FeedKalevala
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Kalevala, d. h. Land des Kaleva (Finland), ist der Name des sinn. Nationalepos. Es umfaßt eine größere Anzahl von Gesängen (Runos), die aus 200, 500—800 achtsilbigen, reimlosen, durch zwei oder drei allitterierende Hebungen gebundenen Versen bestehen. Diese Runen, jahrhundertelang durch mündliche überlieferung des finn. Volks fortgepflanzt, sind zum größten und besten Teil in Russisch-Karelien zwischen der finn. Grenze. und dem Weißen Meere, zum Teil aber auch im eigentlichen Finland und in Ingermanland aufgezeichnet worden, und man darf als sicher annehmen, daß die K. ursprünglich Gemeingut aller baltischen Finnen war. Einzelne kleinere epische und mythische Fragmente wurden schon im 18. Jahrh. aufgezeichnet, doch erst Lönnrot ordnete sie zu einem zusammenhängenden Ganzen, dem er den Namen K. gab. Die erste, noch unvollständige Ausgabe erschien 1835 in nißt, sind unter C aufzusuchen. Helsingfors, eine zweite, um das Doppelte vermehrt, ebendaselbst 1849. Letztere umfaßt in 50 Runen 22805 Verse. Spätere Forschungen haben nichts Wesentliches mehr hinzugebracht. Das Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt; eine deutsche Übersetzung lieferte Schiefner (Helsingf. 1852). Der Inhalt des reich mit mannigfaltigen Episoden vor allem der hochpoetische Cyklus von Kullervo, ferner die schöne Ainosage und die sinnigen H ochzeitslieder) ausgestatteten Gedichts beruht auf dem Gegensatz zwischen den Völkern K.s und Pohjolas, den Finnen und den Lappen. Hierin könnte man die K. mit der IJiade und ihrem Gegensatze zwischen Trojanern und Griechen vergleichen, und auch an das deutsche Epos erinnert sie etwas durch die beiden Hauptthemen ihrer Erzählung, einerseits durch die Brautbewerbungen der drei Kalevalahelden Wäinämöinen, Ilmarinen und Lemminkäinen um die schöne Tochter der Pohjolawirtin, andererseits durch die Beschaffenheit des von ihr geforderten Talismans, dessen Eroberung durch die Finnen und endliches Versinken ins Meer. Da die epischen Sagen sämtlicher Völker gewöhnlich dem Bestreben entstammen, solche Naturerscheinungen zu erklären und sinnbildlich zu gestalten, welche auf das Volksgemüt die gewaltigsten Eindrücke geübt, lassen sich gar leicht allerlei Ahnlichkeiten zwischen der K. und andern Nationalepen nachweisen. Aber in den Homerischen Gesängen und dem Nibelungenlied hat das Sagenelement eine gewisse historische Begebenheit zum Träger erhalten und sich um selbige konzentriert, wodurch das Sagenhafte eine größere Vermenschlichung und Anschaulichkeit gewonnen. Dem finn. Volke fehlte aber eine eigenkliche Heldensage und die beschauliche Gemütsart des Volks lenkte seine Sagenbildung mehr nach der Natursymbolik hin, wodurch die Mythen der K. ihrer ursprünglichen Herleitung aus der Natur weitaus näher stehen als z. B. die Homerischen Gesänge. K. Heid erade in ihren rein poetischen Teilen ganz selbändig da und trägt das Gepräge des echten Epos. Auf der Mythe und Sage des finn. Volks, wie sie sich inmitten seiner nordischen Natur ausgebildet haben, beruhend, gewährt das Gedicht ein anschauliches Bild von dem eigentümlichen Leben und Wesen dieses Volks. Vgl. Cäsar, «Das finn. Volksepos K. » (Stuttg. 1862); J. Grimm, «Kleinere Schriften» (Bd. 2, Berl. 1865); von Tettau, «liber die epischen Dichtungen der finn. Völker, besonders die K.y (Erfurt 1873). [factor.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 23Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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