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PflanzenreichBrockhaus 1882

Kastanien, die Früchte des Kastanienbaumes, Castanea vesca Gεeuln., welcher zum Unterschied von der Roßkastanie (s. d.) auch Edelkastanienbaum genannt wird. Dieser Edelkastanienbaum ist ursprünglich in Kleinasien zu Hause, kommt aber seit langen Zeiten auch wild oder doch verwildert im ganzen wärmern Europa, in Deutschland bis an den Main vor, gedeiht in geschützten Lagen aber auch in Norddeutschland, z. B. in Sanssouci bei Potsdam und in Wernigerode am Harz. Derselbe erreicht in 60 Jahren eine Höhe von 22 mund schon einen Durchmesser von 65 em. Sein schönes hellgrünes Laub kann 25 —30 em lang werden; es hat scharfe Sägezähne. In Blatt⸗ und Fruchtbildung nähert er sich der Rotbuche (Fagus), im Wuchse, in Holz und Rinde mehr der Eiche (Quercus). Von beiden unterscheidet er sich durch den Blütenstand, welcher aus einer achselständigen Ahre besteht, die am Grunde einen oder einige Knäuel weiblicher Blüten, sonst aber lauter männliche, ebenfalls knäuelförmig gruppierte trägt. Nach vollzogener Befruchtung fällt der mit männlichen Blüten besetzte Teil der Ahrenspindel ab. Je zwei bis drei weibliche Blüten stehen in einer gemeinsamen weichstacheligen Hülle, welche sich später zu einem vollkommen geschlossenen, zuletzt unregelmäßig aufspringenden, mit langen dünnen Stacheln dicht besetzten, lederartigen Fruchtbecher ausbildet. Jede Frucht pflegt nur einen Samen KKastanie) einzuschließen, indem von 13—14 ursprünglich vorhandenen Samenknospen des Fruchtknotens gewöhnlich nur eine zur Entwickelung kommt. Selten findet man zwei mit einer plattgedrückten Seite nebeneinander liegende Samen. Die bessern Sorten der K., die sog. Maronen, werden meist aus Südtirol und Italien, sowie aus Sudfrankreich, besonders über Luyon bezogen. Je südlicher sie herstammen, desto besser sind sie. An sich hart und mehlig, werden sie durch Kochen oder besser durch Rösten weich und süß und geben eine gesunde, nahrhafte Speise ab. In südl. Ländern bilden sie ein Hauptnahrungsmittel der Armen, die auch Mehl und eine Art Brot daraus bereiten. Auch das Holz des Baums wird sehr geschätzt; es gleicht dem Eichenholz und hat unter Wasser eine lange Dauer. Die franz. Weinfässer bestehen fast ausschließlich aus diesem Material, und der schlank aufwachsende Stockausschlag gefällter Bäume liefert die Faßreifen. Auch sonst findet das Holz als Bau- und Nutzholz vielfache Verwendung und die Rinde dient zum Gerben. Auch andere Arten des Kastanienbaums tragen eßbare Früchte. Die Amerikaner schätzen die Früchte der C. américana 870., welche sich von der Hauptform nur durch etwas breitere Blätter unterscheidet, und des Chincapin, des Zwergkästenbaums, C. pumila Mich., der einen niedrigen Busch von nur 3—4 m Höhe bildet. Die Bergbewohner Javas aber genießen die Frucht des silberweißen (C. argentea) Kastanienbaums. Der Kastanienbaum liebt vorzugsweise kräftigen Sandboden, weniger gut in schwerem Lehm⸗, oder in humusreichem Garten⸗, gar nicht in Kalkboden. Auch verträgt er keine Nebelluft und nicht die Ostseite der Berge, weil er dort zu früh blüht und seine Frucht zu häufig durch Nachtfröste zerstört wird. Man pflanzt gewöhnlich Sämlinge, oft aber auch Grundstämme der gewöhnlichen Art, welche mit edlern, großfrüchtigen Sorten befropft sind.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 173Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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