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GeschichteBrockhaus 1882

York von Wartenburg (Hans Dav. Ludw., Graf), vreuß. Feldmarschall, geb. 26. Sept. 1759 zu Potsdam, war der Sohn eines Hauptmanns von Y., dessen Familie, nach der in derselben überlieferten Tradition, aus England stammte, in der Zeit der Stuarts nach Schweden ausgewandert und seit Anfang des 18. Jahrh. im Lande Bütow in Hinterpommern ansässig war. Er trat 1772 als Junker in die Armee, wurde aber 1779 wegen Ungehorsam cassirt und ging nach abgebüßter Festungshaft 1781 in holländ. Dienste, wo er als Kapitän im Schweizerregiment Meuron 1783—84 die Feldzüge in dien mitmachte. Als er von dort zurückgekehrt, nahm er seinen Abschied und kehrte 1785 nach Preußen zurück, wo es ihm erst nach dem Tode Friedrichs II. gelang, wieder angestellt zu werden, und zwar als Kapitän bei dem neuerrichteten Füsilierbataillon Plüskow. Seit 1792 Major, zeichnete er sich im poln. Feldzuge von 1794 bei Szekoczyn aus und wurde 1799 Kommandeur des Fußjägerregiments. Y. erwarb sich große Verdienste um die Einführung des Schützendienstes im Sinne der neuern Kriegführung, wurde 1800 Oberstlieutenant, 1803 Oberst, 1805 Brigadier und befehligte 1806 erst die Vorhut, später die Nachhut des Herzogs von Weimar, dessen Elbübergang er nach den unglücklichen Schlachten von Jena und Auerstädt durch das musterhaft geleitete Gefecht von Altenzaun (26. Okt.) deckte. Auf dem weitern Rückzuge, nachdem der Herzog das Kommando niedergelegt, führte er die Nachhut des Blücherschen Korps, wurde in Lübeck verwundet und gefangen und 1807 so spät ausgewechselt, daß er erst nach der Schlacht von Friedland wieder zum Heere kam. In Königsberg wurde er zum Generalmajor ernannt. Die ihm zugedachte Stellung als Erzieher des Kronprinzen lehnte er jedoch ab. Bei der Reorganisation des Heeres erhielt Y. die westpreuß. Brigade, 1810 die Generalinspektion übersämtliche leichte Truppen, deren Ausbildung für den Felddienst er mit Erfolg leitete, und 1811 mit ausgedehnten Vollmachten das Generalgouvernement von Ost⸗ und Westpreußen. Im Feldzuge von 1812 wurde Y. dem preuß. Hilfskorps unter Grawert, das zum 10. Korps (Macdonald) der franz. Armee gehörte, als Generallieutenant und zweiten Befehlshaber zugeteilt und übernahm nach Grawerts Abgange den Oberbefehl über die preuß. Truppen. Als der Rückzug der Großen Armee auch den des 10. Korps von Riga notwendig machte, führte Y. die Nachhut und verlor die Verbindung mit den franz. Kolonnen. Auf sich selbst gewiesen, von den russ. Heerführern zum Abfall von der franz. Sache gedrängt, im Zwiespalt mit seiner Soldatenpflicht und der überzeugung, daß für Preußen der entscheidende Augenblick gekommen, ohne bestimmte Weisungen von Berlin, aber bekannt mit dem Inhalt der 1811 durch Scharnhorst zu Berlin zwischen Preußen und Rußland abgeschlossenen Vereinbarung, entschloß er sich zu der Konvention vom 30. Dez. 1812 (durch Clausewitz und Diebitsch russischerseits vermittelt, gewöhnlich Konvention von Tauroggenls. d. genannt; der Abschluß erfolgte in der Mühle von Poscherun), kraft welcher das preuß. Korps neutrale Quartiere bezog und die weitere Entscheidung dem König anhaltuisem Zwar mußte der König, durch die Verältnisse und Napoleon I. noch beengt, diesen Schritt öffentlich mißbilligen; bald aber ließ er Y. volle Gerechtigkeit widerfahren, der in der That dem großen Befreiungswerke kühn die erste Bahn gebrochen. Als Gouverneur von Preußen war er bei der ersten Errichtung der Landwehr und der Organisation der Volksbewaffnung thätig, führte dann sein Korps auf königl. Befehl, der ihm auch die in Pommern mobil gemachten Truppen unterstellte, nach der