FeedKaulbach (Wilh. von)
Bildende KunstBrockhaus 1882

Kaulbach (Wilh. von), berühmter Maler, geb. 15. Okt. 1805 zu Arolsen im Fürstentum Waldeck, verlebte seine Kindheit unter ungünstigen häuslichen Verhältnissen, zum Teil bei Verwandten in Westfalen, bei denen wenig für seine Erziehung geschah. Mit dem 17. Jahre wurde ihm die Möglichkeit verschafft, die Akademie zu Düsf eldorf zu besuchen, wo er unter der Leitung von Cornelius seine Studien begann. Er eignete sich dessen Prinzipien und Darstellungsweise an, während sich doch zugleich in ihm eine völlig verschiedene Richtung vorbereitete, die durch einen Zufall die eigentümlichste Nahrung erhielt. K. hatte in der Kapelle des Irrenhauses zu Düsseldorf einige Engelfiguren gemalt. Bei dieser Gelegenheit führte ihn der Irrenarzt in der ganzen Anstalt umher, und hier prägten sich seiner Phantasie die Bilder ein, welche er später in einem seiner berühmtesten Werke, dem Narrenhause, zu einem Ganzen zusammengefaßt hat. Durch Cornelius nach München befördert, malte er im strengen idealen Stil des Meisters sechs symbolische Figuren, darunter die Bavaria und die bayr. Ströme in den Arkaden des Hofgartens, sowie das Deckengemälde: Apollo unter den Musen, im Odeon, während gleichzeitig (1828 und 1829) die ganz abweichend realistisch gehaltene Komposition des Narrenhauses entstand (Zeichnung gestochen von Merz), zu welcher Guido Görres einen Text schrieb und welche, dank ihrer reichen Charakteristik, den Ruf Kis feststellte. Die bald darauf gemalten 16 Wandbilder zur Fabel von Amor und Psyche im Palast des Herzogs Max in München sind im einfachsten, streng antiken Stil gehalten. An der Ausschmückung des Königsbaues mitbeschäftigt, lieferte er die Scenen aus Klopstock und 16 Darstellungen zu Goethes Gedichten, während die Bilder zu Wielands Gedichten wenigstens nach seinen Zeichnungen ausgeführt sind. Inzwischen entwarf er auf Klenzes Impuls seine Hunnenschlacht, die er ohne Bestellung sofort in großem Maßstabe anlegte, bis ihn Graf Raczynski 1837 aufsuchte und die Olausführung bestellte. Nach Jahresfrist war das Bild braun in braun untertuscht, aber der Besteller wünschte es zu behalten wie es war; infolge dessen ist das Werk in dieser Gestalt erhalten. Es verkörpert die Sage von dem Kampf zwischen den Geistern der gefallenen Hunnen und Römer vor den Thoren Roms. Von der leichenbedeckten Walstatt erheben sich die Schemen in gewaltig bewegten Gruppen in den Ather und setzen dort die Schlacht fort. Der Gegenstand war neu, von ungewöhnlicher, zauberhafter und dämonischer Natur, die Darstellung voll Charakter, Lebendigkeit und Schönheit, die Gestaltung des Einzelnen so interessant, daß man es wohl begreift, wenn dieses Bild seinerzeit als der Gipfel der neuen Kunst gepriesen wurde. Das Studium Hogarths förderte eine Reihe von Zeichnungen zu Schillers (Nerbrecher aus verlorener Ehres und zu Goethes (Fuusto zu Tage. Auch das Tiermärchen Reineke Fuchso beschäftigte ihn und gab ihm Gelegenheit, seinen sprudelnden Witz künstlerisch zu verwerten. Im Winter von 1837 auf 1838 schuf er seine zweite große heroische Komposition, die Zerstörung Jerusalems. In den Trümmern des Tempels, von Leichen umgeben, gibt sich der Hohepriester am Altar den Tod, während Titus mit seinen Legionen einrückt. Im Vordergrunde flieht der Ewige Jude, don Dämnen verfolgt, und die Christen, von Enzeln geleitet, verlassen die Stätte; oben in der Gloie zeigen sich Propheten und Strafengel. König zudwig von Bayern veranlaßte ihn, diese kolossale Ronzeption in einer Größe von 6m in GÖl auszuühren, und wies ihr einen Ehrenplatz in der Neuen Binakothek an. Das Bild war 1846 vollendet; es burde 1844—52 auf Grund einer Zeichnung von t, sind unter C aufzusuchen. Friedrich K. durch den Kupferstecher Merz in ungewöhnlicher Größe in Kupfer gestochen. K. erhielt 1845 den Werhr das Treppenhaus des Neuen Museums in Berlin mit sechs großen Wandgemälden welthistor. Inhalts zu schmücken. Er entwarf zu diesem Zwecke alsbald ein Bild vom Turmbau zu Babel, auf dessen Stufen der König Nimrod thront, und an dessen Fuße die große Völkerscheidung vor sich geht. Im Sommer 1847 begann er diese Komposition in Berlin in Farben zu kleiden, wozu er sich der von Fuchs und Schlotthauer erfundenen stereochromischen Manier der Wandmalerei bediente. Das zweite Bild schildert die griech. Welt und zeigt den aus Jonien kommenden Homer, wie er den Griechen die neuen Götter bringt, und Repräsentanten des hellenischen Volkslebens an der Küste, an welche ihn eben die Sibylle von Cumä geführt hat, seinen Gesängen lauschen. Das dritte Bild ist eine Wiederholung der obenerwähnten Zerstörung von Jerusalem. Als vierte Darstellung ist die in der Galerie Raczynski befindliche Hunnenschlacht eingereiht, während die fünfte Wandfläche die Zeit