FeedGalizyn oder Golizyn
GeschichteBrockhaus 1882

Galizyn oder Golizyn, häufig auch Galizin, Galitzin, Gallitzin geschrieben, eine der ausgebreitetsten fürstl. Familien in Rußland, leitet ihren Ursprung von dem litauischen Fürsten Gedimin, dem Stammvater der Jagellonen, ab. Die Fürsten Michail und Dmitrij G. waren russ. Heerführer unter dem Großfürsten von Moskau, Wassilij IV., und wurden von den Polen in der großen Schlacht bei Orscha 1514 gefangen genommen; Dmitrij starb in der Gefangenschaft, während Michail erst 1552, nach 38jähriger Haft, freigegeben wurde. — Der Urenkel Michails, Wassilij G., gehörte, nachdem der falsche Demetrius umgekommen war, zu den vier russ. Kronprätendenten. Um dem poln. Prinzen Wladislaw seine Erhebung zum Zaren zu verkünden, 1610 nach Smolensk entsendet, wurde er von den Polen des Verrats angeklagt und bis an seinen Tod (1619 eingekerkert. — Des letztern Großneffe „Wassilij Wassiljewitsch G., mit dem Beinamen der große G., geb. 1633, war Ratgeber und Günstling der Zarewna Sophia, der ränkesüchtigen Schwester Peters d. Gr. Wie des letztern Sinn auf die Civilisation seines Volks gerichtet war, so war es auch Wassilij G.s Streben, sein Vaterland in Berührung mit dem Westen Europas zu brinen und Wissenschaften und Künste in die heimischen Schulen und an den Hof selbst zu verpflanzen. Als seine Absicht, sich mit Sophia zu verheiraten und den russ. Thron zu teilen, mißglückte und Peter seine Schwester in ein Kloster brachte, wurde G. 1689 nach Wologda, dann nach dem Cismeere verbannt, wo er 13. März 1713 starb. Von des letztern Vettern war der eine, Boris G. (geb. 1641, gest. 10. Okt. 1710), Peters Erzieher und einer der Reichsverweser während Peters erster Reise ins Ausland; der andere, Dmitrij G., ein ausgezeichneter Staatsmann, Gesandter in Konstantinopel und in Wien, 1713—19 Generalgouverneur des eben eroberten Livland, dann Direktor der Finanzen des Reichs und zuletzt Haupt der oligarchisch-aristokratischen Partei der G. und Dolgorukij, die bei dem Tode Peters II. der kaiserl. Macht Schranken setzen und eine der schwedischen nachgebildete Verfassung einführen wollte. Dmitrijs Plan schlug aber fehl; beide Familien wurden verbannt, und er selbst endete im Kerker Schlüsselburg. — Sein Bruder, Michail G., geb. 1. Nov. 1674, einer der vorzüglichsten Feldherren Rußlands, that sich bei der Erstürmung Narwas, in der Schlacht bei dem Dorfe Ljesnaja, wo er den General Löwenhaupt schlug, und bei Pultawa hervor. Am berühmtesten jedoch wurde er 1714 durch die Eroberung von Finland. Er starb als Feldmarschall des Reichs 10. Dez. 1730. — Von dessen Söhnen machte sich der eine, der Feldmarschall Alexander G., geb. 17. Nov. 1718, gest. 23. Okt. 1783, durch die Eroberung von Choczim in der Moldau 1769 bekannt; der andere, Dmitrij, geb. 15. Mai 1721, ein ausgezeichneter Diplomat, war über 20 Jahre hindurch russ. Gesandter zu Wien, wo er 30. Sept. 1793 starb und auf dem nach ihm benannten Galizynsberge beerdigt wurde. „Ein berühmter Feldherr war auch Sergej Fedorowitsch G., geb. 1748, welcher 1809 die russ. Armee in Galizien befehligte und 1. Febr. 1810 starb. — Dmitrij Alexejewitsch G., geb. 21. Dez. 1738, gest. zu Braunschweig 21. März 1803, Minister in Paris und im Haag unter Katharina II., ein Freund Voltaires und der Encyklopädisten, ist Verfasser der „Description de la Tauride v (1788) und anderer Schriften. Des letztern Gemahlin, Amalie, Fürstin G., geb. zu Berlin 28. Aug. 1748, eine durch ihre Geistesbildung, aber auch durch ihren Hang zum Pietismus bekannte Frau, war die Tochter des preuß. Generals Grafen von Schmettau und verlebte einen Teil ihrer Jugend an dem Hofe der Gemahlin des Prinzen Ferdinand von Preußen, des Bruders Friedrichs II. In Münster, ihrem gewöhnlichen Aufenthaltsorte, versammelte sie einen Kreis der ausgezeichnetsten Gelehrten um sich; hier waren Fürstenberg, Goethe, Jacobi u. a. auf längere oder kürzere Zeit ihre Gesellschafter, Hemsterhuis und Hamann aber ihre