FeedMorus (Thomas)
GeschichteBrockhaus 1882

Morus (Thomas), eigentlich More, engl. Staatsmann und Humanist, Kanzler Heinrichs VIII. von England, war der Sohn eines Richters der King's-Bench und wurde 1480 zu London geboren. Er besuchte die Schule in London, lebte dann einige Zeit als Page im Hause des Kardinals Morton, Erzbischofs von Canterbury, und ging auf die Universität Orford, wo er sich den humanistischen und jurist. Studien widmete, während er als Fachstudium die Jurisprudenz erwählte. Als Sachwalter und Untersheriff von London trat er im Parlament 1503 gegen die Auflagen Heinrichs VII. auf, mußte deshalb nach Frankreich entweichen und kehrte erst nach dem Tode des Königs zurück. Unter Heinrich VIII. stieg er um so höher. Er ward Mitglied des Geh. Rats und vertrauter Diplomat Heinrichs, Schatzmeister der Krone, Kanzler von Lancaster und 1523 Sprecher des Parlaments. In diesen Würden bewährte er sich als Hauptstütze des Kardinals Wolsey, während seine gewandte Feder die kath. Politik Heinrichs gegen die Angriffe der reformatorischen Geister, so auch gegen Luther verteidigte. Nach den Friedensverhandlungen zu Cambrai 1529 erhob ihn der König an Wolseys Stelle zum Lord⸗-Kanzler und übergab ihm die Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XI. Staatssiegel. M. verwaltete sein hohes Amt mit großer Uneigennützigkeit, bewies aber gegen die Anhänger der Reformation als eifriger Katholik unerbittliche Strenge. Als Heinrich VIII., um seine Ehescheidung durchzusetzen, mit dem röm. Stuhle völlig brach, suchte er vergebens die Mitwirkung seines Kanzlers zu gewinnen. M. legte 1532 seine Amter nieder und zog sich nach Chelsea zurück. Als er 1534 das neue Successionsstatut, welches zugleich die erste Ehe des Königs für nichtig erklärte, beschwören sollte, war er bereit, die Erbfolge zu beschwören, wies aber die übrigen Punkte zurück. Der König ließ ihn deshalb mit dem Bischof Fisher in den Tower bringen und sehr hart behandeln. M. widerstand 13 Monate allen Versuchen, seine Festigkeit zu brechen; da befahl der König, seines Widerstandes müde und um ihn vollends zu verderben, ihm den Supremateid und den Treueid gegen die Descendenz Anna Boleyns vorzulegen. M. erklärte sich dahin, daß er als Christ keinen weltlichen Oberherrn der Kirche anzuerkennen vermöge. Nach einer formlosen, schmählichen Prozedur wurde er 6. Mai 1535 zum Galgen verurteilt, welche Strafe der König in Enthauptung verwandelte. Mit großer Fassung erlitt er 6. Juli auf der Plattform des Tower den Todesstreich. Seine sämtlichen Werke wurden zuerst in zwei Bänden herausgegeben, von denen der erste (Lond. 1559) die englisch abgefaßten der andere (Basel 1563) die lat. Werke enthält. Am bekanntesten ist seine fast in alle Sprachen übersetzte Schrift De optimo reipublicae statu deque nova insula Utopiap (Löwen 1516 u. öfter). Sein Bildnis hat Hans Holbein der Jüngere, den er in Dienst nahm, mehrmals gemalt. Sein letzter männlicher Nachkomme war der 1795 gestorbene Thomas More; seine Familie erlosch gänzlich 1815 in der Lady Ellenborough. Ein Urenkel gleichen Namens gab seine Lebensbeschreibung (Lond. 1726) heraus. Vgl. Mackintosh, Lite ot Sir Thomas M.» (Lond. 1830; 2. Aufl., Lond. 1844).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 881Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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