Kanton oder Kuang-tschéu-⸗fu, Hauptstadt der chines. Südprovinz Kwang-Tung (Flächenraum 269 923 qkm mit 19200000 E.) und der südwestlichste von den dem Auslande geöffneten See⸗ und Handelsplätzen Chinas, liegt unter 23 8 nördl. Br. und 113* 16“östl. L. von Greenwich, 150 km vom Meere, am nördl. Ufer des Tschu-kiang (Perlflusses) oder Kantonstroms, der hier aus der Vereinigung des Si⸗, Pe⸗ und Tungekiang, d. h. des West⸗, Nord-⸗ und Oststroms, entsteht und ein mit Hunderten von Inseln erfülltes Astuar bildet, unter denen Hongkong (s. d.) und Heungschan mit Macao (s. d.), sowie die Fahrstraße Bocca-Tigris (s. d.) am bemerkenswertesten sind. Das eigentliche K. bildet ein unregelmäßiges Viereck umgeben von einer 8 m hohen, 6m dicken, auf Sandsteinfundament aus Backsteinen erbauten Mauer von 9 km Umfang und durch eine von W. gegen O. laufende Quermauer in zwei Hauptteile geteilt, die nördl. Alt⸗ oder Tatarenstadt, welche vier Fünftel des Quadrats einnimmt, und die südl. Neu-oder Chinesenstadt. Durch die Umfangsmauer führen 15, durch die Scheidemauer 4 Thore. Die Stadt wird von mehrern, für Güter⸗ und Personenverkehr viel benutzten Kanälen durchschnitten. Zu beiden Seiten legen sich große Vorstädte an und südlich gegenüber liegt auf der gleichnamigen Insel die Vorstadt Honan. Dazu kommt noch die schwimmende Schifferstadt oder Vorstadt der Tankia, d. h. Bootbewohner, die sich 7 —8 km weit auf dem Flusse erstreckt und aus dicht aneinander gedrängten, an Pfählen befestigten, lange Gassen bildenden Fahrzeugen besteht, deren jedes einer Familie als Wohnung und Heimat dient. Man schätzt diese Boote auf 80000 mit etwa 300000 CE., die sich von Hafenarbeit, Stromschiffahrt und Fischfang nähren. Mit Einschluß aller Vorstädte wird die Bevölkerung von K. auf 1½ Mill. geschätzt. Die Altstadt, der Sitz des Oberbefehlshabers der Truppen, ist schlecht gebaut und im nördl. Teile weniger von Gebäuden als von Gärten und Teichen erfüllt. Die besser gebaute Neustadt, deren südl. Mauer gegen 100 m vom Flusse absteht und in welcher der Statthalter und der Zollkommissar des auswärtigen Handels ihren Sitz haben, enthält viele Unterrichtsanstalten, glänzende Kaufläden, Paläste, Tempel und Promenaden. Die Straßen K.s sind gerade, meistens kurz und eng, durchschnittlich 3—4m breit, sodaß nur zwei Sänften nebeneinander passieren, Fuhrwerke aber nicht zur Anwendung kommen können. Sie sind meist gut gepflastert, weniger schmutzig als in andern chines. Städten und in Zwischenräumen mit sog. Triumphbogen, d. h. Denkmalen zur Verherrlichung von Tugenden und Großthaten, geziert. Stadt und Vorstädte werden durch eine vortreffliche Wasserleitung mit gutem Quellwasser reichlich versehen. Die Häuser, meist klein, aus Backsteinen erbaut, sind teils einstöckig, teils zweistöckig. Nur die Hütten der Armern sind aus Lehm aufgeführt. Feuersbrünste sind häufig, die europäisch eingerichteten Löschanstalten jedoch vortrefflich. Die öffentlichen Gebäude zeichnen sich durch ihren Umfang aus. Die Zugänge aller Straßen werden zugleich mit den Stadtthoren abends geschlossen. Längs der Hauptstraßen reiht sich Laden an Laden, angefüllt mit den Produkten des chines. Gewerbfleißes. Mehrere Gassen sind nur von derselben Art Handwerker und Kaufleute bewohnt. Es gibt in K. gegen 50000 Tuchmißt, sind unter C aufzusuchen. weber, 17000 Seidenwirker, 4000 Schuhmacher. Die Gewerke in Holz, Metall und Stein sind gleichfalls zahlreich vertreten. Jedes Gewerk bildet eine eigene, besonders regulierte Zunft, deren es an 150 gibt. Leute der niedrigen Klasse treten bereitwillig in die Dienste der Europäer. Obgleich K. in derselben Breite (nahe dem