der Kreuzzüge charakterisiert (Ankunft Gottfrieds von Bouillon vor Jerusalem). Das Schlußbild ist dem Zeitalter der Reformation gewidmet. Es zeigt alle hervorragenden Geister, welche an der Erneuerung des geistlichen, sittlichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Lebens im 14. bis 17. Jahrh. Anteil haben, in den Räumen einer got. Kirche versammelt, in deren Chor die Abendmahlsfeier vor sich geht. Diese großen Gemälde werden durch breite, pilasterartige Flächen voneinander getrennt, welche in ihrer obern Hälfte die allegorischen Figuren Agypten, Griechenland, Italien und Deutschland, in ihrer untern aber vier Gesetzgeber (Moses, Solon, Karl d. Gr. und Friedrich d. Gr.) darstellen. Zu beiden Seiten dieser Figuren ziehen sich grau in grau gemalte Rahmenstreifen herab, welche je einem Volke gewidmet sind und in teils symbolischen, teils realen Darstellungen auf symmetrisch wiederkehrenden Feldern dessen Gott⸗ und Weltanschauung, sowie die Uranfänge seiner politischen und Kulturgeschichte enthalten. So haben auf der einen Seite Indien, Persien, Agypten, Griechenland, Judäa und Rom, auf der andern das alte Germanentum, Italien, England, Frankreich und Deutschland ihre Denktafeln. Reliefartig behandelt ist sodann auch der lange abschließende Fries oberhalb der Wandflächen, welcher in laufendem Arabeskenzuge Kindergestalten zeigt, in deren Spiel sich die ganze Weltgeschichte heiter-parodistisch abspiegelt, ein geistreicher Gedanke, der die Fülle von Laune und Erfindungskraft K.s glänzend zur Geltung bringt. Zum Abschluß des Ganzen gehören außerdem vier große Supraportenfelder, welche die Figuren der Sage, der Geschichte, der Dichtkunst und Wissenschaft enthalten. Endlich erblickt man an den Fensterwänden die schwebenden Kolossalgestalten der Baukunst, Bildnerei, Malerei und Kupferstecherei, gleich jenen farbig ausgeführt. Eine Übertragung der ganzen kolossalen Arbeit in Kupferstich durch die Hand ausgezeichneter Stecher wurde 1853 begonnen: auch photographische Nachbildungen sind davon vorhanden. Für München hatte K. während dieser Zeit ebenfalls eine bedeutende monumentale Arbeit übernommen: einen Cyklus von Freskogemälden an der Außenwand der Neuen Pinakothek, darstellend die Entwickelung der neuern Kunstgeschichte seit dem Wiederaufblühen der Kunst zu Anfang des 19. Jahrh. K. hat hier nicht unterlassen können, diesen Darstellungen, in denen er selbst mitspielt, den ihm fast zur andern Natur gewordenen Sarkasmus spielen zu lassen. Diese Richtung hat seine Schöpfungen auch in der Regel um eine gesunde, frische Wirkung gebracht. Für das Maximilianeum malte K. in kolossaler Ausdehnung in Öl die Seeschlacht bei Salamis. Neben einer außerordentlich großen Zahl von Porträts in ganzer und halber Figur in Öl und in Kreide lieferte er ferner eine Fülle von illustrierenden Zeichnungen in Kreide und Kohle, sodann die Evangelisten zur Deckerschen Folioausgabe des Neuen Testaments, eine Reihe von Blättern zu den Werken Shakspeares für den Stich und zu den Werken Schillers und Goethes für die Photographie, Werke, welche eine in Deutschland beispiellose Verbreitung gefunden haben und denen sich später noch andere Kompositionen scenischer Art, z. B. zu Wagnerschen Opernmotiven, anschlossen. Wie K. ganz in den modernen Geistesbestrebungen lebte, so bekannte er sich auch oft als Mitkämpfer, und dies führte ihn zur Tendenzmalerei. Dahin gehört besonders sein Peter Arbues, ein großer, grau in grau gemalter Karton, welcher die Schrecken der Ketzerrichterei zum Gegenstande hat, sodann sein Totentanz und sein heiliger deutscher Michael; es sind Erzeugnisse der momentanen leidenschaftlichen Erregung und deshalb auch nur von zeitgeschichtlichem Wert. Von Haus aus mit starkem Sinn für das Charakteristische und zugleich für das gefällig Schöne ausgestattet, schwankt K.s Stil zwischen beiden Elementen. Er verliert sich dabei in das Extrem des einen, die Karikatur, und zugleich in das entgegengesetzte, die leere Grazie; selten nur hat er eine Einheit beider Richtungen erzielt. In seinen großen histor. Kompositionen verfällt er zu sehr ins Symbolisieren; andererseits beobachtet man bei ihm eine allmähliche Erschlafung des Formgefühls, welche den spätern Werken im Vergleich zu den bedeutend charakteristischen der frühern Zeit etwas Konventionelles gibt. K., seit 1837 königl. bayr. Hofmaler, seit 1849 Direktor der münchener Akademie, war Mitglied aller bedeutenden Kunstanstalten, wurde geadelt und mit Anerkennung und Ehren überhäuft. Er starb in München 7. April 1874 an der Cholera. Vgl. A. Woltmann, «Wilhelm von K. » (in «Unsere Zeit Jahrg. 1874, II).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 202Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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