbe und Durchsichtigkeit der Luft, aus der verschiedenen Lichtbeschaffenheit der Himmelskörper, aus der Beschafsenheit der Wolken, der Feuchtigkeit der Atmosphäre (am sichersten wahrzunehmen durch das Psychrometer), aus der Luftelektricität u. s. w. In neuester Zeit sind in Großbritannien, Holland, Frankreich, Italien, Deutschland, Osterreich-Ungarn, Dänemark, Schweden und Norwegen, Amerika u. s. w. Einrichtungen getroffen, die W. der in der Nähe des Meers gelegenen Orte täglich zu einer bestimmten Zeit durch den Telegraphen an eine Centralstation zu befördern. Durch die Vergleichung dieser meteorolog. Verhältnisse ist es oft möglich, mit einiger Wahrscheinlichkeit für kurze Zeit, höchstens aber für einen Tag voraus, die W. einzelner Orte anzugeben, und sobald man z. B. für einen Küstenstrich einen Sturm vermutet, werden den in die Nähe dieser Küste kommenden Schiffen Warnungssignale gegeben. (S. Prognose, Seewarte, Semaphor und Sturmsignale.) Auch zum Nutzen der Landwirtschaft u. s. w. werden in mehrern Ländern täglich ein- bis dreimal Wetterprognosen publiziert. Sehr unsicher sind als Witterungs⸗ und Wetterzeichen die Bewegungen mancher Pflanzen vor atmosphärischen Veränderungen, sowie die Außerungen und das Benehmen mancher Tiere vor heranziehendem Wetter. Wiewohl uralt, doch meist gänzlich unbegründet sind die Witterungsregeln, welche aus der Wetterbeschaffenheit einer bestimmten Zeit, ehn Stunde genommen werden (die sog. Bauernregeln). Sorgfältige Beobachtungen haben nachgewiesen, wie diese Regeln zum größten Teil auf Täuschung und willkürlicher Annahme beruhen. Man hat sogar früher förmliche Witterungscyklen festsetzen wollen, die sich, wie B. der hundertjährige Kalender, durch thatsächliche Wahrnehmungen ebenfalls als nichtig berausgestellt haben. Wechselnde Perioden von Mißwachs und Erntesegen, die man in der Geschichte der Völker und Jahrhunderte verfolgen kann, lassen nur auf mehr oder weniger anhaltende Witterungsverhältnisse (sog. nasse, trockene, heiße u. s. w. Zeiten) schließen, während das Auftreten von Witterungsepochen nach bestimmten Regeln und Cyklen keineswegs nachgewiesen werden kann. Auch ein mit der Sonnenfleckenperiode zusammenfallender Cyklus, den man in den tropischen Regen, in der Temperatur u. s. w. gefunden haben will, ist durchaus noch nicht sicher. Für die Theorie der atmosphärischen Erscheinungen und Prozesse vgl. Müller, «Lehrbuch der kosmischen Physik, mit Atlaso (4. Aufl., Braunschw. 1875); Kämtz, (Lehrbuch der Meteorologied (3 Bde., Halle 1831 —36); derselbe, KBorlesungen über Meteorologies (Halle 1840); Dove, 410.. Die Untersuchungen» (Berl. 1837); derselbe, «Die Witterungsverhältnisse von Berlin» (Berl. 1842), Schmid, Lehrbuch der Meteorologie » (Lpz. 1860); derselbe, Grundriß der Meteorologiev (Lpz. 1862); Cornelius, Meteorologien (Halle 1863) Mohn, Grundzüge der Meteorologies (2. Aufl., Berl. 1879): Buchan, Handy book of meteorologyy (3. Aufl., Edinb. 1879); und vor allem das reichhaltige Werk von van Bebber, „Handbuch der ausübenden Witterungskundey (2 Tle., Stuttg. 1885—86).