FeedKarl VI.
GeschichteBrockhaus 1882

Karl VI., deutscher Kaiser, 1711—40, der letzte des habsburgischen Mannsstammes, zweiter Sohn des Kaisers Leopold I. (s. d.), geb. 1. Okt. 1685, Prätendent der Krone Spaniens im Successionsstreit. Für sein Erbrecht verbanden sich, um die Erhaltung des europ. Gleichgewichts besorgt, England und Holland, und diesem Bündnisse gegen Frankreich traten bald darauf auch das Deutsche Reich, Portugal und Savoyen bei. K. wurde zu Wien 1703 unter dem Namen Karl III. zum König von Spanien ausgerufen und begab sich über Holland nach England. Von hier kam er 4. März 1704 nach Lissabon, nahm mit Hilfe der Catalonier Barcelona, Valencia und andere Städte und hielt 1706 eine schwere Belagerung Barcelonas aus, wo er so lange residierte, als ihm der Zugang zu Madrid versperrt blieb. Erst 28. Sept. 1710 gelang es ihm, nach namhaften Nachschüben österr. Truppen und den Siegen des Grafen Guido von Stahremberg, in Madrid einzuziehen. Aber durch die Siege Vendömes ward er bis Anfang 1711 wieder auf den kleinen Nordostwinkel der Halbinsel beschränkt. (S. Spanischer Erbfolgekrieg.) Am 17.April 1711 starb sein Bruder Kaiser Joseph I., und K., der ihm in den deutschen Ländern nachfolgte, kehrte im Herbst über Italien nach Deutschland zurück. Von diesem Augenblicke an zogen sich die verbündeten Mächte, an ihrer Spitze England, von K. zurück und schlossen allein für sich 1713 mit Frankreich den Utrechter Frieden. K. hatte im Dez. 1711 zu Frankfurt die kaiserliche und im folgenden Jahre zu Preßburg die ungar. Krone erhalten. Mit Eifer setzte er den Spanischen Erbfolgekrieg, durch des Prinzen Eugen Feldherrntalent unterstützt, fort. Doch sah er sich endlich, von seinen Bundesgenossen verlassen und von den Reichsständen nur schwach unterstützt, 1714 genötigt, mit Frankreich den Vertrag zu Rastatt zu unterzeichnen, durch den ihm nur die span. Besitzungen in Italien, Neapel, Mailand und Sardinien, sowie die Niederlande gesichert blieben, während Ludwigs XIV. zweiter Enkel, Philipp V., den Thron in Madrid behauptete. Nachdem er im Jahre darauf Sicilien gegen Sardinien von dem Herzog von Savoyen eingetauscht, übernahm er, als die Türken den Venetianern den Krieg erklärt hatten, 1716 die Verteidigung dieser Republik. Seine Heere, unter Anführung des Prinzen Eugen, erfochten entscheidende Siege bei Peterwardein und bei Belgrad. Da aber die Spanier Sicilien angriffen und die Absicht zeigten, Italien wieder an ihr Königshaus zu knüpfen, schloß K. 1718 den Frieden zu Passarowicz, in welchem er Belgrad, das nördl. Serbien, Temesvär und einen Teil Slawoniens, Bosniens und der Walachei erwarb. Dieser neue Krieg, in welchen der span. Minister Alberoni durch seine Entwürfe Osterreich verwickelt hatte, wurde jedoch sehr bald durch die Quadrupleallianz, die zwischen Frankreich, England und Holland mit dem Kaiser sich bildete, beendigt. Um die Erbfolge in seinen Staaten ungeteilt bei seinem Hause, wenn auch nur in der weiblichen Nachkommenschaft, festzuhalten, erließ K. 19. April 1713 das Staatsgrundgesetz der Pragmatischen Sanktion (s. d.), welche die ungeteilte Monarchie bei Mangel männlicher Nachfolge der weiblichen Descendenz K.s sichern sollte. Damals hatte K. nach siebenjähriger Ehe von seiner Gemahlin