vertrautesten Freunde. Sie ist die Diotima, an welche Hemsterhuis unter dem Namen Diokles seine Lettre sur l'athéismev (1785) richtete; Hamann starb in ihrem Hause und fand seine Ruhestätte in ihrem Garten zu Münster. Ihr Einfluß und der ihrer nächsten Umgebung veranlaßte hauptsächlich den Übertritt Stolbergs und dessen Familie zum Katholizismus und rief jene Schwelgerei in religiösen Gefühlen hervor, die in manchen Kreisen eine Zeit lang sich lebendig erhielt und die Voß in seiner Schrift »Wie ward Fritz Stolberg ein Unfreier? so scharf beurteilte. Die Fürstin starb 24. Aug. 1806 zu Angelmode bei Münster. Ihre Kinder erzog sie nach dem Rousseauschen Natürlichkeitssystem. Vgl. Katerkamp, «Denkwürdigkeiten aus dem Leben der Fürstin Amalie von G.» (Münst. 1828); Mitteilungen aus dem Tagebuche der Fürstin Amalie von G.» (Stuttg. 1868): „(Briefwechsel und Tagebücher der Fürstin Amalie von G.» (Muünst. 1874; neue Folge 1876). — Ihren Sohn, Dmitrij G., geb. im Haag 22. Dez. 1770, bewog sie, als kath. Missionar nach den Vereinigten Staaten von Amerika zu gehen, wo er in der von ihm — Stadt Loretto in Pennsylvanien 6. Mai 1840 starb. Nach ihm ward ein Dorf bei Loretto Galizyn genannt und ihm dort 1848 ein Monument errichtet. In der neuern Zeit zeichneten sich aus: Alexander Nikolajewitsch G., der Jugendfreund Kaiser Alexanders I., Oberprocureur des Synod 1817— Minister des Kultus und des Unterrichts 1817 — 24) und nach seiner durch eine Intrigue der Reaktionspartei bewirkten Enthebung von diesem Amte Generalpostdirektor, gest. 4. 1844. — Dmitrij Wladimirowitsch G., geb. 1771, der, nachdem er in den Kriegen 1806 — und 1812 —14 mit Auszeichnung befehligt hatte, seit 1820 als Generalgouverneur von Moskau zur Zeit der Cholera (1831) und in vielen andern Fällen, wo es das Interesse der Stadt 7184 sich rühmlichst hervorthat. Er starb 8. April 1844 zu Paris. — Sergei Michailowitsch G., geb. 1769, diente als Militär unter der Kaiserin Katharina und bot später als Mitglied des Reichsrats und einer der ersten Würdenträger des Reichs all seinen Einfluß auf, um die Kultur und den Glanz seiner Nation zu erhöhen. Ein unermeßliches Vermögen kam seinen Absichten zu statten; auf seinem Landsitze Kusminskoje oder Melniza in der Nähe von Moskau residierte er mit fürstl. Pracht und inmitten einer durch Kunst zu einem prächtigen Musensitze umgeschaffenen Natur. Nachdem er noch bei der Krönung Alexanders II. die Funktionen eines Großmarschalls verrichtet, starb er 19. Febr. 1859. — Fürst Emanuel G., geb. 4. Jan. 1804, gest. in Paris 13. Mai 1853, übersetzte Wrangels Reise nach Sibirien ins 92 das sische (2 Bde., Par. 1843) und veröffentlichte das interessante Werk „La Finlande. Notes recueillies en 18485 (2 Bde., Par. 1852). — Auust in G. trat zur kath. Religion über und lebte seitdem in Frankreich, wo er mehrere Werke über russ. Geschichte herausgegeben hat. — Michail Alexandrowitsch G., ein bekannter Biblioman, gest. 29. März 1860 zu Montpellier als russ. Gesandter am span. Hofe, hinterließ eine reichhaltige Sammlung von seltenen alten Druckwerken, deren Katalog 1864 in Moskau erschienen ist. — Durch seine Allgemeine Kriegsgeschichte aller Völker und Zeiten » (aus dem Russischen [23 Bde.] ins Deutsche übersetzt von Streccius und Eichwald, 3 Abteil., Kassel 1874 fg.) hat neuerdings der Generallieutenant Fürst Nikolai Sergejewitsch G. sich rühmlichst hervorgethan. In der Geschichte der Musik haben einen Namen Fürst Nikolaus Borissowitsch G. (gest. 1866 zu Kursk, der Freund Beethovens, welcher letztere G. eine Ouvertüre und drei Streichquartette widmete), und dessen Sohn Fürst Georg G., geb. 1823 zu Petersburg, gest. daselbst im Sept. 1872, welcher mit einer eigenen Kapelle zeitweilig in England und Frankreich konzertierte, um für die russ. Musik Propaganda zu machen und sich auch selbst als Komponist mit Erfolg versuchte.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 474Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Geschichte 6