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ErdkundeBrockhaus 1882

Kars, die feste Hauptstadt früher eines eigenen Ejalets, dann eines zum Vilajet Erzerum gehörigen Mutessariflyks, seit dem Berliner Kongreß Hauptstadt eines russisch-asiat. Gouvernements, 180 km im NO. von Erzerum und 60 km im SW. von der russ. Festung Alexandropol (s. d.), liegt 1848 m hoch in der ausgedehnten, baumlosen, aber fruchtbaren und reichbewässerten Hochebene Schiragh, an der Ostseite einer isolierten Berg⸗ und Hügelgruppe, welche der Kars-Tschaj oder Akhurean im tiefen Engthale durchbricht. Die meist mehrere Stockwerke hohen Häuser der Stadt sind überwiegend aus Stein, viele aus schwarzen Basaltquadern erbaut. Die Straßen sind eng und schmutzig. K. war früher in Kriegszeiten Hauptsammelpunkt der osman. Streitkräfte im östl. Anatolien und gilt wegen der daselbst befindlichen Ewlia⸗(Heiligen⸗) Gräber und mehrerer Moscheen den Mohammedanern als eine geweihte Stätte, — der sie wallfahrten. Ein armen. Bischof hat in K. seinen Sitz. Der Ort hat eine buntgemischte Bevölkerung von Türken, Kurden, Armeniern, Georgiern und Persern, welche (1883) auf 19500 Köpfe veranschlagt werden kann. Die Stadt liefert nur für den eigenen Bedarf wollene Zeuge „von grobem Gewebe, sehr dauerhafte Teppiche und Filze. Dagegen hatte zu allen Zeiten der Durchgangshandel einige Bedeutung. K. galt bisher als „ein Bollwerk des Osmanischen Reichs und ist jetzt ein wichtiger vorgeschobener Posten der Russen, von dem aus Erzerum schnell erreicht werden kann. Die Festung bildet ein unregelmäßiges Polygon mit doppelter Mauer und vier Bastionen. Auf dem Ak-Dagh, einem steilen Hügel, liegt, gänzlich sturmfrei, das Fort Arkanieh, ein bastioniertes Fünfeck, auf und Madschar-Tabia, zwei starke Batterien. Während des Orientkriegs 1853—56 wurden die ältern Festungswerke mittels sehr ausgedehnter, aber schwacher Verschanzungslinien durch den engl. Ingenieuroberstlieutenant Atwell Lake ergänzt. Ferner hat man seit 1864 K. in einen großen Waffenlatz umzuwandeln begonnen. Im 3., 10. und 11. Jahr war K. Residenz einer eigenen armen. Dynastie. Im 11. Jahrh. wurde die Stadt eine Beute der Seldschuken, im 13. der Mongolen und 1387 zerstörte sie Timur; in den pers.⸗türk. Kriegen des 16., 17. und 18. Jahrh. wurde sie öfter belagert und erobert. Paskewitsch eroberte die Stadt 5. Juli 1828, und 10. Juli kapitulierte auch die Citadelle. Im Orientkriege übte der brit. General Williams großen Einfluß auf die Verteidigung von K. Das Hauptverdienst der Abschlagung des russ. Sturmangriffs am 29. 1U 1855 gebührt aber Ismael Pascha (dem ehemaligen ungar. General Kmety). Die russ. Blockade währte danach fort. Nachdem die Besatzung durch Hungersnot und Cholera decimiert, mußte General Williams 27. Nov. 1855 die Festung an die Russen übergeben. Beim Beginn des Russisch-Türkischen Kriegs von 1877 wurde K. von den Russen im Mai eingeschlossen und dann von General Melikow belagert, 11. Juli jedoch von den Türken unter Mukhtar Pascha entsetzt. Aber nach der Niederlage Mukhtar 1e Kr am Aladscha-Dagh (s. d.) 15. Okt. 1877 wurde K. unter der Oberleitung des Großfürsten-Statthalters Michael durch General Lazarew abermals eingeschlossen. Am 4.Nov. trafen aus Alexandropol Belagerungsgeschütze ein, am 5. wurde ein türk. Ausfall zurückgeschlagen und 11.Nov. begann die Beschießung der Stadt, sowie der Forts Karadagh, Hafsiz und Kanly. Die Besatzung blieb unerschüttert und verstärkte trotz des russ. Feuers die Werke der Ostfront. In der mondhellen Nacht vom 17. zum 18. Nov. erfolgte der Sturm durch 7 Kolonnen, und 4 Uhr morgens waren alle Werke auf dem rechten Ufer genommen, worauf sich die Citadelle ergab; 5 Paschas, 17000 Mann (darunter 4500 Verwundete und Kranke) kapitulierten, nur wenige Reiterabteilungen entkamen. Die Festung enthielt 303 Geschütze, und die Türken hatten beim Sturm 2500 Tote. Seitdem ist K. in ruff. Besit und inzwischen durch Ausbau der Werke und Anlegung neuer Forts zu einer großen Lagerfestung umgewandelt worden. Das Gouvernement Kars, zu Russisch-Armenien gehörig, umfaßt 18 586,5 q˙km mit (1880)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 152Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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