Elisabeth von Braunschweig-Wolfenbüttel noch keine Kinder; drei Jahre später, 13. April 1716, ward ihm ein Sohn geboren, der aber bald starb und dem nur noch Töchter folgten. Die meisten Staaten, namentlich Frankreich, sowie die Kurfürsten von Bayern und Sachsen, deren Kurprinzen mit den Töchtern Josephs I. vermählt waren, verweigerten diesem Gesetz ihre Zustimmung. Doch gelang es K., nach dem erfolglosen Kongresse von Cambrai 1725 erst Spanien und aus Anlaß der gegen ihn und Spanien errichteten hannov. Allianz in einem Gegenbündnisse zu Wien vom 8. Aug. 1726 auch Rußland und Preußen auf seine Seite zu ziehen und von diesen die Anerkennung der Pragmatischen Sanktion, von letzterm Staate für die Verheißung der Erbfolge in Jülich, zu erlangen, während Frankreich und England in den J. 1726 und 1727 Holland, Dänemark, Schweden, ja selbst Hessen-Kassel und Braunschweig-Wolfenbüttel für sich gewannen. Alles rüstete sich, und ein Krieg schien unvermeidlich. Doch kam zu rechter Zeit noch durch die Staatskunst des Prinzen mißt, sind unter C aufzusuchen. Eugen zu Wien 16. März 1731 ein Vergleich zu Stande, in welchem K., gegen Aufopferung der neuerrichteten, großen Erfolg für seine niederländ. Staaten versprechenden Handelskompagnie von Ostende und gegen Bestätigung der Nachfolge des span. Prinzen Don Carlos in den zeither vom Kaiser besessenen Toscana, Parma und Piacenza, nun auch von England und Holland die Pragmatische Sanktion garantiert wurde. Aber Frankreich blieb gegen K. fortdauernd feindselig gesinnt und fand in der nach Augusts II. Tode 1733 streitig gewordenen Thronbesetzung in Polen einen Anlaß, den Krieg gegen Osterreich zu erneuern. Während Rußland mit Ssterreich, das dafür den Beitritt Kursachsens zur Pragmatischen Sanktion erlangte, sich für den Sohn des verstorbenen Königs (Augusts II.) erklärte, wollten Frankreich, Spanien und Sardinien Stanislaus Leszezynski, dem Schwiegervater Ludwigs XV., die Nachfolge auf den poln. Thron zuwenden. In dem nun beginnenden Kriege aber trafen K. unter dem schon alternden Eugen und den übrigen Feldherren fortdauernde Unfälle. Franz. Truppen entrissen ihm Mailand und die ganze Lombardei bis Mantua, ein span. Heer bemächtigte sich Neapels und Siciliens und am Rhein wurden Kehl, Philippsburg, Trarbach und ganz Lothringen erobert. Durch solche Schläge erschüttert, zeigte sich K. endlich bereit, im Frieden zu Wien 3. Okt. 1735, gegen Parma-Piacenza sowie gegen Gewährleistung der Pragmatischen Sanktion und Anerkennung Augusts III. als Königs von Polen, Neapel, Sicilien und einige alshene von Mailand, sowie von seiten des Deutschen Reichs ganz Lothringen, das als Entschädigung für Stanislaus Leszezynski bestimmt wurde, zu opfern. Nicht minder unglücklich kämpfte K., als er, durch Rußland bewogen, 1736 den Krieg gegen die Türken erneuerte, sodaß Osterreich im Frieden von Belgrad 18. Sept. 1739 fast alle Eroberungen, die es in den vorigen Kriegen gemacht, namentlich Belgrad mit Serbien und der Walachei, wieder verlor. K. starb 20. Okt. 1740 und hinterließ das Reich seiner 23jährigen Tochter Maria Theresia.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 111Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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