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ErdkundeBrockhaus 1882

Kassel, Hauptstadt der preuß. Provinz Hessen-Nassau und des Regierungsbezirks K. an der schiffbaren Fulda und an den Linien K.⸗Frankfurt, K.⸗ Waldkappel, Schwerte-Warburg-K., K.⸗Hannover und K.⸗Dietendorf der Preußischen Staatsbahnen gelegen, zählte 1884 mit Militär 66298 E., darunter 5609 Katholiken und 1854 Jsraeliten. Die Stadt besteht aus der Altstadt, der Ober-und der Neustadt. Nur die letztere befindet sich auf dem rechten Ufer der Fulda, während die übrigen Teile der Stadt auf drei sich sanft abdachenden Höhen links des Flusses, über welchen zwei Brücken führen, sich erheben. Seiner Lage wie seiner Bauart nach gehört K. zu den schönsten Städten Deutschlands. Ganz besonders zeichnet sich die Ober- oder Französische Neustadt, welche von franz.⸗ reform. Auswanderern angelegt wurde, durch breite, gerade Straßen, große freie Plätze und massive, zum Teil prachtvolle Häuser aus. Unter den öffentlichen Plätzen sind hervorzuheben: der 310 m lange, 140 mbreite Friedrichsplatz, auf drei Seiten von zwei Reihen Linden umgeben, mit der (von Nahl gefertigten) kolossalen Marmorstatue des Landgrafen Friedrich II.; der Theaterplatz mit der 1883 errichteten Erteenden Spohrs, von Hartzer ausgeführt, der zirkelrunde Königsplatz, bekannt durch sein sechsfaches Echo, der länglich viereckige Ständeplatz mit einer vierfachen Lindenreihe, der Zowenpmmnnen dert latz mit dem monumentalen öwenbrunnen, der Meßplatz mit dem Schomburgdenkmal und der reizende Spaziergang der Bellevue. Lage von Kassel. und auf dem nun verschwundenen Paradeplatz früher das alte Residenzschloß, welches 1811 teilweise abbrannte und 1817 vollends abgetragen wurde. Der 1820 an dieser Stelle begonnene großartige Bau der Kattenburg wurde wegen seiner Kostspieligkeit nicht fortgesetzt, das bisher Gebaute 1869 niedergerissen und das Material zu der neuen Bildergalerie (1877 vollendet) benutzt, die 1400 Gemälde, meist von niederländ. Meistern, enthält. Im Erdgeschoß der Gemäldegalerie sind jetzt die früher im Museum Fridericianum befindlichen Kunstwerke aus der Zeit der Renaissance u. s. w. aufgestellt. An der Stelle der Kattenburg wurde ein 1880 pollendeter Justiz⸗ und Regierungspalast errichtet. Unter den elf zu gottesdienstlichen Zwecken bestimmten Gebäuden befinden sich fünf reform. Kirchen, eine luth., eine kath. Kirche und eine in edelm Stil erbaute Synagoge. Bemerkenswert ist die Kirche zu St. Markin, mit Begräbnissen öt, sind unter E aufzusuchen. hess. Fürsten (unter anderm des Landgrafen Philipp des Großmütigen), und die neue kath. Kirche, in welcher Landgraf Friedrich II. ruht. Die vorzüglichsten öffentlichen Gebäude sind das 1779 erbaute Museum Fridericianum, worin die Landesbibliothek mit über 160000 Bänden und wichtigen Handschriften, das Antikenkabinett und die Korkmodelle (Nachbildungen altröm. Bauwerke) aufbewahrt werden; die Naturaliensammlung im alten Kunsthause am Steinwege; das Schloß Bellevue, das von 1811 bis 1813 der König Jéröme bewohnte, die beiden ehemaligen kurfürstlichen Schlösser am Friedrichsplatze, das königl. Hoftheater, die Kasernen, das große Krankenhaus der Charité und das Ständehaus. Auf dem höchsten Punkte der Stadt liegt der 1859 vollendete großartige Bahnhof für die genannten Eisenbahnen. K. ist Sitz des Oberpräsidiums der Provinz Hessen-Nassau, des Kommandos des 11. deutschen Armeekorps, eines Oberlandesgerichts für den Regierungsbezirk K. und für Waldeck, der Provinzial-Steuerdirektion für Hessen-Nassau, des Landesdirektoriums für den Regierungsbezirk K., eines Landgerichts, eines Amtsgerichts, einer Handelskammer u. s. w. Von höhern Unterrichtsanstalten bestehen zu K. eine Kunstakademie, ein Gymnasium, eine königl. Gewerbe- und Handelsschule mit Realvorschulklassen, eine Kriegsschule, ein Realgymnasium, eine Realschule, eine