Mark, zog 17. März in Berlin ein und schlug 5. April bei Möckern und Dannigkow den aus Magdeburg vorgerückten Vizekönig von Italien. Am weitern Feldzuge nahm das Horksche Korps unter seinem Führer ruhmvollen Anteil. Es bestand 19. Mai selbständig das Gefecht bei Weissig. Bei Bautzen hatte Y. den linken Flügel und deckte am 21. den nötig gewordenen Rückzug. Bei der Formation der Armee während des Waffenstillstandes wurde das Horksche (1.) Korps dem schles. Heere unter Blücher zugeteilt, trug 26. Aug. das meiste zum Siege an der Katzbach bei, erzwang, wiederum selbständig, 3. Okt. den Elbübergang gegen das 4. franz. Korps (Bertrand) bei Wartenburg, errang 16. Okt. bei Möckern die Ehre des Tags und drängte die bei Leipzig geschlagenen Franzosen in der Verfolgung am 20. über die Unstrut. Zum General der Infanterie ernannt, ging Y. in der Neujahrsnacht bei Kaub über den Rhein und rettete im Feldzuge von 1814 bei Montmirail 11. Febr. Sacken, der sich unvorsichtig in ein Gefecht eingelassen, vor völligem Untergange; auch entschied er bei Laon 9. März durch den Angriff bei Einbruch der Dunkelheit den Sieg. Die Schlacht von Paris 30. März war seine letzte. Am 3. Juni wurde er vom Könige unter Beilegung des Namens Y. von Wartenburg in den Grafenstand erhoben. Er begleitete die Monarchen nach London und erhielt dann den Oberbefehl über alle Truppen und Festungen in Schlesien, wohin er im Juli, nach ergreifendem Abschiede von seinem Korps, abreiste. Eine reiche Dotation (Klein-Ols in Schlesien) lohnte seine Verdienste. Bei Napoleons I. Rückkehr von Elba 1815 erhielt er das Kommando über das 5. Korps, das sich als Reserve an der Elbe sammeln sollte. Y. sah darin eine Zurücksetzung und bat um seinen Abschied, welchen ihm der König aber erst nach dem Frieden und nach mehrmals wiederholtem Gesuch bewilligte. Der Feldzug von 1815 entriß ihm seinen ältesten Sohn, welcher bei Versailles, tödlich verwundet, fiel. Seitdem lebte er zurückgezogen in Schlesien. Am 5. Mai 1821 ernannte ihn der König zum Feldmarschall. Er starb 4. Okt. 1830 zu Klein-Ols. Ein Standbild (von Rauch) ward ihm 21. Mai 1855 zu Berlin gesetzt. Y. war streng und unzugänglich, ein schwieriger Untergebener, welcher selbst einem Blücher und Gneisenau gegenüber starrköpfig blieb, jedoch ein für das materielle Wohl seiner Truppen jederzeit sorgsam bemühter und deshalb bei der Mannschaft beliebter General. Als Truppenführer bewährte er stets große Umsicht und hielt zähe an den einmal getroffenen Anordnungen fest. Er erreichte deshalb selbst unter sehr schwierigen Verhältnissen noch Erfolge. Vgl. Seydlitz, Tagebuch des preuß. Armeekorps im Feldzuge 18127(Berl. 1823), und vorzüglich Droysen,Das Leben des Feldmarschalls Grafen Y. von Wartenburgo (S. Aufl., 2 Bde., Lpz. 1877). Sein Sohn, Hans Ludwig David, Graf N. von Wartenburg, Majoratsherr auf Klein-Ols und Bischwitz in Schlesien, geb. 31. Mai 1805, gehörte seit 12. Okt. 1854 als erbliches Mitglied dem preuß. Herrenhause an, wo er zur gemäßigt liberalen Fraktion zählte, und starb 12. Juli 1865. — Dessen Sohn, Hans Ludwig David Paul, Graf Y. von Wartenburg, geb. 1. März 1835, gehört dem preuß. Herrenhause ebenfalls als erbliches Mitglied an. Ein Bruder desselben aus des Vaters 2. Ehe, Maximilian Hans Ludw. David, geb. 12. Juni 1850, Hauptmann, aggregiert dem Generalstabe und Militärattaché bei der deutschen Botschaft in Petersburg, hat sich durch sein Werk Mapoleon als Feldherro (2 Bde., Berlin 188586) einen Namen als Militärschriftsteller gemacht.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 814Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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