Kiptschak (russ. Kyptschak, auch wohl Kaptschak) heißt einer der ältesten und am weitesten westwärts vorgerückten Stämme des großen Türkenvolks, dessen Name auch auf seine Wohnsitze übertragen wurde. K. oder Deschti-⸗Kiptschak, d. h. Steppe der K., nennen im Mittelalter die orient. Schriftsteller das weite pontisch-kaspische Steppengebiet im jetzigen Südrußland. Noch jetzt findet sich der Name des Stammes der K. unter den Türken von Khokand, Chiwa und Bokhara, sowie an der Nordgrenze von Herat und bei den Kirgisen der Mittlern Horde vor. (S. Tafel: Asiatische Menschenstämme, N0 22 und 23.) Eine größere Ausdehnung als das bezeichnete Gebiet hatte das von den Mongolen gegründete Chanat Kiptschak oder Reich der Goldenen Horde. Dieses reichte in Europa von den Vorhöhen des Kaukasus nordwärts bis zur mittlern Wolga und der Kama, westwärts in das Innere Rußlands und ostwärts bis an den Ural, in Asien gegen O. bis an die Dsongarei, gegen N. an Sibirien, gegen S. an den Kaspi⸗ und Aralsee, den Sir (Jaxartes), Sary-su und Tschu in Turan. Die Mongolen gaben dem Lande seine Beherrscher aus der Familie Dschingis-Chans, bekleideten die Hof⸗ und Staatsämter, verschwanden aber an Zahl in der Masse der von ihnen beherrschten türk. und nichttürk. Stämme. Bereits 1222 hatten sie das Land zu beiden Seiten der untern Wolga, sowie nach Besiegung der Russen und Polowzer in der Schlacht an der Kalka 31. Mai 1224 die pontische Steppe bis an den Dnjepr durchwüstet. Die westl. Länder wies Dschingis-Chan seinem ältesten Sohne Dschutschi (gest. 1224) an. Letzterm folgte dessen Sohn Batu (gest. 1255), der 1235 den Jaik überschritt, 1236 die Wolga-Bulgaren und bis 1240 fast ganz Rußland sich zinsbar machte. Nach seiner Rückkehr 1242 gründete er Sarai oder Serai als Haupt⸗ und Residenzstadt von K., von wo aus die mächtigen Chane vom 13. bis 15. Jahrh. nicht nur Rußland, sondern auch die westlichern Länder in Schrecken setzten. Die Stadt wurde im 15. Jahrh. zerstört und war jahrhundertelang verschollen. Erst 1836 fand man durch Ausgrabungen ihre ausgedehnten Trümmer (Gewölbe, Säulen, Dämme, Wasserbehälter, Befestigungen, mehrere tausend Häuser u. s. w.) bei der russ. Stadt Zarew im Gouvernement Astrachan an dem Wolgaarme Achtuba, östlich von Zarizyn. Unter Batus Bruder, Barkai oder Bereke Eumerinhn welcher Sarai erweiterte und den Isam einführte, warf sich 1261 der Feldherr Nogaja am Schwarzen Meere zum Herrn der Kumanen oder Polowzer auf und behauptete sich bis an seinen Tod (1292), worauf sich seine Horde wieder dem Chan von K. unterwarf, aber den Namen der Nogajischen Tataren beibehielt. Dem gefeierten Usbek-Chan (1305 —41) zu Ehren, welcher den Jslam mit Eifer ausbreitete, nahmen die kiptschakischen Horden den Namen Usbeken (s. d.) an. Nach der Ermordung seines Enkels, Berdibek-Chan (1358), wurde das Reich durch blutige Erbfolgehändel zerrüttet. Temnik-Mamai warf sich am Don zum Chan auf, und in Sarai ward 1376 Tochtamisch, ein Abkömmling Dschingis-Chans, durch Timur (s. d.) eingesetzt. Tochtamisch siegte 1382 über Mamai und vereinigte das Reich wieder, wurde aber selbst 1395 von Timur vertrieben, der auch das reiche Sarai plünderte und zerstörte. Nun setzte anfangs Timurs Feldherr, Jedigei, die Chane von K. ein und ab. Darauf folgten große Verwirrungen, sodaß sich 1438 Kasan (s. d.), 1441 die Krim (s. d.) und 1480 Astrachan (s. d.) als unabhängige Chanate aufwarfen. Der letzte Chan der Goldenen Horde, seit Batu der fünfzigste, Kutschuk (der kleine) Mohammed, wurde 1480 ermordet. Alle diese Chanate wurden eine Beute der Russen, zuletzt das der Krim. In Turan hatte Batu-Chan 1245 seinen Bruder Scheibani über die Tatarenhorden zwischen dem Jaik, Aralsee und Sary-su eingesetzt. Scheibanis Nachkommen wurden um 1360 unabhängig, schwächten sich aber durch Teilungen in mehrere einzelne Horden, welche alle den Namen Usbeken annahmen. Schaibek-Chan vereinigte sie 1481 wieder und eroberte 1500 ganz Turan. Vgl. Hammer-Purgstall, Geschichte der Goldenen Horde in K.y (Pest 1840).