kunstgewerbliche Zeichenschule und eine höhere Töchterschule. Ein zweites Gymnasium ist (1884) im Bau begriffen. Unter den wissenschaftlichen Vereinen sind die für hess. Geschichte und Landeskunde (gestiftet 1834) und für Naturkunde (gestiftet 1836) hervorzuheben. Auch hat K. eine Sternwarte, Die Industrie K.s ist von Bedeutung. Die Henschelschen Maschinenbauwerkstätten und die für mathem. und physik. Instrumente von Breithaupt sind weithin bekannt; ferner sind hervorzuheben eine Eisenbahnwagenfabrik, eine Pianofabrik, Fabriken in Gold⸗ und Silberwaren, chem. Waren, Messern, Porzellan, Tabak, Zucker, Leder, Handschuhen, Wachstuch, Möbeln u. s. w. Der Verkehr wird durch zwei Messen, vier Jahrmärkte, den Wollmarkt, eine Landeskreditkasse, eine Reichsbankhauptstelle und einen Kreditverein unterstützt. Eine Straßendampfbahn und Pferdebahnen erleichtern den Verkehr in der Stadt und mit den Nachbarorten. Dicht vor der Stadt und in Verbindung mit dem Orangeriepalais, in dem zur westfäl. Zeit öfters Hofbälle und Maskeraden gegeben wurden, befindet sich der große Auegarten mit dem vom Landgrafen Karl (gest. 1730) erbauten Marmorbade. Das Thal, worin K. liegt, wird nordwärts von Vorbergen des Reinhardswaldes, im Westen vom Habichtswalde und im Süden von dem Söhrewalde beherrscht. Gegen Osten zieht sich beim Dorfe Bettenhausen vorbei eine weite, durch geringe Hügel eingefaßte Ebene, über welche Über den Bergen des Kaufungerwaldes der Meißner sein Haupt erhebt. Die Fulda windet sich als schiffbarer Strom in mannigfaltigen Krümmungen von Süden nach Norden durch dieses Thal. Das Lustschloß Wilhelmshöhe (s. d.), mit der Stadt durch eine mit Dampf betriebene Straßenbahn verbunden, liegt 4 lm entfernt, 2 km südwestlich das Schlößchen Schönfeld oder Augustenruhe, und 8 Em von der Stadt in einem anmutigen Thale das Lustschloß Wilhelmsthal. Eines Ortes Chassala wird schon 913 in einer Urkunde König Konrads I. gedacht. Der Landgraf Hermann der Jüngere von Thüringen bestätigte 1239 den Bürgern von K. aufs neue ihre Rechte und Freiheiten. Philipp der Großmütige verstärlte die Befestigungen der Stadt, Landgraf Karl legte 1688 die Oberneustadt an. Die Alliierten nahmen 1762 nach langer Belagerung die von den Fran-Femt verteidigte Stadt; bald nachher wurden die estungswerke abgetragen. Nach dem Tilsiter Frieden ward K. 1807 die Haupt⸗ und Residenzstadt des Königreichs Westfalen. Nach kurzer Beschießung mußte die Stadt 30. Sept. 1813 dem General Tschernitschew übergeben werden, der sie aber bald wieder räumte. Jedoch kehrte König Jéröme nur auf wenige Tage zurück. Nach seiner Flucht hielt am 21. Nov. Kurfürst Wilhelm JI. von Hessen seinen Einzug. Am 19. Juni 1866 wurde K. von preuß. Truppen unter General von Beyer besetzt und ist seitdem preußisch. Vgl. Piderit, «Geschichte der Haupt⸗ und Residenzstadt K. » (Kass. 1844; 2. Aufl. 1882); Hahndorf, 4K. vor fünfzig Jahren » (Kass. 1863); Fr. Müller, «K. seit siebzig Jahren» (Kass. 1876); A. Duncker, Landgraf Wilhelm IV. von Hessen und die Begründung der Bibliothek zu K.y (Kass. 1881); Oberbeck, «Touristenführer für die Umgebung von K. » (4. Aufl., Kass. 1884); H. Brunner, «K. im Siebenjährigen Kriegey (Kass. 1884); 4Führer durch K., Wilhelmshöhe und Umgebungo (6. Aufl., Kass. 1884). Der Regierungsbezirk Kassel zählt auf 10114,6 gkm (1880) 822 951 CE., worunter 665 276 Cvangelische, 136 634 Katholiken und 19142 Juden. Er zerfällt in den Stadtkreis K. und die Landkreise Eschwege, Frankenberg, Fritzlar, Fulda, Gelnhausen, Gersfeld, Hanau, Hersfeld, Hofgeismar, Homberg, Hünfeld, Kassel (405 akm mit 43937 E.), Kirchhain, Marburg, Melsungen, Rinteln, Rotenburg, Schlüchtern, Schmalkalden, Witzenhausen, Wolfhagen und Ziegenhain.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 170Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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