FeedKarst
ErdkundeBrockhaus 1882

Karst (ital. Carso, bei den Alten Carusavius) heißt im engern Sinne das etwa 82 km lange, 24 km breite, durchschnittlich 4500 m hohe Kalksteinplateau, welches sich nördlich von Istrien in südöstl. Richtung vom Isonzo bis zum Quarnerogolf durch das österr. Küstenland hinzieht. Von den Julischen Alpen wird dasselbe durch das Thal des Wipbachs, von den Hochflächen der Windischen Mark durch die Poik und die Recca geschieden. Gegen den Golf von Triest fällt es steil mit etwa 400 m hohem Absturz ab; sein höchster Gipfel ist der 1270 m hohe Sia. Der K., der aus vielfach zerllüftetem und durchlöchertem Kalk und Dolomit der Kreideformation besteht, ist ohne eigentliche Gebirgsbildung, ohne zusammenhängende Thäler; vielmehr bildet er eine von vielen trogartigen Becken, kesselförmigen Dolinen und zahllosen Trichtern durchlöcherte Hochplatte, auf der emehne hebungen, bald Berge und Hügel, bald schmale, steile Felsenwälle aufgesetzt sind. Das Plateau ist eine traurige Ode, mit Trümmergestein überschüttet, überaus arm an Vegetation, häufig von dem wütenden Nordostwind, der Bora, heimgesucht, der die spärliche Pflanzenwelt ausdorrt, die Erde wegreißt und den Fels bloßlegt und in weiter Ausdehnung keinen Baumwuchs aufkommen läßt. Wald findet sich fast nur in den vor der Bora geschützten Vertiefungen, in welchen auch Mais, Obst und Wein gebaut werden; die Viehzucht liefert einen tüchtigen Schlag von Gebirgspferden. Die Oberfläche der Hochplatte ist wasserarm, auf Cisternen und periodische Wasseransammlungen in den Dolinen angewiesen; dagegen wird das Innere von zahlreichen unterirdischen Flüssen durchzogen, die hier und da zu Tage treten, um nach kürzerm oder längerm oberirdischen Laufe wieder in den Klüften des Kalksteins zu verschwinden, so die Poik und die Recca. Südlich schließt sich an den eigentlichen K. der Tschitscher Boden an und bildet den Ubergang zu dem in Gesteinsart und Gebirgsform mit dem K. übereinstimmenden Plateau der Halbinsel Istrien. Wie dieses Plateau, rechnet man im weitern Sinne zum K. auch die nördlich und östlich von demselben gelegenen, karstähnlichen, aber teilweise bewaldeten Hochflächen der Julischen Alpen und der Windischen Mark: den Tarnowanerwald zwischen dem Isonzo und der Idrizza, den Birnbaumerwald zwischen der Idrizza und der Poik und die Piuka-Planina zwischen der Poik, der Recca und dem Zirknitzersee. Den Charakter des K. zeigen aber auch die weiter östlich zwischen der Save und der Kulpa gelegenen Höhen der Windischen Mark, das Gutenfeld und der Hornwald, ferner die bosnischen, kroat. und dalmat. Gebirge, sowie die Inseln und Klippen vor der dalmat. Küste. Als die Ursache der Karstbildung ist (nach von Mojsisovics) die Störung der begonnenen Thalbildung durch Gebirgsfaltung anzusehen. Die blinden Thalmulden des K. sind unentwickelte Erosionsthäler, deren Abfluß durch einen Bergriegel verlegt wurde. Dadurch wurden die Gewässer zu Seen aufgedämmt, die sich bei der verhältnismäßig leichten Löslichkeit des Kalksteins in Wasser und bei seiner Neigung zur Zerklüftung durch chem. und mechan. Erosion unterirdische Abflußwege öffneten. Auf diese Weise entstanden die unterirdischen Flußläufe, die Höhlen und, durch das Nachstürzen des unterhöhlten Deckgebirges, die Dolinen oder Einsturzkessel des K. Dagegen sind die Trichter oder Karstlöcher von der Gebirgsfaltung unabhängig und den Karrenfeldern der nördl. Kalkalpen entsprechend einfache Erscheinungen der chem. Erosion des Kalksteins, dessen unlösliche Teile sich als cterra rossap auf dem Grunde der Trichter ablagerten. Die österr. Karstländer werden von den Eisenbahnlinien iume-Karlstadt-Agram, Sissek-Kostajnica-Banjaluka, Brod-Zenica-Serajewo und Laibach⸗-Triest (Semmeringbahn) durchzogen, von denen letztere den eigentlichen K. zwischen St. Peter und Triest überschreitet und bei St. Peter sich nach Fiume, bei Divazza nach Pola und Rovigno verzweigt. Vgl. Schmidl, (Zur Höhlenkunde des K.» (Wien 1854); von Mossisovics, (Zur Geologie der Karsterscheinungen v ((Zeitschrift des Deutschen und Esterreichischen Alpenvereins. XIy, Wien 1880); Reyer, Studien über das ißt, sind unter C aufzusuchen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 153Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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