Wendekreise) iegt wie Kalkutta und Havana, ist sein Klima doch viel gemäßigter und auch für Europäer im allgemeinen nicht nachteilig. Die Stadt zählt 120 Tempel mit 2000 Priestern und Nonnen, von denen neun Zehntel Buddhisten. In der Altstadt befinden sich eine mohammed. Mos chee und zwei uralte ind. Pagoden. K. besitzt vier höhere Lehranstalten, von welchen drei je 200 Studenten haben, 20 Schulen für mittlern und viele für elementaren Unterricht, ein 1690 gestiftetes Findelhaus für 200 Kinder, ein w1835 von der amerik. Missionsgesellschaft gegründetes allgemeines Krankenhaus und vier Provinzialgefängnisse. Früher war K. der einzige dem auswärtigen Handel in China geöffnete Hafen und ist noch jetzt von großer, wiewohl abnehmender Wichtigkeit für denselben. Die Lage der Stadt ist für den Verkehr überaus günstig, da der Tschu-kiang durch seine ausgebreiteten Verzweigungen mit dem ganzen Süden des Reichs in Verbindung steht und der Pekiang mit einer Tagesfahrt in die große, sämtliche andere Provinzen des Reichs durchschneidende Kette von Binnengewässern hinaufgeleitet. Als die chines. Regierung zuerst mit ausländischen Mächten in Lage von Kanton. Handelsbeziehungen trat, wählte sie ausschließlich K. für din Hafen, wo europ. Schiffe Zulassung finden sollten, weil K. am entferntesten von Peking lag, und man diese Hauptstadt des Reichs außerhalb alles fremden Einflusses halten wollte. Der von mehrern Inseln geschützte Hafen bei K. gewährt einen bequemen Ankerplatz. Der Ankerplatz für auswärtigen Schiffe befand sich bei der 20 km lich von der Stadt gelegenen Insel Whampoa. diesem Stapelorte brachte man die Waren auf Leichterschiffen bis zu den europ. Faktoxeien, und zwischen beiden Stationen lagen drei Zollhäuser, wo ißt, sind unter C aufzusuchen. Ladungen und Passagiere aufs strengste untersucht wurden. Genannte 13 Faktoreien und Konsulate von Nordamerika und den mit China in Handelsverkehr stehenden europ. Völkern, sowie die Hongs (Warenniederlagen) der eine privilegierte, allen Verkehr mit dem Auslande vermittelnde chines. Korporation bildenden Hong-Kaufleute wurden 1842 aufgelöst und 1856 zerstört. Sie lagen in der südwestl. Vorstadt, 200 m vom Flusse. Wie die frühern Faktoreien die großartigste Häusermasse K.s bildeten, so r. noch jetzt in dieser Vorstadt die sog. Alt⸗ und Neuchinastraße zu den ansehnlichsten der Stadt und enthalten besonders Läden für die von den Europäern am meisten gesuchten Artikel der chines. Industrie. Auf der gegenüberliegenden Insel Honan befindet sich eine Reihe solid gebauter europ. Speicher. Wiewohl der auswärtige Handel K.s noch immer von Bedeutung, zeigt er doch, wie schon erwähnt wurde, unter den gegenwärtigen Verhältnissen, namentlich seit dem Aufschwunge von Shanghai, eine zusehends wachsende Abnahme. Während man diesen Handel früher auf 20 Mill. Pfd. St. veranschlagte, betrug 1882 der Wert der Einfuhr 4584000, der Wert der Ausfuhr 12613000 Taels (zu 5 Mark 70 Pf.). Den Hauptanteil daran hatten die Engländer. Unter den Ausfuhrartikeln steht noch obenan der Thee, der früher auf dem Seewege lediglich aus K. bezogen ward. Außerdem kommen zur Ausfuhr Rohseide und Seidenzeuge, Cassia, Porzellan, Grastuch, Matten, Soja, chines. Tinte, Bijouterien, Elfenbein⸗, Knochen- und Hornwaren, lackierte Waren, Spielzeuge u. s. w. Eingeführt werden von England direkt hauptsächlich Wollzeuge und Blei, ferner Eisen, Zinn, Kupfer, Eisen⸗ und Stahlwaren, Uhren. Aus Ostindien wurde früher vornehmlich Baumwolle eingeführt, später gestaltete sich das von den Engländern eingeschmuggelte Opium zum Hauptartikel. Über die neuere Geschichte, die sich an die Stadt K. knüpft, s. China.