Wolfenbüttel, Kreisstadt im Herzogtum Braunschweig, früher Hauptstadt des gleichnamigen Fürstentums, bis 1754 Residenz der Herzöge von Braunschweig, in einer niedrigen Gegend zu beiden Seiten der Oker, Station der Linien Jerrheim-Braunschweig und W.⸗Harzburg der Preußischen Staatsbahnen, ist Sitz des Konsistoriums, des Landeshauptarchivs, sowie der Kreisdirektion und zählt 13455 E. (1885, mit Einschluß der beiden Vorstädte Auguststadt und Juliusstadt). Unter den drei Kirchen zeichnet sich die Hauptkirche (Marienkirche) mit einem alten und einem neuern fürstl. Erbbegräbnis aus. Von höhern Unterrichtsanstalten besitzt W. ein Gymnasium, ein Prediger⸗ und ein Landschullehrerseminar, eine höhere Bürgerschule und eine höhere Töchterschule, verbunden mit Lehrerinnenseminar. Die umfassenden Landesstrafanstalten sind teilweise nach dem Zellensystem eingerichtet. Die Bewohner beschäftigen sich mit Gewerben aller Art, besonders aber mit Gemüsebau. Von größern technischen Etablissements bestehen eine Garnspinnerei (Filiale der Ravensberger), eine Eisengießerei, zwei Kupferschmieden, eine Maschinenfabrik und zwei Konservenfabriken. Die frühern Festungswerke sind abgetragen und in freundliche Spaziergänge verwandelt. Das alte fürstl. Residenzschloß dient (seit 1835) zum Teil als Theater, auch befindet sich darin die höhere Töchterschule. Dem Schlosse gegenüber liegt das schöne vom Herzog August Wilhelm 1723 in Form des Pantheons zu Rom aufgeführte Gebäude, in welchem sich die berühmte Wolfenbütteler Bibliothek befindet, deren Bibliothekar Lessing (s. d.), der Herausgeber der Wolfenbütteler Fragmentes (s. unter Reimarus), war, dem hier ein in dem massiven Treppenann aufgestelltes Marmordenkmalerrichtet ist. Der Baufälligkeit wegen wird ein prachtvoller Neubau in italienischer Renaissance hergestellt, der 1887 vollendet sein wird. Die Bibliothek besitzt über 10000Handschriften, eine große Anzahl Inkunabeln und gegen 270000 Bände, darunter gegen 14000 Bibeln. Vgl. Ebert, „Zur Handschriftenkunde v (2 Bde., Lpz. 1827). Nicht weit von W. liegt das 1000 gestiftete Fräuleinstift Steterburg. Im Dreißigjährigen Kriege siegten bei W. 19. Juni 1641 die Schweden unter Wrangel und Königsmark über die Kaiserlichen unter Erzherzog Leopold. Unter der Bezeichnung Fürstentum Wolfenbüttel faßte man früher im weitern Sinne die Besitzungen der ältern Linie des Hauses Braunschweigoder Braunschweig-Wolfenbüttelim Niedersächsischen Kreise, im engern Sinne aber nur den wolfenbüttel-schöningenschen und Weserbezirk (3410 qkm) zusammen. Der jetzige Kreis Wolfenbüttel umfaßt auf einem Areal von 763 qlm die Amter W., Salder, Schöppenstedt und Harzburg und zählt (1880) 66 497 E. Vgl. Bege, „Chronik der Stadt W.» (Wolfenb. 1839).