Wolsey (Thomas), Kardinal, Erzbischof von York und Kanzler des Königs Heinrich VIII. von England, geb. 1471 zu Ipswich, war der Sohn eines Schlächters. Er studierte zu Oxford Theologie und kam später als Hofmeister in das Haus des Marquis Dorset, der ihm eine Pfarre verschaffte. Durch den Bischof Fox von Westminster empfohlen, erhielt er bei Hofe die Stelle eines Kaplans. König Heinrich VII. schickte ihn 1506 in einer diplomatischen Mission zum Kaiser Maximilian I. nach Brügge und belohnte seine Gewandtheit mit dem Titel eines Almoseniers und einer Pfründe. Auch Heinrich VIII. schenkte W., der sich durch Gelehrsamkeit, Geschmack, gefällige Manieren und Willfährigkeit zu empfehlen wußte, seine Gunst. Im J. 1510 ward er in den Staatsrat berufen, wo er durch Thätigkeit und Einsicht alle andern Mitglieder verdunkelte. Im J. 1514 erhielt er das Bistum Lincoln, das er nach kurzer Zeit abgab, um das Erzbistum York zu übernehmen. Später wurden ihm noch mehrere Bistümer und große Pfründen gegeben. Bereits war sein Einfluß beim Könige so groß, daß Papst Leo X. 1515 ihn durch Verleihung des Kardinalshutes zu gewinnen suchte. Von dem Talent und dem Stolze des Emporkömmlings gedrückt, legte der Erzbischof von Canterbury die Kanzlerstelle nieder, welche W. sogleich übernahm. Diese Erhebung veranlaßte den Rücktritt der übrigen Kronräte, und die ganze Regierungsgewalt befand sich somit in W.s Händen, der nun 17 Jahre mit absoluter Machtvollkommenheit schalteke. Acht Jahre lang ward das Parlament gar nicht berufen, und da das Unterhaus dann, April 1523, nicht nach seinem Wunsche Geld bewilligen wollte, ließ er, solange er am Staatsruder blieb, keine neue Parlamentssitzung zu. Mit W.s Gewalt stieg seine Anmaßung und Prachtliebe. Vom Papste erhielt W. 1518 die Würde eines Legaten mit ausgedehnten Vollmachten. Nach dem Frieden zu Cambray (1529) befand sich W. auf dem Gipfel der Macht, aber auch am Rande des Verderbens. Er war der Absicht Heinrichs VIII., sich von Katharina von Aragonien zu scheiden, nicht entgegen gewesen. Als er jedoch erfuhr, daß der König sich mit Anna Boleyn vermählen wollte, widerriet er die Ehescheidung, aus Furcht, die Verwandten Annas möchten seine Stellung bei Hofe beeinträchtigen. Dennoch betrieb er auf des Königs Befehl die Sache einige Zeit mit Eifer, erkaltete aber, da er bemerkte, daß der Papst aus Rücksicht auf Kaiser Karl V. die Scheidung zu hintertreiben suchte. Heinrich VIII. hielt die Verögerung des Scheidungsprozesses einzig für eine Intrigue W.s und beschloß, als der Bruch mit Zuthun de und Rom unvermeidlich war, nicht ohne Zuthun der Anna Boleyn und ihres Anhangs, sich des Ministers zu entledigen. Am 18. Okt. 1529 mußte W. plötzlich das Reichssiegel abgeben, seinen prächtigen Palast zu London, das spätere Whitehall, verlassen und sich auf das Landhaus Asher bei Hamptoncourt zurückziehen. Zwar versicherte ihn der König seines Schutzes und beließ ihm den Besitz der Bistümer York und Winchester. Aber das Parlament, das sich im Nov. 1529 wieder versammeln durfte, setzte 44 Klagepunkte gegen W. auf, worauf ihn die Sternkammer zum Verluste seiner Güter und zu ewigem Gefängnis verurteilte. Heinrich VIII. begnadigte ihn 18. Febr. 1530 und verwies ihn in sein Erzbistum York, wo er zu Canwood seine Residenz nahm. Jedoch bald wurde der König andern Sinnes, und im November erschien der Graf von Northumberland mit dem Befehl, W. als des Hochverrats schuldig zu verhaften und nach London zu bringen. Auf dieser Reise erkrankte W. an der Ruhr und kehrte in die Abtei Leicester ein, wo er 28. Nov. 1530 starb. W. pflegte die Wissenschaften und gründete aus eigenen Mitteln mehrere Unterrichtsanstalten, namentlich 1525 das Christ-Church-College in Oxford. Der Reformation gegenüber verhielt er sich ziemlich gemäßigt. Vgl. außer der fast gleichzeitigen Biographie W.s von Cavendish (s. d.) besonders Galt, Account of the life and administration of Cardinal W.o (Lond. 1812 u. öfter); Howard, The Cardinal W. and his times (Lond. 1824); Martin, Life of Cardinal W.» (Orf. 1862); Williams, «Lives of the English Cardinalso (2 Bde., Lond. 1868).